KARL-HEINZ ZACHER, WIRT DER EMMERAMSMÜHLE, HAT EIN BEWEGENDES BUCH ÜBER DAS STERBEN SEINER FRAU NINA GESCHRIEBEN

Wahre Liebe endet niemals

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von sarah brenner. Mit verschränkten Armen sitzt Karl-Heinz Zacher in seinem Garten.

Seinen rechten Unterarm ziert das lachende Gesicht seiner verstorbenen Frau. Wie ein Mahnmal schwebt eine schwarze Sanduhr darüber, umklammert von einem DNA-Strang, dessen Ausläufer sich wie Dornen ins Fleisch bohren. Eine schmerzvolle Erinnerung an eine schmerzvolle Zeit. Jene Zeit, in der Nina Zacher, die ehemalige Wirtin der St. Emmeramsmühle in Oberföhring, an ALS erkrankte und starb. Jetzt hat Karl-Heinz Zacher die Geschichte seiner Frau, die sich ihm unter die Haut gegraben hat, in ein Buch gegossen.

Bis zu ihrem Tod hatte sich Nina Zacher mehr als 200 Seiten Text abgerungen. Die vierfache Mutter schrieb über ihr Leben, ihr Leiden und Sterben. Karl-Heinz Zacher stand stets an ihrer Seite. Er war da, als seine Frau die Diagnose bekam, als sie nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen konnte. Er war da, als ihre Kinder Fragen stellten. Und er ging weiter, als das Herz seiner Frau stehen blieb. Nur 46 Jahre wurde Nina Zacher alt.

Mit der Chronik eines Abschieds hat Karl-Heinz Zacher seiner großen Liebe, seiner besten Freundin und Ehefrau eine Stimme gegeben. Eine, die niemals verhallt. Gemeinsam mit der Autorin Dorothea Seitz ist der Ismaninger tief eingetaucht in die Seele seiner Frau. Jeden Dienstag haben sich die beiden getroffen, um Ninas Gefühle und Gedanken zu ordnen. „Es hat Momente gegeben“, erinnert sich Zacher, „die haben unheimlich wehgetan.“ Trotzdem machte er weiter, „weil Nina es so wollte.“ Es dauerte etwa ein Jahr, bis er die Geschichte seiner Frau in den Händen hielt.

„Such dir einen schönen Stern am Himmel“ ist die Chronik eines Abschieds – Ninas Abschied, erzählt auf 270 Seiten. Es sind Zeilen, die elektrisieren. Die erkennen lassen, welchen Kampf die junge Mutter geführt hat: den Kampf einer Sterbenden. Die Worte, die Nina Zacher für das Monster in ihrem Körper fand, sind schonungslos, ehrlich und direkt.

Mit einem Druck im rechten Daumenballen hatte alles angefangen, in den Weihnachtsferien im Winter 2011. Was die vierfache Mutter damals noch nicht wusste: In ihrem zentralen Nervensystem hatte sich ein hochkomplexer Prozess in Gang gesetzt. Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) tötet schleichend. Zuerst lähmt sie die Arme, die Beine, die Zunge. Zum Schluss, wenn der Körper zu schwach ist, um genügend Sauerstoff in die Lungen zu pumpen, versagt die Atmung. „Das Schlimme an ALS ist“, sagt Karl-Heinz Zacher, „dass es keine Schübe gibt, keine Stagnation – der Zustand meiner Frau hat sich von Tag zu Tag verschlechtert.“

Als Nina Zacher die ersten Anzeichen ihrer Krankheit bemerkte, war ihre jüngste Tochter Lola gerade ein halbes Jahr alt. Ihre Einschulung hat die junge Mutter nicht mehr erlebt. Trotzdem war sie dabei. Denn die Ismaningerin hat ihren Kindern Briefe hinterlassen: zu Weihnachten, zur Kommunion, zum Geburtstag. Karl-Heinz Zacher wird die Botschaften aus dem Jenseits aus einer kleinen Kiste holen, sobald die Zeit dafür gekommen ist. „Liebe Lola, mein wunderschöner Schmetterling“ - mit diesen Worten beginnt ein Brief an ihre jüngste Tochter. „Wenn du morgens zu mir ins Bett gekrabbelt bist, mit deinem wunderbaren Lächeln und deinen wuscheligen Haaren, dann war meine Welt in Ordnung.“ Am Ende des Briefs steht ein Versprechen: „Ich werde dich immer auf deinem Weg begleiten, auch wenn ich körperlich nicht mehr vorhanden bin.“ Mit ihren Worten hat Nina Zacher Bilder gemalt und dafür gesorgt, dass ihre Kinder besser mit ihrem Tod umgehen können. „Such dir einen schönen Stern am Himmel“, heißt es in dem Brief, den die kleine Lola zu ihrem fünften Geburtstag bekommen hat. „Einen, der besonders hell leuchtet, auf dem werde ich sitzen und dich beschützen. Irgendwann werden wir uns wiedersehen.“

Als Nina Zacher diese Zeilen schreibt, gleicht ihr Zuhause bereits einer Intensivstation. Überall stehen Medikamente und medizinische Hilfsmittel bereit. Das Monster in ihrem Körper hat sie ans Bett gefesselt, das Atmen fällt ihr zunehmend schwer. „Ich bin verzweifelt“, gesteht sie in einem ihrer Tagebucheinträge, „immer öfter wünsche ich mir, nicht mehr aufzuwachen.“ Am 21. Mai 2016 schläft sie schließlich in den Armen ihres Mannes ein. „Auch wenn wir sehr lange Zeit gehabt haben, uns auf diesen Moment vorzubereiten“, sagt Karl-Heinz Zacher, „war es doch unfassbar, als das Unvermeidliche eintrat.“ Die Kinder hätten ein Bild. „In ihrer Vorstellung lebt Nina weiter, so, wie sie es ihnen versprochen hat – im Himmel, auf einem wunderschönen Stern.“

Auch wenn die Zachers einen Weg gefunden haben, mit ihrer Trauer umzugehen, ist die Traurigkeit immer noch allgegenwärtig. Nina Zacher fehlt. An Weihnachten, beim Frühstück, beim Abendessen – in jeder Minute. Was bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung an eine Frau, die Mut macht. Die bewiesen hat, dass die wahre Liebe niemals endet. „Sie verändert allenfalls ihre Form“, schrieb Nina Zacher kurz vor ihrem Tod, „aber sie bleibt für immer im Herzen.“

Das Buch

„Such dir einen schönen Stern am Himmel“ erscheint diesen Mittwoch im Buchhandel: 14,99 Euro; ISBN 978-3-596-70131-5

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