Im Gespräch

Warum sinken die Zahlen in Bayern nicht? Top-Virologe Streeck über Fehler im Kampf gegen Corona

Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn in seinem Labor.
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DerVirologe Prof. Dr. Hendrik Streeck zieht eine ernüchternde Bilanz zum Lockdown light. Für das kommende Jahr gibt er einen positiven Ausblick
  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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Sein Wort hat Gewicht bei führenden Politikern, in TV-Talkshows ist er regelmäßig zu Gast: Professor Dr. Hendrik Streeck, 43, zählt zu Deutschlands bekanntesten Virologen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er darüber, welche Lehren wir aus der Corona-Krise ziehen sollten.

Herr Prof. Streeck, die Zahl der Neuinfektionen explodiert gerade – trotz des wochenlangen Teil-Lockdowns. Wie erklären Sie sich das?

Prof. Hendrik Streeck: Wir haben in der Tat viel zu viele Neuinfektionen. Eigentlich sollten nach den herangezogenen Berechnungen die Lockdown-Maßnahmen den Anstieg stärker bremsen. Dass es nicht so ist, deutet zum einen auf eine hohe Dunkelziffer an Infizierten hin, zum anderen darauf, dass die bisherigen Maßnahmen nicht unbedingt dort angesetzt haben, wo die meisten Übertragungen stattfinden.

Wo stecken sich denn die meisten Menschen an?

Streeck: Wir wissen es nicht wirklich, da tappen wir zu sehr im Dunkeln. Die Entwicklung zeigt aber auch, dass man durch die Schließung von Restaurants und Gaststätten allenfalls erreicht hat, den Anstieg der Neuinfektionen zu verlangsamen. Es ist aber dadurch nicht gelungen, das Infektionsgeschehen aufzuhalten.

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Kritiker behaupten, durch die Schließung der Gastronomie trotz ihrer Sicherheitskonzepte seien die Menschen nur in private Treffen getrieben worden – mit größerer Nähe und weniger Schutzmaßnahmen. War das ein Fehler?

Streeck: In diesem Argument steckt schon ein Körnchen Wahrheit. Es ist wahrscheinlich ebenso sicher, sich mit Masken draußen zu treffen – beispielsweise auf einem Weihnachtsmarkt mit Hygienekonzept – als drinnen in Privatwohnungen ohne Masken und ohne ein Hygienekonzept. Wir haben es einfach versäumt zu untersuchen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung ist, wenn Hygienekonzepte eingehalten werden. Dazu liegen nicht genügend Daten vor.

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Was muss jetzt geschehen, damit die Infektions- und Opferzahlen sinken?

Streeck: Meine wichtigste Empfehlung lautet: Wir müssen die Risikogruppen endlich besser schützen. Das gilt insbesondere für Alten- und Pflegeheime. Hier leben die Menschen, um die es derzeit vor allem geht. Bei ihnen sind aktuell mehr als die Hälfte aller Covid-19-Todesfälle in Deutschland zu verzeichnen.

Die Politik behauptet, dass Sie den Schutz von Altenheimen auf dem Schirm hat.

Streeck: Das Bisherige an Schutz reicht nicht aus. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass wir das Infektionsgeschehen zwar bei den Jüngeren bremsen, nicht aber bei den Alten.

Wie kann man denn Senioren besser schützen?

Streeck: Wir dürfen sie nicht isolieren, müssen allerdings durch häufiges Testen auch von Pflegekräften und Besuchern sowie durch konsequentes Tragen von FFP2-Schutzmasken besser schützen. Ebenso könnte man Schleusen vor den Altersheimen aufbauen, und mit Hilfe von Schnelltests dafür sorgen, dass praktisch niemand mit dem Virus in das Gebäude hineingehen kann.

Für die wichtigste Waffe halten die allermeisten führenden Politiker den harten Lockdown. Wie bewerten Sie ihn?

Streeck: Es ist vor dem Hintergrund der aktuell besorgniserregenden Lage ein richtiger Weg, die viel zu hohe Zahl der Neuinfektionen über einen härteren Lockdown zu senken.

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Haben wir alle zu lange gezögert? Hätte man nicht schon früher wesentlich schärfere Maßnahmen ergreifen müssen?

Streeck: Den einen richtigen Weg gibt es leider nicht. Ein harter Lockdown im Sommer bei niedrigen Fallzahlen wäre zum Beispiel sehr effizient gewesen. Dadurch hätten wir es geschafft, die Infektionszahlen auf ein Minimum zu drücken und wieder jede Kontaktperson nachverfolgen zu können. Das haben einige Länder wie Finnland oder Dänemark erreicht.

Glauben Sie nicht, dass ein Sommer-Lockdown angesichts der damals niedrigen Infektionszahlen einen Aufschrei in der Bevölkerung verursacht hätte?

Streeck: Gewiss wäre dies schwer vermittelbar, aber man hätte gut erklären können, warum diese Strategie sinnvoll ist. Diese Debatte hatten wir aber gar nicht.

Bestätigen die explodierenden Infektionszahlen, dass man eine Pandemie nur mit strikten Verboten besiegen kann?

Streeck: Drohkulissen und Verbote losgelöst von einer langfristigen Strategie reichen nicht aus. Sie haben eine kurze Halbwertszeit. Bei einer Pandemie geht es darum, jeden mitzunehmen, am Ende ist jeder von uns ein Teil der Pandemie. Die Gründe für die hohen Infektionszahlen kennen wir nicht. Aber eine mögliche Erklärung wäre, dass wir es möglicherweise immer noch nicht geschafft haben, allen Bürgern den Ernst der Lage zu vermitteln. Man muss permanent erklären, erläutern, und begründen, warum es so wichtig ist, den Empfehlungen zu folgen.

