Erste Impfungen noch dieses Jahr?

Im Eiltempo zum Corona-Impfstoff: Was er bringen wird und welche Fragen offen sind

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt, selbst striktere Beschränkungen scheinen die Entwicklung nicht aufhalten zu können. Große Hoffnungen ruhen auf einer Impfung. Doch dabei gibt es viele Unwägbarkeiten.

Von Sabine Dobel, dpa

München - Weltweit arbeiten Wissenschaftler und Pharmaunternehmen daran, rasch einen Corona-Impfstoff zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Was sonst viele Jahre dauert, soll jetzt binnen Monaten geschehen.

Zwei europäische Impfstoff-Kandidaten

«Lightspeed» (Lichtgeschwindigkeit) nennt etwa das Mainzer Unternehmen Biontech sein Impfstoffprojekt, das es zusammen mit dem US-Pharmaunternehmen Pfizer vorantreibt. Der Wirkstoff ist einer von momentan etwa einem Dutzend Kandidaten in der dritten und letzten Phase der klinischen Prüfung mit Zehntausenden Probanden. Die Zeit drängt. Überall in Deutschland steigt die Zahl der Neu-Infektionen mit dem Coronavirus.

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In Europa wurde bisher für zwei Impfstoffkandidaten parallel zur klinischen Prüfung der Zulassungsprozess bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA gestartet. Ob – und wenn ja, wann – diese Impfstoffkandidaten zugelassen werden, bleibt abzuwarten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich Medienberichten zufolge zuletzt zuversichtlich geäußert, die ersten Impfungen noch dieses Jahr durchführen zu können.

Unterschiedliche Annahmen zum Startzeitpunkt der Corona-Impfung

Auch viele Wissenschaftler und Pharmaunternehmen rechnen für Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres mit ersten Zulassungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartet den Start von Impfungen zur Jahresmitte 2021. Risikogruppen und Beschäftigte im Gesundheitssystem können als erste mit einer Impfung rechnen.

Eine Versuchsperson erhält eine Spritze mit einem potenziellen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus.

Klar ist dabei: Die Zulassung eines Impfstoffs wird die Pandemie nicht sofort beenden. Experten weisen darauf hin, dass kein Impfstoff eine 100-prozentige Wirksamkeit erreicht, also nicht jeder Geimpfte zuverlässig vor einer Infektion geschützt sein wird. Das ist nicht ungewöhnlich und auch bei anderen Impfstoffen so.

Wie wirksam ist eine Corona-Impfung?

Beim Masernimpfstoff etwa ist die Effektivität mit 95 Prozent relativ hoch. Grippeimpfstoffe haben eine Schutzwirkung zwischen etwa 60 und 70 Prozent. Für die Zulassung der ersten Corona-Impfstoffe hat die US-Zulassungsbehörde FDA eine Wirksamkeit von mindestens 50 Prozent als Ziel vorgegeben, in der EU gibt es noch keine Empfehlung.

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«Es ist möglich, dass erste Impfstoffe nicht immer verhindern können, dass es zu einer Ansteckung kommt», sagt Arne Kroidl, leitender Prüfarzt für Corona-Impfstudien am Tropeninstitut des Klinikums der Universität München. «Allerdings ist ein deutlicher Effekt hinsichtlich klinischer Symptome oder schwerer Verläufe zu erwarten, eine verminderte Viruslast würde zudem eine verminderte Infektiosität wahrscheinlich machen.» Auch das wäre ein Erfolg.

Wahrscheinlich eine Mehrfach-Impfung notwendig

Viele Experten erwarten, dass für eine wirksame Immunisierung eine Impfdosis nicht ausreicht. Wahrscheinlich werde ein mehrfaches Impfen nötig sein, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing.

Um die Hälfte der Weltbevölkerung zwei Mal zu impfen, wären knapp acht Milliarden Dosen nötig, rechnete die Vorsitzende der Verbandsgruppe Impfungen Europa, Sue Middleton, kürzlich vor. Die globale Kapazität liege derzeit aber bei nur etwa fünf Milliarden Dosen pro Jahr - zur Herstellung aller verfügbaren Impfstoffe. Bis große Bevölkerungsteile nach der Freigabe eines Impfstoffes geimpft sind, wird es also dauern.

Produktion der Corona-Impfung auf Verdacht begonnen

Um schneller am Markt zu sein, haben etliche Hersteller schon mit dem Aufbau der Produktion begonnen. Nach eigenen Angaben auch das Mainzer Unternehmen Biontech mit dem hoffnungsvollen deutschen Impfstoffkandidaten. Verträge über den Kauf von Impfdosen mit Ländern oder Staatengruppen sollen das Kostenrisiko für die Firmen mindern.

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«Ich gehe schon davon aus, dass sich im Winter 2021 ein Großteil der Menschen impfen lassen kann», sagt Kroidl. Dass damit wieder etwas mehr Normalität einkehre, «erscheint durchaus realistisch».

Ältere Menschen brauchen eine höhere Impf-Dosis

Eine besondere Herausforderung für die Impfstoffentwickler stellen ältere Menschen dar. Bei ihnen könnte die Impfung weniger gut anschlagen, weil sie ein schwächeres Immunsystem haben als jüngere Menschen. Wahrscheinlich bräuchten Senioren deshalb größere Mengen an Impfstoff, sagt Sebastian Ulbert, Abteilungsleiter Immunologie am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig.

Ungeklärt ist, wie lange ein Impfschutz vorhält. Dass die Immunisierung ein ganzes Leben lang halten wird, scheint zumindest unwahrscheinlich. «Es könnte auch bei einem Covid-19-Impfstoff sein, dass man wie bei der Influenza-Schutzimpfung regelmäßig wieder geimpft werden muss», sagt Wendtner. «Es ist nicht ungewöhnlich, dass Impfungen nicht jahrelang halten, sondern regelmäßig aufgefrischt werden müssen.»

Rubriklistenbild: © Ted S. Warren/AP/dpa

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