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Die Wasserbüffel von Jettenbach

Vier indische Büffel auf einer oberbayerischen Weide? Ja, das gibt es in Jettenbach im Landkreis Mühldorf. Biologe Andreas Zahn ist begeistert. Die zotteligen Vierbeiner betreiben Biotop-Pflege – als Bagger. Ein Besuch am Tümpel.

Vier indische Büffel auf einer oberbayerischen Weide? Ja, das gibt es in Jettenbach im Landkreis Mühldorf. Biologe Andreas Zahn ist begeistert. Die zotteligen Vierbeiner betreiben Biotop-Pflege – als Bagger. Ein Besuch am Tümpel.

von johannes schelle (Text) Und Stefan Rossmann (Fotos)

Lilly, Inka, Indra und der Maxl stecken gerade bis zum Hals im Schlamm. Ihr Fell ist zottelig und tiefschwarz. Nur die Köpfe ragen aus dem Wasser raus. Die matt-grauen, dreikantigen Hörner sind nach hinten gebogen und an der Oberfläche wellenförmig. Die handflächengroßen Ohren schlackern im Hundertstelsekundentakt regelrecht um die Wette. So versuchen die Tiere die lästigen Fliegen auf Abstand zu halten. Trotz des Insektenschwarms wirken sie aber alles andere als genervt. Minutenlang suhlen sie sich schon in der dreckigen Pfütze – für die Wasserbüffel von Jettenbach im Kreis Mühldorf gibt’s anscheinend nix Schöneres.

Bei diesem Anblick geht Andreas Zahn das Herz auf. Der Biologe, 50, 1,70 groß, leichter Vollbart und Brille, sitzt schon seit mehreren Minuten auf einem hölzernen Aussichtsturm. Gerade mal 100 Meter von den Exoten entfernt. Stundenlang könnte er ihnen zusehen. Erst recht, wenn sie wie jetzt in einem dieser Tümpel liegen, ihre 600 bis 800 Kilo schweren Körper hin- und herwälzen und mit ihren Hörnern die Grasnaben ausreißen. So sollen die Büffel nach Zahns Wunsch auch agieren – „als Bio-Bagger“.

Bio-Bagger? Richtig gehört. Die Wasserbüffel von Jettenbach betreiben Biotop-Pflege. Durch das Suhlen in den Sumpflöchern schaffen sie optimalen Lebensraum für artenbedrohte Kleintiere wie zum Beispiel die Gelbbauchunke. „Ohne die Büffel müssten wir jedes Jahr mit dem Bagger ins Gelände fahren, die Tümpel neu ausheben und von Wildwuchs befreien“, sagt er.

Seit die Büffel hier grasen und regelmäßig ihr Bad nehmen, gehören die Arbeiten mit der Maschine der Vergangenheit an. Seit 2011 tummeln sich auf der sieben Hektar großen Fläche zwischen Mischwald, Schilfgras, Brombeerstauden und Bächlein unweit des Inns die Wasserbüffel. Landbesitzer Hans Veid Graf zu Törring hat das Areal für ein Naturschutzexperiment kostenlos zur Verfügung gestellt. Ziel war damals, durch Beweidung Wildwuchs zu verhindern und so den Jettenbacher Bürgern freien Talblick zu gewähren.

Dass die Wasserbüffel nicht nur für den gewünschten Durchblick, sondern auch noch für eine atemberaubende Artenvielfalt sorgen, ist in den Augen des Biologen und Naturschützers „einfach nur schön, vor allem, weil es ohne das ständige Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine funktioniert“.

Nur wie schafft es so ein um die 1,50 Meter großer Wasserbüffel wie die Lilly bis nach Oberbayern? „Sie stammt von einem Züchter aus Sachsen. Und der hat seine Tiere wiederum aus Rumänien“, sagt Zahn. In Osteuropa seien sie mittlerweile stark als Haustiere verbreitet, obwohl sie ihren Ursprung auf dem asiatischen Kontinent haben. Doch selbst in Indien gibt es kaum noch wildlebende Exemplare. Vielmehr kennt man die Bilder, wie kleine Kinder auf den Tieren reiten, während sie ein sumpfiges Reisfeld pflügen.