Kein Politiker hat so eindringlich an die Menschen appelliert wie Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder ...

Streeck: Aber was hat das gebracht? Im Ergebnis sind die Zahlen in Bayern auch nicht besser als in anderen Bundesländern.

War Söders Corona-Strategie falsch?

Streeck: Das kann man so nicht sagen, denn viele Menschen verhalten sich ja vernünftig. Trotzdem muss man sich folgende Fragen stellen: Woran liegt es, dass die Zahlen in Bayern, oder auch anderswo in Deutschland, nicht sinken? Wo stecken sich die Menschen an? Wer hält sich nicht an bestimmte Maßnahmen und warum nicht? Durch eine Verschärfung wird man keine Antworten bekommen. Der Erste Bürgermeister von Hamburg, Peter Tschentscher, hat es sehr treffend formuliert: Schärfen kommt vor Verschärfen. Es geht darum, besser zu vermitteln, warum bestimmte Maßnahmen sinnvoll sind.

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An Weihnachten dürfte die Disziplin der Bevölkerung besonders auf die Probe gestellt werden. Können Sie Menschen verstehen, die sich bei ihren Plänen für die Feiertage nicht einschränken lassen wollen?

Streeck: Nein, denn das Virus macht über Weihnachten keine Pause. Es wird nicht sagen: „Ich komme nicht mit in die Kirche“. Und es wird auch nicht sagen: „Ich bin nicht beim Weihnachtsfest zu Hause dabei“. Daher müssen wir die Schutzmaßnahmen an Weihnachten genauso ernst nehmen wie an allen anderen Tagen auch.

Wie werden Sie persönlich Weihnachten verbringen?

Streeck: Ich feiere mit meinem Ehemann, mit meinen Eltern und mit meinem Hund.

Die Freien Wähler als Söders Koalitionspartner in der Staatsregierung hoffen, dass nach einem harten Lockdown bereits im Januar wieder Lockerungen möglich wären. Teilen Sie diesen Optimismus?

Streeck: Ich besitze keine Glaskugel. Wenn die Zahl der Neuinfektionen durch den harten Lockdown wieder auf ein Niveau gedrückt wird, von dem aus man die Kontakte der Infizierten nachzuverfolgen kann – dann ja. Wenn die Zahlen jedoch so hoch wie derzeit bleiben, wird das nicht möglich sein. Zumal sich Coronaviren vor allem im Herbst und Winter ausbreiten. Erst in den Frühlingsmonaten März und April wird es auf natürliche Weise zurückgedrängt. Dies ist ein zusätzlicher Grund, warum der harte Lockdown im vergangenen Frühjahr so erfolgreich war.

Die Impfstrategie ist darauf ausgelegt, zunächst die Risikogruppen zu impfen. Wäre es nicht sinnvoller, zunächst die Jüngeren zu impfen, weil sie das Virus öfter als sogenannte Superspreader verbreiten?

Streeck: Das ist theoretisch richtig und es gibt auch Stimmen, die ein anderes Vorgehen vorschlagen. Es ist aber fraglich, ob dies in der Praxis möglich ist: Es gibt viel zu viele junge Menschen, die dann geimpft werden müssten. Dafür haben wir zu wenige Impfdosen, und ich finde, dass wir uns auch zunächst auf die konzentrieren sollten, die besonderen Schutz brauchen. Zudem ist der Impfstoff für Minderjährige noch gar nicht zugelassen. Wir könnten 18-Jährige, aber nicht 17-Jährige impfen

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Sind Impfzentren sinnvoll? Oder entsteht durch diese großen Einrichtungen eher ein Flaschenhals?

Streeck: Wir werden lernen, wie gut diese Impfzentren funktionieren. Einige wollen mehrere hundert Menschen pro Stunde durchschleusen. Das ist sportlich. Andere wiederum wollen neun Menschen pro Stunde versorgen, dann wiederum würde es einige Jahre dauern, bis alle geimpft wären. Bei der Grippeimpfung sind wir so schnell, da die Hausärzte eingebunden sind. Das ist momentan aus logistischen Gründen nicht möglich, weil der Impfstoff bei minus 70 Grad gelagert werden muss. Man muss davon ausgehen, dass es in einigen Städten, vor allem in Ballungsräumen, schnell und gut gelingen wird, viele Bürger zu impfen. Im ländlichen Bereich wird das nicht so einfach werden.

Lassen Sie sich impfen?

Streeck: Ja, wenn ich an der Reihe bin. Aber ich bin sehr weit hinten in der Prioritätenliste. In den USA gibt es sogar eine App, die anzeigt, wie viele Leute vor einem drankommen. Ein Freund von mir hat noch etwa 280 Millionen Menschen vor sich.

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Im Internet werden Sie für Ihre Einschätzungen oft angefeindet. Wie gehen Sie damit um?

Streeck: Manche Anfeindungen sind verletzend und perfide, vor allem, wenn Aussagen verdreht werden. Differenzierte Meinungsäußerungen provozieren leider manchmal einen Shitstorm. Ich werde mich trotzdem weiterhin differenziert äußern.

Haben Sie fürs nächste Jahr eine Reise gebucht?

Streeck: Nein, ich würde es aber gerne tun.

Werden wir nächstes Jahr wieder in den Urlaub fahren können?

Streeck: Ich denke, ein Sommerurlaub wird möglich sein. Ob es im Frühjahr schon geht, ist schwer vorherzusagen.

Das Gespräch führten Georg Anastasiadis und Andreas Beez

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