Mobilität und Lockdown-Frust

Warum sinken die Corona-Zahlen trotz strenger Regeln nicht? Erklärungsansätze von Virus-Experten

Corona in Deutschland: Eine Intensivkrankenschwester steht auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg im Zimmer eines Covid-19-Patienten.
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Corona in Deutschland: Die Fallzahlen gehen nicht runter. Auf den Intensivstationen sterben vor allem ältere Infizierte an Covid-19.

Corona schockt Deutschland mit einem neuen traurigen Höhepunkt: Innerhalb eines Tages sind 1244 Menschen daran gestorben, so viele wie nie zuvor. Auch die Zahl der Neuinfektionen ist mit 25.164 hoch – trotz Lockdowns. Vier Viren-Experten analysieren, warum die Todes- und Infektionszahlen nicht sinken.

München – Auf den Corona-Intensivstationen geht es immer öfter um Leben und Tod. Im Kampf gegen das einsame Sterben drücken manche Ärzte und Pflegekräfte mitunter ein Auge zu. Sie ermöglichen den Angehörigen, anders als zu Beginn der Pandemie, kurz Abschied zu nehmen. Oft nicht viel länger als ein paar Minuten. Denn die stillen Corona-Helden arbeiten ohnehin schon seit Wochen am Rande des Zusammenbruchs.

Die Lage auf den Intensivstationen ist angespannt

Trotzdem können sie nicht verhindern, dass das Virus immer mehr Opfer fordert. Viele ihrer schwerkranken Patienten sterben schneller als deren Leidensgenossen im Frühjahr. Hinter vorgehaltener Hand geben Münchner Intensivmediziner eine bittere, makabre Wahrheit preis: Zuletzt ist die Belegung der Intensivbetten sogar etwas gesunken. Aber nicht etwa, weil sich die Lage grundlegend entspannt hätte, sondern weil das Virus in kurzer Zeit so viele Opfer forderte – und zwar trotz des wochenlangen Lockdowns.

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In einigen Münchner Kliniken soll es nach Informationen unserer Zeitung sogar zu vorübergehenden Engpässen beim Abtransport der Leichen gekommen sein. Der Hintergrund: Ein sehr großer Teil der Intensivpatienten gehört zur Generation der Hochbetagten, viele von ihnen wurden zuletzt aus den Alten- und Pflegeheimen in die Kliniken eingeliefert.

Virologen werfen Politik Versäumnisse beim Schutz der Altenheime vor

„Von der hohen Sterblichkeit sind im Wesentlichen die Alten betroffen“, sagt der Tübinger Infektiologe Professor Peter Kremsner, der auch die Zulassungsstudie zum Corona-Impfstoff der Mainzer Firma CureVac leitet. „Knapp 95 Prozent der Corona-Toten sind über 65 Jahre alt“, rechnet Kremsner vor. „Das wissen wir allerdings schon seit dem Beginn der Pandemie.“

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Trotzdem hat sich beim Schutz der Alten- und Pflegeheime wenig getan – allen Besserungsversprechen der Politik zum Trotz. „Was hier versäumt wurde, ist ein Trauerspiel“, sagt der Virologe Prof. Alexander Kekulé von der Uni Halle und fordert eine Taskforce der Bundesländer, um die Heimbetreiber beim Infektionsschutz endlich besser zu unterstützen.

Lockdown bringt nicht den gewünschten Schutz der Heime

„FFP2-Schutzmasken und Tests alleine bieten keinen ausreichenden Schutz vor Infektionen“, ergänzte der Infektiologe Privatdozent Dr. Christoph Spinner vom Uniklinikum rechts der Isar. „Hier könnte der Staat sicherlich mehr Unterstützung leisten.“

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Ins selbe Horn stößt sein Kollege Prof. Jonas Schmidt-Chanasit von der Uni Hamburg: „Der Lockdown, so wie er in Deutschland praktiziert wird, schützt die Bewohner der Alten- und Pflegeheime nicht ausreichend. Ein Ziel des Lockdowns war es ja, durch die Senkung der Infektionszahlen in der Gesamtbevölkerung eine indirekte Wirkung auf die Heime zu erzielen. Das hat nicht gut funktioniert.“ Wobei die Senkung der Infektionszahlen bislang ohnehin nicht gelungen ist.

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Hohe Fallzahlen? Die Nachwirkungen von Weihnachten

Auch die Experten können nur darüber spekulieren, warum sich trotz des wochenlangen Lockdowns immer noch so viele Menschen anstecken. „Eine Mutmaßung liegt auf der Hand: Offenbar haben sich über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel doch mehr Menschen, als wir wollten, in größeren und vor allem in wechselnden Gruppen getroffen. Gerade die Jüngeren haben es mit den Kontaktbeschränkungen vielleicht nicht ganz so genau genommen.“

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Zur Wahrheit gehört auch: Unter den jungen Leuten selbst gibt’s kaum ein abschreckendes Beispiel, wie der Infektiologe Kremsner an einem Beispiel verdeutlicht: „An Malaria und Ebola sterben etwa die Hälfte aller Menschen, wenn sie das erste Mal die Krankheit kriegen und keine Therapie bekommen – egal, ob sie 20 oder 80 Jahre alt sind.“ Von Covid-19 dagegen haben junge, gesunde Menschen so gut wie nichts zu befürchten. Nur wenige werden überhaupt krank – und wenn, dann sind sie nach ein, zwei Tagen wieder gesund. Ihr Risiko, an Corona zu versterben, ist praktisch Null. Deshalb ist es ihnen oft schwer zu vermitteln, dass es bei der Einhaltung der Schutzmaßnahmen gerade auch auf sie ankommt.

Die Gruppe der Corona-Genervten wächst

Das Problem ist nach wie vor: Sie können das Virus in die Familie tragen, und dann stirbt womöglich der Onkel oder die Oma. Aber nicht nur viele Junge schwächeln bei der Corona-Disziplin. „Viele können die Einschränkungen nicht mehr nachvollziehen“, sagt der Virologe Kekulé. „Sie lassen sich mitunter nicht mal testen, wenn sie Symptome haben, weil sie sich nicht mit dem Gesundheitsamt auseinandersetzen wollen. Die Gruppe der Genervten wächst. Vielleicht hat man versäumt, ihnen besser zu erklären, warum die Maßnahmen nötig sind.“

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Doch die Politiker reden vor allem über eine weitere Verschärfung des Lockdowns – auch vor dem Hintergrund neuer Virusvarianten, beispielsweise aus Großbritannien. Ein falscher Fokus, lässt Schmidt-Chanasit durchblicken: „Die neuen Virus-Varianten zirkulieren schon seit Wochen auch bei uns. Sie sind offenbar nicht für die derzeit hohen Infektionszahlen in Deutschland verantwortlich.“

Es wird noch viele Virusvarianten geben.

Alexander Kekulé, Virologe

Auch sein Kollege Kekulé hält die mutierte Virus-Debatte für überzogen. „Es wird noch viele Virusvarianten geben. Auch wenn die eine oder andere Mutation besonders ansteckend sein mag – entscheidend ist, dass wir nicht die Priorität aus den Augen verlieren, und die besteht im Schließen der besagte Lücken bei den Schutzmaßnahmen.“

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Corona sei immer noch derselbe Feind, so Kekulé: „Ob er ein etwas besseres Gewehr hat, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass man aus der Schusslinie kommt.“

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