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Geheimnisumrankter Tod

Wer war schuld am Tod von König Ludwig II.? Historiker rechnet in neuem Buch scharf ab

 136 Jahre nach dem geheimnisvollen Tod des Bayern-Herrschers im Starnberger See ist Ludwig im Gedächtnis der Bayern
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 136 Jahre nach dem geheimnisvollen Tod des Bayern-Herrschers im Starnberger See ist Ludwig im Gedächtnis der Bayern
  • Dirk Walter
    VonDirk Walter
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Nach wie vor ranken sich viele Mythen um den Tod von Ludwig II. Ein Historiker rechnet in seinem neuen Buch mit dem Umfeld des Monarchen ab. Seine Anklage liefert neuen Stoff über das Ableben des Märchenkönigs.

München – Der Münchner Journalist Anton Memminger, später selbst Politiker in den Reihen des antiklerikalen „Bayerischen Bauernbunds“, lauschte im Juni 1886 kurz nach Ende der Feierlichkeiten zur Beisetzung von Ludwig II. dem Gespräch zweier sogenannter besserer Herren. Sie hatten gerade die Münchner St. Michaelskirche verlassen und ließen nun ihrem Missmut freien Lauf. Endlich sei die lange Prozedur vorbei, meinte einer, „in acht Tagen kräht kein Hahn danach“. Der tote König, dieser Sonderling, war endlich beseitigt und werde nun schnell der Vergessenheit anheimfallen.

Ludwig II. nach wie vor im Gedächtnis der Bayern

So kann man sich täuschen. 136 Jahre nach dem geheimnisvollen Tod des Bayern-Herrschers im Starnberger See ist Ludwig – vielleicht mehr denn je – im Gedächtnis der Bayern. Auch jeder Todestag wird zelebriert. An diesem Sonntag ab 10.30 Uhr laden die Königstreuen wieder zur Gedenkmesse in die Kapelle bei Schloss Berg ein – dort, wo das große Holzkreuz im See die mutmaßliche Todesstelle markiert.

+++ Alle Artikel und Nachrichten zu König Ludwig II. hier nachlesen +++

So unvergessen Ludwig, so geheimnisumkränzt ist sein Tod. Wer ist eigentlich schuld am schmählichen Ende Ludwigs? Sofern sie nicht auf sinistre Mordtheorien hereinfallen, haben Historiker seit jeher die altbekannten Verantwortlichen genannt. Zuvorderst den Psychiater Bernhard von Gudden, dann den Ministerratsvorsitzenden Johann Freiherr von Lutz, der die Entmündigung Ludwigs vorantrieb, dazu noch etliche Emporkömmlinge aus Hofstaat, Adel und Militär.

Abrechnung mit Gesellschaft, welche Ludwig II. umgab

Der bekannte Wittelsbach-Experte und Historiker Alfons Schweiggert spannt den Bogen in einem neuen Buch, das pünktlich zum 136. Todestag erschienen ist, jedoch viel weiter: Es ist letztlich eine große Abrechnung mit der Gesellschaft, die Ludwig umgab – wobei Schweiggert bei seiner Untersuchung über die Umstände, die schließlich zur Entmündigung, Inverwahrnahme und Tod des Königs führten, fast niemanden verschont. In historischen Tiefenbohrungen stößt Schweiggert, der sich unter anderem mit einer Biografie über Ludwigs Bruder Otto einen Namen gemacht hat, bis in Ludwigs Kindheit zurück. Es gelte, „sein Leben von vorne nach hinten zu denken und die Personen und Ereignisse dingfest zu machen, die ihn von Kindheit an während der folgenden fast 41 Jahre seines Lebens zuerst als Kronprinz und dann als König nach und nach in die Einbahnstraße der Entmündigung lenkten“.

Da ist es fast logisch, dass gleich zu Beginn Ludwigs Eltern quasi der Prozess gemacht wird. Die lieblose Erziehung ist bekannt, hinzu kam ein ausgeprägtes Desinteresse des Vaters Max an seinem Sohn. Die Mutter war ihrem Sohn schlicht nicht gewachsen – „die Königin tötet mich durch ihre Geistlosigkeit und Langeweile“, klagte Ludwig gegenüber einem Vertrauten. Da war er erst 14.

Kompliziertes Verhältnis zu Frauen

Sein kompliziertes Verhältnis zu Frauen passt in diese Betrachtung. Ludwig war mit seiner stattlichen Erscheinung begehrt bei Frauen, die ihn bekanntermaßen aber nur als Gesprächspartnerinnen interessierten. Seine nur versteckt ausgelebte Homosexualität wurde ein offenes Geheimnis, als Ludwig 1867 seine Verlobung mit Sophie in Bayern, der jüngeren Schwester von Kaiserin Elisabeth („Sisi“), wieder löste.

Das „Verlobungsdesaster“, wie es Schweiggert treffend nennt, war fortan ein „schwarzer Mosaikstein“ im Leben des Königs. Von „sexuellen Verirrungen“ wurde getuschelt. Zeitungen im In- und Ausland griffen das begierig auf. Schweiggert zitiert den Züricher „Sozialdemokrat“ von 1884 – die Zeitung nannte Ludwig „bankrott an Körper, an Geist und Sittlichkeit“.

