Brandstifter von Gabersee wegen versuchten Mords verurteilt

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Die Johanniter betreuten die Patienten des Klinikumtrakts, der aufgrund des Feuers evakuiert werden musste. 
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Die Verhandlung am Dienstag, 5. Mai, in Traunstein hat es in sich: Der Staatsanwalt wirft einem 50-Jährigen unter anderem versuchten Mord in 28 Fällen vor. Der Rosenheimer hatte im Herbst 2019 offenbar im Wahn einen Brandanschlag auf eine Psychatrische Station in Wasserburg verübt.

5. Mai: 

Lesen Sie hier die Zusammenfassung: Des Mordversuchs schuldig: Rosenheimer muss in Maßregelvollzug

Wir berichten live aus dem Gerichtssaal

14.30 Uhr:

Staatsanwalt: Vorwürfe vollumfänglich nachgewiesen

Es folgt das Plädoyer des Staatsanwalts Oliver Mößmer: Die Vorwürfe seien vollumfänglich nachgewiesen, im Prinzip habe sie auch der Beschuldigte nochmals eingestanden. 

Auch die Zeugenaussagen bestätigen die Antragsschrift. Mößmer sieht es als nachgewiesen, dass der 50-Jährige mit Tötungsvorsatz gehandelt habe. Der Beschuldigte habe sein Insiderwissen genutzt hat, um möglichst große Gefahr zu schaffen.

Mößmer bleibt beim Vorwurf des bedingten Tötungsvorsatz und erkennt Mordmerkmale wie Heimtücke. Aber er betont auch weiter: Der Beschuldigte kann für die Tat nicht bestraft werden. 

Freikommen wird er aber auch nicht: Es liegt eine Wahrscheinlichkeit höheren Grades vor, dass der 50-Jährige wieder solche Taten begeht. Die Voraussetzung für eine Bewährung sei in keiner Weise gegeben.

Er beantragt die Unterbringung des Rosenheimers in einem psychatrischen Krankenhaus. 

"Ich möchte nur sagen, ich wollte keinen umbringen. Ich freue mich, dass der Pfleger sein Augenlicht wieder gewonnen hat" - das sind die letzten Worte des Angeklagten. 

Richter Erich Fuchs verkündet: Der Angeklagte ist schuldig des versuchten Mordes in 28 Fällen, der Brandstiftung und der Körperverletzung. Die Folge: Einweisung ins Psychatrische Krankenhaus. 

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14 Uhr:

Zusammenhang mit Psychopharmaka?

Das Auftreten der akustischen Halluzination, von der der Angeklagte berichtet, könnte mit einem Ende der Medikation zusammenhängen, erklärt der Gutachter vor Gericht. 

Der Beschuldigte hatte angegeben, einige Zeit vor der Tat die Einnahme von Psychopharmaka eingestellt zu haben. Auch, weil sich Alkohol und Medikamente seiner Meinung nach nicht vertragen. Der Gutachter prognostiziert: Wenn der Beschuldigte wieder mit den Medikamenten aufhört, kann das wieder passieren. Er bedarf dringend einer weiteren psychatrischen Behandlung, langjährig, gesichert, mit Psychopharmaka – und stationär.

Ob der Täter Einsicht in seine Krankheit hat, sei schwer zu sagen. 

Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen. 

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11.30 Uhr:

Opfer verlor für Tage ohne Augenlicht

Ist so ein Klingeln mitten in der Nacht nicht ungewöhnlich, fragt der Vorsitzende Richter Erich Fuchs den Pfleger, der angegriffen wurde. "Wir haben ja auch nachts Zugänge", antwortet der Mann.

Pfleger Robert Hitzke musste nach dem Angriff um sein Augenlicht fürchten. Er trägt dem Angeklagten nichts nach, der Täter habe große seelische Probleme: "Mir geht es ja auch um die Menschen", sagt Hitzke. Er arbeitet bis heute in einer geschlossenen Einrichtung. 

