Von wegen Schweigen der Lämmer

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Bei Schäfer Hoyler ist was los im Stall: Jetzt ist die Zeit der kleinen Lämmer. Weiße und schwarze Merino-Landschäfchen tummeln sich im Stroh. Opferlamm, schwarzes Schaf oder Sündenbock – diese Tiere haben einen ungeheuer großen Symbolcharakter.

SCHÄFEREI

Bei Schäfer Hoyler ist was los im Stall: Jetzt ist die Zeit der kleinen Lämmer. Weiße und schwarze Merino-Landschäfchen tummeln sich im Stroh. Opferlamm, schwarzes Schaf oder Sündenbock – diese Tiere haben einen ungeheuer großen Symbolcharakter.

VON TASSILO PRITZL

Hochmutting – Wenn Thomas Hoyler die quietschende Holztüre zu seinem Schafstall öffnet, gehen drinnen ruckartig die Köpfe nach oben. Mit ihren kleinen schwarzen Augen staunen die Schafe dem 36-jährigen Landwirt entgegen. In Panik fällt aber keines der Fluchttiere. Sie wissen schließlich, wer da kommt und sie mit Futter versorgt. „Die Tiere merken sich, wer es gut mit ihnen meint“, sagt Hoyer. Im Stall ist es recht schummerig. „Wir mussten alles dicht machen wegen der Kälte.“ Draußen fegt der eisige Wind durch das Familien-Gut in Hochmutting bei Schleißheim (Kreis München). Der Boden ist immer noch von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, von Frühling keine Spur.

Das Geschäft dagegen blüht zu Ostern. „Zu der Zeit haben wir die meisten Bestellungen.“ Lammfleisch gilt als traditionelle Osterspeise. Das Lamm hatte zunächst seine Bedeutung als Opfertier. In den heidnischen Religionen und im Alten Testament ist das Opfer eine der wichtigsten Formen des Gottesdienstes. Es gab Speiseopfer, Brandopfer, Schuldopfer, Sündopfer. Die Sünde einzelner oder Gruppen wurde auf das Tier übertragen und die eigene Schuld damit abgeleitet – daher stammt wohl auch der Ausdruck Sündenbock.

Als Sinnbild für den Opfertod Jesu entstand der Brauch aus dem Ritual der Juden, zum Passahfest in Gedenken an Gott ein Lamm zu schlachten. Im Christentum wurde Christus symbolisch zum „Lamm Gottes“. Jesus „bezahlt“ als unschuldiges Opfertier die Schuld. Er, der ohne Sünde ist, lässt sich alle Schuld aufladen; er nimmt die Opferrolle an. Ein wichtiges Sinnbild im Christentum.

Doch die wenigsten von Hoylers Kunden sind Christen. „Der Großteil sind Muslime“, erklärt der Landwirt. Zahlreiche Türken, Afrikaner oder Araber kommen in den Münchner Norden, um frisches Lammfleisch zu kaufen. Am 6. Mai etwa zelebrieren die Roma den Georgstag. Zu solchen Stoßzeiten gibt es viel zu tun für Hoyler und seine vier Mitarbeiter. Geschlachtet wird jeden Samstag. „Viele möchten sich das Lamm vorher selbst aussuchen und es später auch eigenhändig zerlegen.“

Große Emotionen kommen bei Hoyler nicht auf, wenn er Lämmer zur Schlachtbank führen muss. „Irgendwo muss das Fleisch schließlich herkommen“, stellt er nüchtern fest. Schon mit vier Jahren war er zum ersten Mal bei einer Schlachtung dabei. Seine Eltern Hermann und Helga haben die Schäferei 50 Jahre lang betrieben. Die Historie des Guts südlich von Schleißheim lässt sich sogar bis ins Jahr 955 zurückverfolgen.

Mehr als 1000 Muttertiere der Rasse „Merino-Landschaf“ hält Hoyler in seinen Ställen. Den Sommer verbringen die Tiere in der Garchinger Heide und der Gegend rund um den Flughafen. „Landschaftspflege“ nennt Hoyler das. Denn seine Schafe kommen einem tierischen Rasenmäher gleich. „Der Staat hat viele Truppenübungsplätze“, sagt Hoyler. Diese gilt es zu pflegen. Da kommt es gelegen, dass Schafe am Tag etwa acht Stunden fressen. Die Flächen muss Hoyler zwar pachten, bekommt aber für die Beweidung im Zuge von Agrar-Umweltmaßnahmen Subventionen von der EU, von den Städten oder Gemeinden.

In einem separaten Stall kommen die ganz jungen Lämmer mit ihren Müttern in kleine Boxen. Sie brauchen noch etwas Zeit, bevor sie mit der großen Herde zusammengeführt werden. Zwei Boxen weiter springen drei kleine Lämmer vergnügt im Stroh herum. Als sie merken, dass Hoyer im Anmarsch ist, recken sie ihre Köpfe durch das Gitter und fangen laut an zu blöken. Sie müssen noch mit der Flasche aufgezogen werden. „Die denken, sie bekommen jetzt was zu fressen“, sagt Hoyler.

Dreimal in zwei Jahren können die Muttertiere lammen. Manchmal kommen auch Zwillingsgeburten vor. „Dann kann es sein, dass man die Tiere voneinander trennen muss, weil die Kleinen sonst beim Säugen um die Milch kämpfen.“ Die Redewendung vom schwarzen Schaf hat übrigens wenig mit der Realität zu tun. Sie sind keine Außenseiter, die von den anderen geschnitten werden. „Die anderen Schafe schauen zwar anfangs etwas argwöhnisch“, erklärt Hoyler. „Die schwarzen Schafe sind aber genauso wie alle anderen auch.“

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