Die Villa des Reichspressechefs

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Max Amann. Er war Pressechef der NSDAP.

UNSERE DENKMÄLER Das Bildungszentrum am Tegernsee – ein Haus voller Geschichte

Es sieht aus wie ein überdimensionierter Bauernhof, manchmal sieht man dort Minister ein und aus gehen, meist aber nur begabte Beamte, die eine Fortbildung machen: Das Bildungszentrum der Bayerischen Staatsregierung in St.Quirin bei Gmund am Tegernsee zählt zu den Neuerwerbungen des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD). Erst seit Juli 2011 steht es unter Denkmalschutz – als Beispiel für „Macht demonstrierende Wohnhausarchitektur führender nationalsozialistischer Personen“. Das Gebäude im „NS-Heimatstil“ sei „eine besondere Seltenheit“, betont Burkhard Körner vom BLfD.

Das Haus mit West- und Südflügel stammt aus den Jahren 1935/36, erbaut hat es Hitlers Reichspressechef Max Amann (1891-1957), der schon früher in St. Quirin ein Wochenendhaus hatte, sich dann aber opulenten Besitz zulegen wollte. Sein Auge fiel auf einen alten Bauernhof (Angermannhof bzw. Geiselalm). Die Baubehörden baten Amann, den Hof zu erhalten, als er sich das Grundstück kaufte. Aber er ließ ihn abreißen. Amann war ein früher Nazi, schon 1921 trat er in die NSDAP ein, saß später mit Hitler in Festungshaft, wo er Teile von „Mein Kampf“ in die Schreibmaschine tippte. Bei einem Jagdunfall büßte er 1931 einen Arm ein. Er wurde 1933 Präsident der Reichspressekammer und Chef der deutschen Zeitungsverleger. Amann liebt es opulent: Buffetzimmer, Speisesaal, Musikraumnische. Und Schnitzereien, Wandmalereien, Tierkreiszeichen, ein Deckenfresko mit der „Göttin der Jagd“. Vieles ist erhalten – kein Wunder, dass Körner das Gebäude als „aussagekräftig für die Lebensweise“ früherer Nazi-Bonzen wertet.

Seinen Kindern zuliebe ließ Amann den Dachüberstand mit Märchenszenen bemalen. Rotkäppchen, Hans im Glück und anderes – ohne Nazi-Symbolik. Eine skurrile Sache. Einige Fensterrahmen sind mit Schnitzereien verziert – dunkle, mythische Gestalten. „Eine delikate Geschichte“, sagt der Tegernseer Autor Michael Heim, der das Haus vor Jahren mit einem Filmteam besucht hat. „Amann war kein Schlächter, aber ein typischer Nazibonze, bei dem Hitler oft einkehrte.“ Nicht nur Amann wohnte am Tegernsee – auch andere NS-Satrapen wie SS-Chef Heinrich Himmler oder Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz. Schon damals kam das böse Wort vom Tegernsee als „Lago di Bonzo“ auf.

Nach Kriegsende 1945 wurde Amanns Vermögen beschlagnahmt – er war „Hauptschuldiger“ bei der Entnazifizierung. Der exzentrische US-General George S. Patton zog ein, ein legendärer Kriegs-Haudegen und bei Kriegsende Militärgouverneur der Amerikaner für Bayern. Er schwärmte von der Kegelbahn und den zwei Bootshäusern. Von St. Quirin aus soll er den wahnwitzigen Plan verfolgt haben, Einheiten der Waffen-SS (17. Panzer-Grenadier-Division „Götz von Berlichingen“) aus der Region mit amerikanischen Truppen zu vereinigen – mit dem Ziel, sie einst gegen die Sowjetunion führen zu können. Dazu kam es nicht – Patton wurde abgesetzt, er starb im November 1945 nach einem Autounfall.

Die Geschichte des Hauses geht jedoch weiter. Siemens übernahm das Haus und baute es mehrmals um. Dann übernahm der Freistaat die Anlage. Seit 2003 wird es als Bildungszentrum genutzt, jedes Jahr im Dezember zieht sich auch der Ministerrat zu Beratungen dorthin zurück. Wahrscheinlich, meint Autor Heim, wissen die meisten gar nicht, auf welchem historischen Terrain sie tagen.

Übrigens: Die Märchenszenen überdauerten alle Zeiten und sind auch heute noch gut erkennbar. DIRK WALTER

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