Drei Tage befand sich der Pfleger im Krankenhaus, in Rosenheim und in München. "Die Sicht war weg", sagt er. Er hatte Benzin ins Auge bekommen. Nach vierzehn Tagen besserte sich das Augenlicht wieder. Ob er psychische Probleme seit der Tat habe, will der Richter wissen. Das verneint der Pfleger. 

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11 Uhr: 

Bis ans Lebensende in Sicherungsverwahrung?

Die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat, auch der Vorgeschichte, sind wichtig, um die Gefährdung einzuschätzen, die lautParagraph 63 des Strafgesetzbuchs in Zukunft vom Täter ausgeht. Dem ist das Landgericht in ruhiger, gründlicher Form nachgekommen. 

Der Beschuldigte selbst sagt, dass er wisse, dass er die Forensik nicht mehr verlassen werde. Der Rosenheimer geht davon aus, dass er bis an sein Lebensende im Inn-Salzach-Klinikum in Gabersee bleiben wird.

Pause im Gerichtssaal in Traunstein. 

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10.30 Uhr: 

Beweisaufnahme läuft

Nach der Tat sei er Mittags noch im Wirtshaus gewesen, dann zu Fuß nach Hause losmarschiert, berichtet der 50-jährige Rosenheimer vor Gericht. Irgendwo, vielleicht in Egling, sei er in den Zug gestiegen. Der Kanister? Müsse irgendwo im Wald liegen.

Er sei davon ausgegangen, erwischt und inhaftiert zu werden. 

Es geht zur Beweisaufnahme, der Beschuldigte ficht die Antragsschicht im Großen und Ganzen nicht an. Ein Beamter der Kripo sagt aus, was die Vernehmungen damals ergaben. Es bleibt im wesentlichen bei der Schilderung der Antragsschrift. Nach einer Presseveröffentlichung seien verschiedene Hinweise eingegangen, sagt er. Eine Zeugin behauptete, 2008 eine ähnliche Situation erlebt zu haben. Sie gab bereits den Namen des Beschuldigten an. 

Die Polizei suchte den Mann in Rosenheim auf, bereits am Tag nach der Tat. Der habe nichts gesagt, und "wir haben nichts feststellen können, was brandtypische Erscheinungen wären". Die Polizei suchte nach dem schwarzen Kanister mit gelbem Verschluss, aber "einen Kanister haben wir nicht aufgefunden." Zwei Tage später kam der Beschuldigte zur Polizei und stellte sich, mit einem zweiseitigen Schreiben in der Hand. "In dem Schreiben hat er angegeben, dass ihm Engelsstimmen diese Tat befohlen hätten, beziehungsweise die Vollendung der ersten Tat." 

10 Uhr: 

Auftrag der Engel

Er sei eines Nachts erwacht und habe einen Schlag an der Stirn gespürt, erklärt der 50-jährige Angeklagte vor Gericht. Und wie innen im Kopf "das Blut ausläuft." Er sagt: "Für mich war klar, das war die letzte Warnung." Er müsse das jetzt machen, sagten die Engel, sonst gehe es "runter". Runter? "In die Hölle", sagt der 50-Jährige. Wie die aussehe, möchte der Vorsitzende Richter Erich Fuchs wissen. Der Beschuldigte antwortet: "Staubig, sandig, keine Getränke, keine Nahrungsmittel, die Männer haben keine Penisse."

Schon 2008 waren da Engelsstimmen. Er spricht von "Auftrag". Seinerzeit, bei der ersten Tat, habe er Angst gehabt. Er habe die Tat nicht wirklich versucht, er habe nicht einmal ein Feuerzeug dabei gehabt. Ein "klassisches Fehlurteil" sei seiner ersten Unterbringung für sieben Jahre zugrunde gelegen, sagt der Tatverdächtige aus. 

"Mir war klar, dass das gefährlich ist, dass da auch Leute sterben können", so der Angeklagte über die Tat. Er habe Angst gehabt, auch, dass er sich selber anzünde. Die Engel aber hätten versichert, dass Gott für eine kalte Flamme sorge. So sei es dann ja auch gekommen, er habe keine Brandwunde davongetragen.

