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Corona-Experte über den zweiten Booster

Vierte Impfung wegen steigender Corona-Zahlen? Münchner Experte gibt Antworten

Mindestens drei Monate sollten zwischen Infektion und Impfung liegen.
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Mindestens drei Monate sollten zwischen Infektion und Impfung liegen. (Symbolbild)
  • Andreas Beez
    VonAndreas Beez
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Auch wenn es so gut wie keine Corona-Beschränkungen mehr gibt: Das Virus wütet derzeit in Deutschland und vor allem in Bayern so heftig wie nie zuvor. Zuletzt steckten sich allein im Freistaat an manchen Tagen mehr als 30.000 Menschen an, bundesweit sogar mehr als 130.000. Viele Menschen fragen sich deshalb: Soll ich mich ein viertes Mal impfen lassen – und falls ja, wann? Corona-Experte Privatdozent Dr. Christoph Spinne beantwortet im Interview Fragen rund um die vierte Impfung gegen Covid-19. 

München – In Bayern wütet das Corona-Virus so heftig wie nie zuvor. Zwischen Aschaffenburg und Garmisch lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei weit über 900, in München nur knapp darunter.

Zwar verlaufen die allermeisten Infektionen milde, aber angesichts der Masse der Patienten steigt auch die Zahl der Corona-Patienten in den Kliniken wieder an. Verschärft wird das Problem vom chronischen Personalmangel in den Krankenhäusern. Viele Pflegekräfte und Ärzte sind derzeit entweder selbst an Covid-19 erkrankt oder haben aus Frust über die Dauerüberlastung während der Pandemie längst das Handtuch geworfen. Experten befürchten deshalb, dass die Corona-Lage spätestens im Herbst wieder eskalieren könnte. 

Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Menschen: Soll ich mich ein viertes Mal impfen lassen – und falls ja, wann? Macht der Piecks noch vor den Sommerferien Sinn, für wann muss mich einen Termin vereinbaren, wenn ich möglichst gut geschützt auf die Wiesn gehen möchte? Entscheidungshilfe leistet Corona-Experte Privatdozent Dr. Christoph Spinner. In unserer Zeitung beantwortet der Infektiologe und Pandemiebeauftragte des Uniklinikums rechts der Isar Fragen rund um die vierte Impfung gegen Covid-19. 

Die allermeisten Infektionen verlaufen inzwischen milde. Bringt eine Impfung überhaupt noch was? 

Dr. Christoph Spinne: Ja, denn die vollständige Impfung verhindert vor allem schwere Verläufe. Das bedeutet: Man ist im Vergleich zu Ungeimpften viel besser davor geschützt, ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation zu kommen, geschweige denn zu sterben. Das gilt insbesondere für ältere, chronisch kranke und stark übergewichtige Menschen.

Geimpfte sind besser geschützt als Ungeimpfte: Lässt sich diese These wissenschaftlich belegen?

Dr. Christoph Spinne: Ja. Dazu gibt es inzwischen eine Vielzahl von Studien mit eindrucksvollen Ergebnissen: So sind dreifach im Vergleich zu doppelt Geimpften erheblich besser geschützt. Ihr Sterberisiko ist fast zehnmal so klein – unabhängig vom Alter. 

Lohnt sich die vierte Impfung noch vor den Sommerferien? 

Dr. Christoph Spinne: Sie lohnt sich fast immer, weil eine vierte Impfung das Sterberisiko durch Corona vor allem bei Älteren noch mal deutlich senkt – und zwar um das Dreieinhalbfache, wie Spezialisten in aktuellen Studien berechnet haben. Auch jüngere Menschen profitieren, denn der Booster senkt zumindest vorübergehend das Infektionsrisiko.

Wie lange vor der Wiesn sollte man sich impfen lassen? 

Dr. Christoph Spinne: Den besten Schutz dürfte man etwa zwei bis vier Wochen nach einer Impfung aufgebaut haben.

Wer kann die vierte Impfung bekommen? 

