Werdenfelser Biergeschichten

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Mmmmh, Biiiiier! So machten die Garmischer früher Werbung.

Seit 360 Jahren brauen sie im Werdenfelser Land Bier. In einer beachtlichen Ausstellung wird diese Bier-Geschichte nun erzählt: vom Anfang bis zum heutigen Tag. Es ist eine Heimatgeschichte mit vielen Räuschen, einigen Toten und einem Happyend, auf das viele noch warten.

Seit 360 Jahren brauen sie im Werdenfelser Land Bier. In einer beachtlichen Ausstellung wird diese Bier-Geschichte nun erzählt: vom Anfang bis zum heutigen Tag. Es ist eine Heimatgeschichte mit vielen Räuschen, einigen Toten und einem Happyend, auf das viele noch warten.

Von Stefan Sessler

Die Geschichte des Werdenfelser Biers beginnt mit einer Katastrophe. Das Garmischer Brauhaus hat grad mal 15 Jahre auf dem Buckel, als sich der vom Volk gehasste Bräuverwalter Milleitner, der oberste Brauerei-Chef, im Jahr 1668 erhängt. Mitten im Brauhaus.

Milleitner, heißt es, pflegte einen ausufernden Lebensstil; er zwang die Einheimischen dazu, Brennholz abzuliefern, trug opulente Kleider, dazu silberne Knöpfe, zahlte seine Rechnungen nicht und soll dauernd betrunken gewesen sein. Nach seinem Tod hinterlässt er einen Berg von Schulden. Aber noch viel schlimmer: Er hinterlässt einen Fluch. Der Geist des Bräuverwalters spukt im Brauhaus, sagen die Braugehilfen. Viele wollen ihn leibhaftig gesehen haben. Die Arbeiter verweigern die Nachtschichten. Nur der Gehilfe Martin Grimm traut sich bei Dunkelheit in die Brauerei. Ein Fehler. Auch ihm, so erzählt er es später, begegnet eines Tages der tote Milleitner. Danach liegt er zehn Wochen krank im Bett.

Oje, die Werdenfelser und ihr Bier. Es ist eine Geschichte voller Schicksalsschläge, Schreckensnachrichten, Todesfälle, aber auch eine Geschichte voller sagenhafter Glücksmomente und noch sagenhafteren Räuschen. Das Museum Aschenbrenner in Garmisch-Partenkirchen hat sich jetzt dieser Herkulesaufgabe angenommen. Es erzählt diese Geschichte von vorne bis hinten – und zwar in der heute beginnenden Ausstellung „Zugspitzgold und Olympia-Märzen. Biergeschichte(n) in Werdenfels“. Es ist ein Stück Heimatgeschichte, das hier präsentiert wird – süffig und kurzweilig. Denn wer Bayern verstehen will, der kommt am Bier nicht vorbei, das ist ja wohl klar.

Die Einheimischen lernen das regelmäßige Biertrinken zwar erst nach dem Jahr 1600. Aber dann so richtig. Davor war Wein, grad im Werdenfelser Land der Alkohol, dem der Bayer vertraute. Doch dann ändert sich das Klima, es wird deutlich kühler und der Weinanbau schwerer. Das Bier tritt seinen Siegeszug an. Der Kälte sei Dank. Daran sollte man heutzutage immer mal wieder erinnern – vor allem im Biergarten, auf der Wiesn und wenn man die bayerische Bierkönigin zufällig trifft. Es ist das ultimative Bier-Angeber-Wissen. Danach ist einem der Gscheidhaferl-Pokal sicher.

Im Jahr 1653 (und nicht wie lange fälschlicherweise angenommen 1663) lässt der Freisinger Fürstbischof Albrecht Sigismund als Landesherr jedenfalls eine Brauerei in der Grafschaft Werdenfels errichten. Das ist keineswegs ein Gnadenakt für eine durstleidende Bevölkerung – der Fürstbischof erhofft sich das große Geld. Die Hoffnungen erfüllen sich schon bald. Über die Hälfte des Überschusses, nämlich rund 6500 Gulden im Jahr, den das Hochstift Freising in der Grafschaft erzielt, stammt schon bald aus dem Brauhaus. Die Werdenfelser trinken die Obrigkeit reich. Denn die Erzeugung von „weißem“, obergärigem, meist aus Weizenmalz hergestelltem Bier ist von 1603 bis 1798 in Bayern nur dem Landesfürsten erlaubt. Durch das Biermonopol saniert der Herzog seinen Haushalt.

Allerdings ist es eine knüppelharte Arbeit, das wohlschmeckende Gebräu herzustellen. Die Schäffler, die Pfannenknechte, die Malzknechte und die Dörrknechte, die Biersieder und die Auskühler, sie müssen schuften wie die Ochsen. Und wer schuftet, der hat bekanntlich Durst. Einen Teil des Lohns bekommen die Angestellten deswegen in Form von Bier ausbezahlt. Raue Mengen Bier, die sie den Tag durch trinken, um g’scheit zulangen zu können. Knechte bekommen um das Jahr 1800 täglich knapp neun Mass Bier, die Schäffler sechseinhalb Mass. Am meisten kriegen die Winterknechte, die nur saisonal eingestellt wurden. Nämlich zehn Mass am Tag. Das Bier hat damals nicht ganz so viel Alkohol wie heute, aber trotzdem klingen die Mengen für heutige Ohren unfassbar. Mit Saft-Schorle kann man damals jedenfalls niemanden in die Brauerei locken. Sogar eine Art Rente wird früher in Bier ausgezahlt. Johann Ostler, Garmischer Oberschäffler im Ruhestand, fragt 1760 in Freising an, ob man ihm, bittschön, eine tägliche Biermenge von anderthalb Mass zur Verfügung stellen könnte. Antwort: Bier ja, aber nur eine halbe Mass am Tag. Ostler ist schwer enttäuscht – und schreibt zurück: „Es ist doch gwiß, dass es einem alten Mann, der den Trunckh gewohnet, hart fallen mieste, wan er sich erst zum Wasser gewöhnen mieste.“ Hätte er besser nicht geschrieben. Die Obrigkeit streicht ihm daraufhin jegliches Gratis-Bier. Armer, durstiger Ostler Johann.