In der Tatnacht habe einer Fünf-Liter-Kanister dabei gehabt, "drei Liter waren drin". Zwei Feuerzeuge habe er mitgenommen. Er betont aber: "Jemanden zu töten oder zu verletzten: Das war nicht der Auftrag." Er habe die Gefährdung von Pfleger und Patienten nicht "billigend", sondern "zähneknirschend" in Kauf genommen. Nur die Station sei das Ziel gewesen.

Den Pfleger habe er lediglich davonjagen wollen. Ziel- und planlos sei er nach der Tat losgerannt.

09:40 Uhr 

"Der Herr hat sich wieder gemeldet, und das war das Problem." 

Der Tatverdächtige vor Gericht gibt an, in der Zeit vor der Tat sehr viel getrunken zu haben. Drei Wochen vor der Tat aber habe er das Bier nicht mehr vertragen und auch nicht mehr konsumiert.

Die Schulmeinung sagt, "ich sei psychisch krank", er selbst sei anderer Meinung. Ein gewisses Medikament habe er nur genommen, weil er musste. Er setzte es ab, trank Bier, will so seine Schlafstörungen bekämpft haben. "Ich habe großen Respekt davor, Alkohol mit Medikamenten zu mischen."

Der Rosenheimer sagt über seine Tat: "Der Herr hat sich wieder gemeldet, und das war das Problem." Er habe über seine Engel mit ihm kommuniziert und ihm befohlen, die Station anzuzünden.

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9.30 Uhr: 

Tatverdächtiger ist Rosenheimer 

Der Beschuldigte ist 50 Jahre alt, geboren in Rosenheim. Am Gymnasium absolvierte er zwei Ehrenrunden, "aber ich habe mich durchgeboxt". Er war Beamter, nach dem Ausbruch seiner Krankheit soll er von Erspartem gelebt haben.

Er war schon mal in Gabersee. Er kannte die Station, war dort selber untergebracht. Und hat dort eine ähnliche Tat begangen: Er griff eine Schwesternschülerin an und übergoss sie mit Benzin – zum Glück kam er nicht dazu, sie anzuzünden. 

Danach war der Mann sieben Jahre im Maßregelvollzug. Bei seiner Unterbringung vor einigen Jahren sei es gut gelaufen, die Entwicklung sei positiv gewesen, so der 50-Jährige. 

Paranoide Schizophrenie

Der Staatsanwaltschaft berichtet, dass der Beschuldigte an einer paranoiden Schizophrenie leidet. Er ist demnach schuldunfähig. Sein Vorwissen nutzte er beim Versuch, "heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln 28 Menschen" zu töten.

Dazu kommen unter anderem die Vorwürfe der schweren Brandstiftung und gefährliche Körperverletzung.

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9.10 Uhr: 

"Natürlich ist das Benzin"

Die Antragsschrift lässt die Ereignisse vom 17. November 2019 noch einmal Revue passieren. Wie der Beschuldigte Jürgen Maximilian E. am Sonntagmorgen kurz vor halb zwei an einer Station des Inn-Salzach-Klinikums Gabersee klingelt. Als ein Pfleger öffnet, schreit er: "Jetzt seid ihr dran." Er schüttet dem Pfleger Benzin über Kopf und Körper. Der Pfleger fragt entsetzt, ob das Benzin sei. "Natürlich ist das Benzin", antwortet der 50-jährige Angreifer. "Jetzt zünde ich euch an." 

Der Pfleger kann sich in Sicherheit bringen. Zum Glück. Sonst wäre ihm mehr widerfahren als eine Verätzung der Augen, die ihn für zwei Tage ins Krankenhaus brachte. 

Der 50-jährige Rosenheimer, über den hier verhandelt wird, hatte angeblich Engelsstimmen gehört, die ihm die Tat befahlen. 

Nachdem der Pfleger sich in Sicherheit hat bringen können, zündet der Rosenheimer das Benzin an. Er flüchtet. Die Flammen erlöschen irgendwann von selber. Aber die Rauchentwicklung ist so heftig, dass der angegriffene Pfleger und ein weiterer Mann sich nur mit Taschenlampe orientieren können. 26 Patienten insgesamt müssen aus der Klinik geholt werden. 