Dr. Christoph Spinne: Derzeit wird eine vierte Impfung – auch zweiter Booster genannt – vor allem für chronisch kranke und ältere Menschen empfohlen sowie für Patienten mit Immunschwäche und ihre nahen Kontaktpersonen wie etwa Pflegekräfte. Bei der Altersgrenze sind sich Experten uneins: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die vierte Impfung derzeit Menschen ab 70 Jahren, die EU-Behörden rät allen jenseits der 60 dazu.

Für welche Menschen ist die vierte Impfung besonders sinnvoll? 

Dr. Christoph Spinne: Für chronische Kranke und Immungeschwächte, aber auch für Menschen in deren Umfeld wie zum Beispiel Pflegekräfte und medizinisches Personal. Vor allem bei den Risikogruppen lässt der Schutz schneller nach. Für diese oft älteren und chronisch kranken Menschen sind Auffrischungsimpfungen besonders sinnvoll.

Welche Impfstoffe stehen inzwischen zur Verfügung? 

Dr. Christoph Spinne: Neben den bekannten mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna stehen mittlerweile auch Todimpfstoffe (Novavax) zur Verfügung. Die Vektorimpfstoffe (AstraZeneca, Johnson & Johnson) kommen hingegen nicht mehr zum Einsatz. In Kürze werden weitere, neuere Todimpfstoffe erwartet.

Die aktuellen Impfstoffe schützen offenbar nur vor einem schweren Verlauf, nicht aber vor einer Infektion. Sind Impfstoffe in Sicht, die beides können?

Dr. Christoph Spinne: Das ist so nicht korrekt: Die Impfstoffe schützen sehr gut vor schweren Verläufen und reduzieren auch die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit Krankheitssymptomen – allerdings lässt der Schutz vor Infektionen im Laufe der Zeit schneller nach als der Schutz vor schwerem Erkrankungsverlauf. 

Wird immer noch eine Kreuzimpfung empfohlen (bei jeder Impfung ein anderer Impfstoff), um den Schutz zu erhöhen? 

Dr. Christoph Spinne: Kreuzimpfungen kommen nur bei „immun-naiven“, also ungeimpften Personen, in Frage. Nach zwei Jahren Pandemie spielt die Kreuzimpfung daher kaum noch eine Rolle.

Muss man die vierte Impfung selbst bezahlen? 

Dr. Christoph Spinne: Die Kosten für alle von der Stiko empfohlenen Impfungen werden übernommen. Auch Jüngere können kostenfrei in vielen Fällen bereits ein zweites Mal geboostert werden, sofern eine entsprechende Regelung der Stiko zutrifft.

Wer haftet im Falle eines Impfschadens? 

Dr. Christoph Spinne: Corona-Impfungen sind sehr gut verträglich und schwere Impfnebenwirkungen eine Rarität. Sofern zugelassene Impfstoffe eingesetzt werden, kommen verschiedene Konstellationen der Übernahme eines Impfschadens in Frage. Hierzu kann Sie Ihr Gesundheitsamt beraten.

Wie viel Zeit sollte seit der letzten Impfung oder einer Corona-Infektion mindestens vergangen sein? 

Dr. Christoph Spinne: In beiden Fällen mindestens drei Monate – das gilt sowohl für die dritte als auch für die vierte Impfung. 

Schützt die vierte Impfung auch vor den neuen Varianten BA.4 und BA.5? 

Dr. Christoph Spinne: Alle zugelassenen Impfstoffe schützen auch vor den zirkulierenden neueren Omikron-Varianten, einschließlich BA.4 und BA.5. 

Wieso dauert es eigentlich so lange, bis die Impfstoffe an neue Varianten angepasst werden? Schließlich erklärte Biontech bereits vor einem Jahr, dass dies binnen sechs Wochen möglich sei. 

Dr. Christoph Spinne: Es geht nicht nur um die technische Anpassung. Darüber hinaus müssen die Impfstoffhersteller neue Studiendaten sammeln und den Zulassungsbehörden vorlegen. Dies ist mittlerweile geschehen, die Unterlagen werden geprüft. Doch auch nach einer möglichen Zulassung müssen die Impfstoffe dann erst produziert, von den Behörden beschafft und zur Verfügung gestellt werden. 