In Jettenbach geht’s für die Büffel wesentlich entspannter zu. Während Zahn erzählt, kämpfen sich die Vierbeiner ganz ohne Pflug und Reiter ganz langsam aus dem verdreckten Wasserloch heraus. Ihr Fell sieht jetzt aus, als hätten sie es mit drei Tuben Haargel hingeschleckt – und mit zwei Flaschen Haarspray fixiert. Die Schlammschicht ist für die Büffel ein exzellenter Schutzmantel vor Insekten. Sie stinkt auch nicht, „weil alles natürlich ist, auf diesem Gelände keine Gülle ausgefahren wird“, sagt Zahn.

Viel Dreck, aber kaum Gestank. Daran haben auch jede Menge Vögel Gefallen gefunden. Gleich mehrere Dutzend scharen sich um Lilly, Inka, Indra und Maxl. Sie folgen den mittlerweile majestätisch vor sich hingrasenden Büffeln auf Schritt und Tritt.

„Das sind alles Stare“, erkennt Zahn aus der Ferne. Die finden im Schlepptau der vier Wiederkäuer eine paradiesische Nahrungsquelle vor. Insekten aller Art. Vor allem Dungfliegen und -käfer sind bei den Vögeln beliebt. In Bayern bekannter als Mistkäfer und Mistfliege. Wie reichlich sich Fliegen und Käfer heuer schon tummeln, möchte sich Zahn nun etwas genauer ansehen. Er klettert vom jägersteigähnlichen Aussichtsturm über die Holztreppe hinunter, reißt ein kleines, dürres Ästlein von einer Staude, drückt damit den elektrischen Weidezaun nach unten und steigt mit einem großen Schritt ins Reich der Büffel hinein.

„Normalerweise passiert nichts“, sagt er. Aber unterschätzen dürfe man die Exoten nicht. „Wenn Jungbulle Maxl näher kommt, seinen Kopf nach unten senkt und zum Angriff ansetzt, sollte man besser das Weite suchen.“ Gerade ihm fremde Menschen dürfen die Büffelweide nicht mit einem Streichelzoo verwechseln. Zahn ist der kleinen Herde jedoch alles andere als fremd. Die interessiert sich heute für den Biologen in Arbeitshose, schwarzen T-Shirt und luftdurchlässigen, flachen Schuhen allerdings gar nicht.

Plötzlich unterbrechen zwei der vier Zotteln das Grasen. Ist ihnen Zahn etwa doch zu nahe gekommen? Nein. Das heroische Aufrichten scheint eine interne Sache zu sein. Wie zwei brunftige Hirsche stehen sich Leitkuh Lilly und Jungbulle Maxl jetzt gegenüber, recken ihre Köpfe weit nach oben Richtung Himmel. Und wusch, mit viel Schwung krachen ihre Schädel zusammen. „Sie machen die Rangordnung aus“, sagt Zahn.

Lilly ist schon seit Beginn des Projekts in Jettenbach. Maxl dagegen wurde neu zur Herde gebracht. „Er stammt vom Bodensee, um bei uns Inzucht zu verhindern.“ Normalerweise sind die Bullen immer der Chef. Was körperliche Robustheit und Lebenserfahrung angeht, ist der zweieinhalbjährige Maxl der acht Jahre alten Lilly allerdings unterlegen. Gegen die altgediente Kuh zieht er den Kürzeren. Er weicht vorsichtshalber zurück. „Maxl braucht wohl noch ein paar Wochen“, meint Zahn, um seine wahre Bestimmung als Rudelführer zu finden.