Nach der Säkularisation geht das Brauhaus in Privatbesitz über – vier vermögende Wirte übernahmen es. 1889 verkaufen die Familien die Brauerei wieder. Harte Zeiten fürs Werdenfelser Bier brechen an. Die Bahnstrecke München-Garmisch-Partenkirchen wurde gerade eröffnet, daraufhin schwappen große Mengen Münchner Bier in die Region.

Die Konkurrenz wird immer härter. Auch andere Werdenfelser drängen auf den Markt. In Partenkirchen eröffnet der „Raßbräu“ – aber die Brauerei steht unter keinem guten Stern. Johann Wörndle, der „Raßwirt“, fährt 1847 nach Amsterdam, um eine Erbschaft abzuholen. Auf der Rückreise wird er beraubt und ermordet.

Es ist wie verhext: 1865 sucht der große Partenkirchner Brand den „Raßbräu“ heim. Die Brauerei und das zugehörige Wirtshaus müssen von Grund auf neu gebaut werden. Im Dezember 1892 meldet Johann Reiser, der Besitzer, die Brauerei bei der Gemeinde ab. Geht es nach der Chronistin Emma Bodenmüller, dann war das die beste Entscheidung, die der Brauerei-Chef Reiser treffen konnte. „Er hatte die Derbheit seines Vaters geerbt, ohne seine Geschäftskenntnis. Das Bier war jammervoll schlecht, mehr als einmal sah sich der Gerichtsarzt, der einen guten Tropfen sehr zu schätzen wusste, veranlasst, den ganzen Sud laufen zu lassen.“

Die neugegründete Weißbierbrauerei Utzschneider in Garmisch hält sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht mal drei Jahre, dann macht sie schon wieder dicht. Das Werdenfelser Bier macht harte Zeiten durch. Liegt schon wieder ein Fluch auf ihm? Nun ja, ganz so schlimm ist es auch wieder nicht. Die Privatbrauerei in Mittenwald, die 1808 ihre Konzession bekommt, erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Ihr Karwendel Hell, ihr Berg Pils und all die anderen Sorten haben alle Stürme überdauert.

Und auch das Brauhaus Garmisch, das damals vom Fürstbischof aus der Taufe gehoben wurde, erlebt unter der Brauereidynastie Röhrl Jahrhunderte später durchaus schöne Tage. Die Urlaubsgäste, die es in großer Zahl ins Werdenfelser Land zieht, bringen viel Bierdurst mit. Das Brauhaus startet aufwändige Werbekampagnen, und mit Erfindung des Olympia-Biers gelingt der Brauerei ein Coup. Sie lässt sich die Markenrechte schon lange vor den Olympischen Spielen 1936 sichern. Jahrzehntelang sind der „Olympiator“, das „Olympia-Pils“ und das „Olympia-Sport-Bier“, im wahrsten Sinne des Wortes, in aller Munde. Der etwas holprige Werbespruch damals: „Der Kenner, Freund, das merke Dir, trinkt immer Garmischer Brauhaus-Bier.“ Dennoch: Der wirtschaftliche Erfolg bleibt aus. Die Röhrls verkaufen die Brauerei. 1971 kauft Löwenbräu den Traditionsbetrieb. Während der Olympischen Spiele 1972 wirbt die Münchner Groß-Brauerei mit ihrer neuen Biersorte – dem „Olympia-Pils“. Es ist der letzte große Auftritt für die Erfindung aus dem Werdenfels. Ende September 1972 wird das letzte Mal in Garmisch gebraut. Aus, vorbei. Eine über 300-jährige Biergeschichte endet.

Manfred Reischl, 69, hat ab 1960 im Brauhaus Garmisch gelernt, später wurde er Braumeister und hat in vielen bayerischen Brauereien gearbeitet. Noch heute erinnert er sich gerne an die Zeit in Garmisch. Noch heute trauert er dem Garmischer Bier nach. Er sagt: „Bier braucht Heimat.“ Es gab immer mal wieder vage Versuche, die Brauerei wiederzubeleben. Aber wirklich geklappt hat es nie. Es fehlte der Mut – und das Geld.

Aber es bleibt natürlich: die Hoffnung. Wer weiß, vielleicht besucht irgendein ambitionierter Braumeister die Bier-Ausstellung, sieht die alten Etiketten, die Bilder, die jahrhundertalte Geschichte – und fängt morgen wieder an, Olympiator zu brauen. Oder Zugspitz-Gold. Oder Werdenfelser Helles. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Die Ausstellung

noch bis zum 13. Oktober im Museum Aschenbrenner, Loisachstraße 44, Garmisch-Partenkirchen. Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr.

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