Ist es nicht sinnvoll, die neuen, an Varianten angepassten Impfstoffe abzuwarten? 

Dr. Christoph Spinne: Nein. Menschen, denen eine dritte oder vierte Impfung empfohlen wird, sollten sich unverzüglich impfen lassen, weil die heute zugelassenen Impfstoffe schon sehr gut vor schwerem Covid-19 schützen. 

Spielt es für die vierte Impfung eine Rolle, ob man Corona bereits hatte – und falls ja, zu welchem Zeitpunkt?

Dr. Christoph Spinne: Stark vereinfacht ausgedrückt zählt jeder Kontakt, sei es Impfung oder Infektion, als Immunereignis. Für einen optimalen Schutz braucht man im Allgemeinen mindestens drei solcher Ereignisse. 

Wie verträglich ist die vierte Impfung?

Dr. Christoph Spinne: Die meisten Menschen vertragen sie ähnlich wie die vorangegangenen Impfungen. Mit anderen, zusätzlichen Nebenwirkungen ist nicht zu rechnen. 

Ab 1. Oktober gilt man erst ab der dritten Impfung als vollständig geimpft. Wie ist das dann bei Kindern? 

Dr. Christoph Spinne: Kinder ab dem zwölften Lebensjahr sollen wie Erwachsene geimpft werden, Fünf-bis Elfjährige nur bei Vorerkrankungen dreimal. Das Risiko schwerer Covid-19-Verläufe ist bei Kindern deutlich niedriger als bei Erwachsenen. 

Ist man nach einer überstandenen Infektion besser geschützt als nach einer Impfung?

Dr. Christoph Spinne: Nein, im Gegenteil! Die natürliche Immunität kann – je nach Schwere der Symptome – unterschiedlich stark ausfallen. Den größten Schutz scheint man allerdings zu haben, wenn man bereits an Corona erkrankt war und geimpft ist. 

Wie lange hält der aufgefrischte Schutz durch die vierte Impfung voraussichtlich an?

Dr. Christoph Spinne: Schwer zu sagen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, unter anderem Vorerkrankungen, der Impfstoff und die Frage, ob Sie bereits eine Corona-Infektion durchgemacht haben. Neue Studien zu dieser Frage laufen bereits. 

Ist eine vierte Impfung auch dann empfehlenswert, wenn der Patient zuvor größere Impfreaktionen erlitten hat?

Dr. Christoph Spinne: In der Regel sind die Corona-Impfungen sehr gut verträglich. Man sollte bedenken: Bei einer Infektion fühlen sich die Betroffenen häufig einige Tage richtig krank. Insofern würde ich zu einer Impfung raten, außer es sprechen medizinische Gründe wie eine sehr seltene Allergie dagegen. 

Nach den ersten Impfungen litten viele Menschen an Schüttelfrost und Gliederschmerzen: Müssen sie wieder mit solchen Beschwerden rechnen, oder gewöhnt sich der Körper an Corona-Impfungen? 

Dr. Christoph Spinne: Tatsächlich gibt es einen gewissen Gewöhnungseffekt, sodass Impfreaktionen in vielen Fällen etwas milder ausfallen dürften. 

Intensivmediziner raten Risikogruppen zu einer fünften Impfung: Ist das sinnvoll? 

Dr. Christoph Spinne: Die fünfte Impfung ist bereits seit Monaten für Immunschwache empfohlen, also zum Beispiel Menschen mit Krebs unter Chemotherapie oder nach einer Organtransplantation.

Verträgt sich die vierte Impfung mit der Grippe-Impfung? 

Dr. Christoph Spinne: Beide Impfstoffe sind gut verträglich und können sogar zusammen verabreicht werden. Ansonsten existieren keine spezifischen Empfehlungen mehr zum Abstand zwischen den Impfungen.

 

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