HEIMATKOLUMNE

Zu wenig Pfiff im Lande

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Herbert Schneider

Maßgeschneidert. An dieser Stelle schreibt.

unser Turmschreiber

Viele pfeifen heute mal auf dies und mal auf jenes, manche sogar auf alles, aber selber pfeifen hat der Maßschneider schon lange keinen mehr gehört. Vielleicht kommt das daher, dass in einer Zeit, in der jedwede Unterhaltung von der entsprechenden Industrie bestritten wird, niemand mehr sein Goscherl spitzen will. Wie man ja auch nicht mehr selbst singt, sondern singen lässt. Oder ist man gar schon von klein auf zu vornehm, um einen gewöhnlichen Pfiff in den Mund zu nehmen?

„Auf des is pfiffa !“ – damit drückte man in seiner Jugendzeit aus, dass man auf eine bestimmte Sache keinen gesteigerten Wert lege. (Magst mein Apfebutzn? – Auf den is pfiffa!) In die gleiche ablehnende Richtung stießen „I pfeif da was!“ oder die ein wenig rätselhafte, doch ausdrucksstarke Floskel: „An Pfiffkaas!“ Wer allerdings schon aus dem letzten Loch pfiff, von dem war kein hinreißendes Konzert mehr zu erwarten.

Jeder wusste damals, was mit solchen Sprüchen gemeint war, weil eben das Pfeifen noch eine alltägliche Sache war. Heute hingegen, wo bloß noch selten gepfiffen wird, hängen solche Redewendungen seltsam blutleer im deutschen Sprachraum.

Wer ehedem in der Münchner Vorstadt als Bub nicht schrill auf zwei Fingern pfeifen konnte, war eine lächerliche Figur und praktisch impotent, zumindest bis zu den Rachenmandeln. Es galt als selbstverständlich, dass der Kare und der Lucke, die zwei klassischen Münchner Witzfiguren aus der Vorstadt, Meister in der Kunst des Zweifingerpfiffs waren. (Pfiff vom Kare: Hä, Zenzi, schaug owa! – Ha, was is? – Da Lucke hats net glaabt, dassd an Kropf hast!)

Das war aber nur die eine Seite des Pfiffs, sozusagen die prosaische. Die andere stieß bis in den künstlerischen Bereich vor: das melodiöse Pfeifen frei nach Gehör, bei manchen zwar hingebungsvoll falsch, bei anderen aber zur höchsten Vollendung geführt, zum Kunstpfeifertum. Wenn solche begnadeten Pfeifer pfiffen, kam einem der Gesang einer Nachtigall beinahe misstönend vor. Einige brachten sogar das Kunststück zustande, mit ihrem einen Mund zweistimmig zu pfeifen.

Idol der Pfiffigen war das Pfeifwunder Ilse Werner. Ihre Erkennungspfiffmelodie: „Sing ein Lied, wenn du mal traurig bist, sing ein Lied, wenn dich kein Mädchen küsst…“ Als Prototyp des gut gelaunten, unbekümmerten Individuums galt der Bäckerlehrling, der frühmorgens fröhlich pfeifend mit dem Radl durch die Straßen strampelte und die Semmeln und Eiweckerl ausfuhr.

Natürlich wurde damals auch hinter mancher Schönen hergepfiffen. Und zwar anerkennend. Den Vorstadt-Miezen war es jedenfalls lieber, als wenn das Verlobungs- Potenzial angewidert weggeschaut hätte. Auf den Pfiff gingen sie deswegen aber noch lange nicht ein. Sie überhörten ihn sozusagen mit größter Genugtuung.

Der Maßschneider beherrscht von klein auf ein ansehnliches Pfeif-Repertoire. Leider pfeifen es bereits die Spatzen von den Dächern, dass es „in diesem unserem Lande“ nur noch vereinzelte Exemplare von Mitpfeifern gibt. Und deshalb fände er es riesig, wenn heute Mittag Punkt zwölf Uhr alle, die diese pfiffige Epistel gelesen haben und es noch einigermaßen können, spontan ein Lied pfeifen würden. Damit endlich wieder Pfiff ins Land kommt.

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