Der tiefgläubige Katholik litt umso mehr, als er sich von der damaligen Kirche keine Unterstützung erhoffen konnte. Zeitgenössische Kommentare von Bischöfen oder Pfarrern zur Homosexualität Ludwigs sind zwar nicht überliefert. Sie tabuisierten das. Aber jeder wusste: Homosexualität und Autoerotik waren nach kirchlicher Lehre schwere Sünden, die Ludwig in fortwährende Gewissenskonflikte stürzten.

Aber natürlich gab es auch viele äußere Einflüsse, die Ludwig zermürbten. Ein langes Kapitel widmet Schweiggert – natürlich – Preußen. 13 Demütigungen listet er auf. Wahr ist: Ludwig führte zwei Mal Krieg, einmal (1866) gegen, einmal (1870) mit Preußen. Als unmilitärischer Mensch – schon in seiner Kindheit spielte er „lieber mit Bauklötzen als mit Bleisoldaten“, wie Schweiggert schreibt – war ihm Krieg verhasst. „Das rauhe Kriegshandwerk, lange geübt, verwildert die Sitten der Menschen, macht sie unfähig, große, erhabene Ideale zu fassen.“ Der erzwungene Beitritt Bayerns zum Deutschen Reich und vor allem die Abfassung des Kaiserbriefs, mit dem dem preußischen König Wilhelm die Kaiserkrone angetragen wurde, bereitete ihm körperliche Schmerzen. Die schon damals kolportierte Anschuldigung, dafür sei Geld geflossen, demütigte ihn zusätzlich. In Wahrheit waren die finanziellen Zuwendungen Preußens an Ludwigs Privatkasse mit 300.000 Goldmark jährlich eher bescheiden – insgesamt flossen 5,2 Millionen Mark, ein Sechstel der Baukosten für die drei Schlösser.

Ihren Teil zur Königskatastrophe hat auch die nähere Umgebung Ludwigs beigetragen. Der Wahnsinn seines Bruders Otto, spätestens 1871 unübersehbar, schauderte ihn – der naturwissenschaftlich gebildete König ahnte Erbkrankheiten und befürchtete das Schlimmste auch für sich. Nach einer Visite des Nervenarztes bei Otto – übrigens vor seiner Gefangennahme auf Neuschwanstein die einzige Begegnung Guddens mit Ludwig – bemerkte der König: „Gudden sieht mich zuweilen so eigentümlich an. Wenn er nur nicht auch an mir noch irgendetwas herausfindet.“ 

Autor rechnet scharf ab

Mit der Ministerriege um den mächtigen „Ministerpräsidenten“ Lutz rechnet Schweiggert scharf ab. Er nennt sie „Erfüllungsgehilfen“. Die Familie des späteren Prinzregenten Luitpold: ein Clan. „Sie spannen tückisch, heimlich ihre Netze und sannen auf Ludwigs II. Sturz“, zitiert er einen Reim von Kaiserin Sisi. Der Hofstaat des Königs, also Kabinetts- und Hofsekretäre und die Flügeladjutanten: allesamt Hofschranzen – schon Ludwig verfluchte sie als „Schandbengel“ oder attestierte ihnen schlicht ein „dummes Gesicht“.

Vor allem aber macht Schweiggert der damaligen bayerischen Gesellschaft Vorwürfe: „Das bayerische Volk konnte es sich nach dem Tod Ludwigs II. nicht verzeihen, dass ein Volksaufstand bei der Entmachtung des Königs unterblieben war.“ Die Chance hätte es gegeben, meint Schweiggert. Spätestens, nachdem eine erste „Fangkommission“ zur Inverwahrnahme des Königs am 10. Juni 1886 von einem mutigen Gendarm in Hohenschwangau erst eingesperrt, dann unverrichteter Dinge nach Hause geschickt worden war, hätte der König unter Schutz der alarmierten Feuerwehren der Umgebung entweder ins Ausland fliehen oder aber demonstrativ nach München zurückkehren können, ist sich Schweiggert sicher. Das unterblieb.

Erst nach der Königskatastrophe kamen die Zeichen der Solidarität, die Ludwig so dringend vorher gebraucht hätte. Tiroler hissten auf dem Berg Säuling eine schwarze Trauerfahne. 1888 brannten auf den Ammergauer Bergen erstmals Ludwig II.-Feuer. Am Kofel loderte ein riesiges Feuerkreuz. Zur Enthüllung eines Denkmals für den König reisten 1894 unvorstellbare 50.000 Teilnehmer aus 220 Vereinen. An den Hauswänden standen Parolen wie: „König Ludwig steh auf und regier! Prinzregent leg dich nieder und krepier!“

Schweiggert deutet das, nicht ungeschickt, psychoanalytisch als unbewussten Abwehrmechanismus. Soll heißen: Dem bayerischen Volk in seiner Gesamtheit ist es zu Lebzeiten Ludwigs nicht gelungen, dem exzentrischen, genialischen und gewiss nicht leicht zu nehmenden König gerecht zu werden. Vielleicht war das auch gar nicht möglich. Die Nachkommen und Erben verdrängen durch ihre exzessive Königsverehrung, die ja in Teilen bis heute andauert, die ins kollektive Unterbewusstsein eingebrannten Schuldgefühle.