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4. Mai: 

Der Angreifer schrie: „Jetzt seid ihr dran!“

Rosenheim/Wasserburg - Es war ein brutaler Angriff, den ein Pfleger und die anderen Mitarbeiter der Klinikstation nur mit Glück ohne schlimmere Verletzungen überlebten.Ein Mann hatte am 17. November vergangenen Jahres, einem Sonntag, gegen 1.25 Uhr, an einer Station auf dem Gelände des kbo-Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg geklingelt.

Der Pfleger, der sich anschickte, die Tür zu öffnen, konnte nicht sehen, was der Angreifer im Schilde führte - wegen einer aufgeklebten Folie nahm er den späten Besucher nur schemenhaft wahr. Nachdem der Pfleger die Türe einen Spalt weit geöffnet hatte, sagte der Mann nur: „Jetzt seid ihr dran!“ Dann schüttete er dem Pfleger Benzin über Kopf und Körper. 

Verpuffung in der Station

Der Pfleger konnte sich zwar in Sicherheit bringen. Doch nun entzündete der Täter das im Flur verschüttete Benzin. Es kam zu einer Verpuffung, Flammen waberten über den Boden.

Der Brand konnte vom Personal glücklicherweise schnell gelöscht werden, die insgesamt 26 Patienten der überfallenen und der banchbarten Station wurden evakuiert. Die Brandschäden waren so beträchtlich, dass die Station für zwei Wochen wegen Renovierungsarbeiten geschlossen werden musste.

Fieberhafte Fahndung nach Brandstifter

Während die Mitarbeiter des Klinikums noch gegen die Flammen kämpften, wandte sich der Brandstifter zur Flucht. Die Polizei fahndete fieberhaft nach ihm. Der Name der neunköpfigen Ermittlergruppe lautete „Kanister“ - wegen des Kunststoff-Behälters, in dem der Täter den Brennstoff zum Klinikum gebracht hatte.

Wenige Tage später stellte sich ein 50-jähriger Rosenheimer der Polizei, der sozusagen wegen seiner Ortskenntnis und Parallelen seiner Tat ohnehin bereits ins Visier geraten war. Er sagte aus, dass er Stimmen von Engeln höre, die ihm die Tat befohlen hätten.

Täter hatte Ortskenntnis

Der 50-Jährige war in der Station selbst untergebracht gewesen. Im September 2008 hatte er eine ähnliche Tat begangen, im selben Gebäude. Er hatte seinerzeit eine Schwesternschülerin mit Benzin übergossen und auch nach diesem Angriff Benzin auf dem Fußboden verteilt - was die erneute Tat in den Augen des Staatsanwalts übrigens nochmals schwerer wiegen lässt. Der Täter habe nicht nur seine Ortskenntnis ausgenützt, sondern habe aufgrund der vorhergehenden Tat für über zehn Jahren gewusst, wie gefährlich seine Tat war.

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Nach seiner Tat befand er sich entsprechend einem Gerichtsurteil fast sieben Jahre in einem „psychatrischen Krankenhaus“, wie das Landgericht Traunstein auf Anfrage mitteilte.

Der 50-jährige Rosenheimer habe, so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, heimtückisch und nach Plan gehandelt und Schaden einer Vielzahl von Menschen zumindest billigend in Kauf genommen.

Zu richten nach dem Mollath-Paragraf

Das Unrecht der Tat einzusehen und danach zu handeln habe der Angeklagte nicht vermocht, heißt es gleichfalls in der Klageschrift. Man kann auch sagen: Er wusste um seine Tat, aber nicht um ihr Gewicht.

Sollten sich die Vorwürfe gegen den Rosenheimer daher erhärten lassen, führte ihn seine Tat erneut in ein psychatrisches Krankenhaus, und das auf unabsehbar lange Zeit. Aufgrund seiner Erkrankung müsste er als für die Allgemeinheit gefährlich gelten, zudem wären womöglich weitere schwere Straftaten zu erwarten. Die Grundlage dafür bietet der Paragraph 63 des Strafgesetzbuchs, wegen des Falls Gustl Mollath auch bekannt als - Mollath-Paragraf.

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