Als sich die beiden wieder dem Grasen widmen, entdeckt Zahn einen recht frischen Büffelfladen. Jetzt wird der Biologe so richtig eins mit der Natur. Er kniet nieder, stochert mit seinem Stöcklein in dem angetrockneten Büffelkot, zieht es wieder heraus und hält sich das Ding zwei Millimeter nah unter die Nase. „Stinkt fast nicht“, sagt er, und stochert ein zweites Mal hinein. „Hah, gefunden. Das ist so ein Dungkäfer.“ Ein echter Leckerbissen für die Staren und alle anderen Vögel.

Während der Käfer den Stock entlang krabbelt, wirft Zahn immer wieder einen Blick auf die Büffel – vorsichtshalber. Doch die sind nach wie vor brav. Für den 50-Jährigen sind das Momente, in denen er einfach mal inne hält und die friedliche Stimmung aufsaugt. Nur Froschgequake und jede Menge Vogelgezwitscher sind zu hören. „Kohlmeise, Blaumeise“, sagt er, „ein Zilpzalp, der Grünfink…“. Zahn erkennt jede einzelne Art am Pfeifton. Und zählt das halbe Vogellexikon auf. Bis ihn eine vorbeiflatternde Mönchsgrasmücke wieder zum Thema Insekten zurückführt, die sich ja so zahlreich im Fladen von Büffeln, aber auch denen der bayerischen Kuh fortpflanzen. „Nur werden die kaum noch auf die Weide getrieben“, bemängelt Zahn.

Bei Josefine und Matthias Reißaus im 15 Kilometer entfernten Oberneukirchen ist das anders. Das Ehepaar betreibt eine Landwirtschaft mit Mutterkuhhaltung. Und ist nebenbei auch für die Wasserbüffel verantwortlich. Einmal die Woche machen sie sich auf den Weg zur Büffelweide und sehen nach dem Rechten. „Ob der Zaun noch steht und sie nicht ausgebrochen sind“, sagt Matthias Reißaus. Und ob sie mit den „bayerischen“ Rindern klar kommen. Auch heuer leisten drei Fleckvieh-Jungkühe den Exoten Gesellschaft. Wer hier das Sagen hat, ist klar. „Die Wasserbüffel, sie haben ein dominanteres Wesen“, sagt der Landwirt.

Solange die Weide groß genug ist und sich Rind und Büffel aus dem Weg gehen können, kommt es zu keinerlei Streitereien. Gäbe es nur eine Futterstelle, würde das bayerische Rind immer den Kürzeren ziehen. Deshalb verbringen die Wasserbüffel den Winter in einem eigenen Quartier. Auf dem Hof bei Familie Reißaus. Es ist ein gemütlicher Stall, einseitig offen mit kleinem Auslauf. Allerdings ohne Sumpfloch.

So gut die Exoten mit dem bayerischen Klima auch zurechtkommen, im Winter ist ihnen der Tümpel dann doch zu kalt. Und aufgrund der niedrigen Temperaturen ist ohnehin keine Abkühlung notwendig. Stattdessen gibt’s Heu und Leckereien wie Karotten, die Lilly, Inka, Indra und Maxl momentan jedoch nicht missen. Schließlich ist das Nahrungsangebot gerade reichhaltig.

Erst im Herbst, wenn der Wintereinbruch naht und die Wiese komplett abgegrast ist, dienen die Rüben wieder als probates Lockmittel. „Einmal im Jahr veranstalten wir eine Büffelaktion“, sagt Zahn. Dann werden die Exoten an den Zaun gelockt, um sich die verdienten Streicheleinheiten abzuholen. Die Besucher kommen dann in Scharen. Und nicht nur aus Jettenbach.

Die Wasserbüffel als Bio-Bagger, dieses Naturschutzprojekt von Zahn, das vom Staat gefördert wird, hat das 800-Seelen-Dorf weit über die Landkreisgrenze hinaus bekannt gemacht. Auch Matthias Reißaus schwärmt: „Jettenbach ist Wasserbüffelland.“

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