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INTERVIEW MIT DEM NEUEN SCHULMINISTER . Bernd Sibler, 47, seit einem Monat bayerischer Kultusminister, ist Mr.

„Supergrips“. Vor unserem Interview erzählt der Plattlinger, wie er als 17-jähriger Gymnasiast bei der gleichnamigen BR-Quizsendung auftrat – und mit seiner Schülergruppe Finalsieger wurde. Lohn der Mühen waren 600 Mark („damals viel Geld“), ein Modellskelett, ein Klappmofa – und eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Zwei Wochen reiste Schüler Sibler damals, 1988, durch die Weiten der Sowjetunion. Die Legende erzählt, dass er vom Elend im russischen Riesenreich so entsetzt war, dass er beschloss, in die Junge Union einzutreten.

-Herr Sibler, ein Thema, das Ihre Amtszeit bestimmen wird, ist die Rückkehr zum G9. Wie ist der Stand?

Im kommenden Schuljahr startet das G9 offiziell in den 5. und 6. Klassen. Die Lehrpläne und Schulbücher dafür liegen vor, die Lehrpläne bis zur zehnten Klasse haben wir im Herbst fertig. Letzte Fragen sind noch bei der „Überholspur“ zu klären. Die Schüler, die die 11. Klasse auslassen oder ein Auslandsjahr einlegen möchten, wollen wir mit Zusatzmodulen in der 9. und 10. Klasse vorbereiten.

-Wie weit sind die Pläne für die Oberstufe?

Wir starten nach Pfingsten mit einer Dialogrunde mit Schülern, Eltern, Lehrern und der Direktorenvereinigung. Diese Gespräche hat mein Vorgänger Ludwig Spaenle schon bei der Stundentafel für die Jahrgangsstufen 5 bis 11 gesucht. Das Verfahren hat sich bewährt und einen hohen Konsens ergeben. Entscheidungen werden und müssen zu diesem Zeitpunkt nicht fallen. Wir haben noch Zeit und wollen uns diese Zeit auch nehmen.

-Wird es wieder Leistungskurse wie im G9 geben?

Es gibt den großen Wunsch nach mehr fachlicher Vertiefung. Wie wir diese gestalten, wird sich zeigen. Im bisherigen W-Seminar, in dem Schüler sich mit einer wissenschaftlichen Fragestellung auseinandersetzen und darüber eine Arbeit schreiben, gibt es bereits die wissenschaftspropädeutischen Strukturen, wir können also auf einer soliden Basis aufsetzen. Das Projekt-Seminar wollen wir in der 11. Klasse zur beruflichen Vorbereitung belassen. Sie sehen: Es gibt einige sehr gute Dinge am achtjährigen Gymnasium – das praxisorientierte P-Seminar und das W-Seminar gehören sicherlich dazu.

-Was wollen Sie anders machen als im G8?

Das G9 bringt uns ein zusätzliches Schuljahr und insgesamt 19,5 Wochenstunden mehr. Damit können wir beim Nachmittagsunterricht für eine deutliche Entlastung sorgen, nicht nur in der Unter-, sondern auch in der Mittelstufe, an der es ja im G8 viel Kritik gab. Ich will auf gar keinen Fall, dass so viele zusätzliche Inhalte hineingestopft werden, dass wir nicht mehr genug Zeit zum Wiederholen und Vertiefen haben. Die Kernkompetenzen müssen sitzen. Lesen, Schreiben, Rechnen, wenn Sie so wollen.

-...und auf dem Handy tippen? Ministerpräsident Söder hat 50 000 digitale Klassenzimmer versprochen.

Auch hier haben wir bereits eine solide Basis: An Bayerns Schulen haben wir jetzt schon über 350 000 PCs für den Unterricht. Unser Internet-Lernportal mebis mit einem großen Infoportal, einer virtuellen Lernplattform und einer Mediathek gibt es seit fast zehn Jahren. Arbeiten müssen wir noch am schnellen Internet, für das aber schon so viel Geld bereitsteht, dass die Baufirmen kaum hinterherkommen.

-Wie sieht ein digitales Klassenzimmer aus?

Unsere Maxime ist: Die Technik dient der Pädagogik. Der Unterricht muss durch den Einsatz digitaler Medien besser werden. Forderungen, dass jeder Schüler gleich ein eigenes Tablet braucht, sehe ich skeptisch. 2017 hat der Beraterkreis des Ministeriums zur IT-Ausstattung von Schulen in seinem „Votum“ eine Art Warenkorb zur technischen Mindestausstattung für ein digitales Klassenzimmer entwickelt. Dazu gehören zum Beispiel Beamer, Dokumentenkameras und natürlich auch WLAN im Klassenzimmer.

-Wer zahlt?

Sachaufwandsträger sind die Kommunen. Aber alleine können sie das nicht schaffen, vollkommen klar. Deswegen fördert der Freistaat die digitalen Klassenzimmer. Allein für die Verbesserung der IT-Ausstattung an Schulen stehen 100 Millionen Euro im Nachtragshaushalt 2018. Die Verhandlungen über die Förderrichtlinien sind in der Endphase.

-Anderes Thema: Markus Söder hat Deutschklassen für Zuwanderer-Kinder angekündigt. Wie werden die aussehen?

Die deutsche Sprache ist der Schlüssel – ohne sie funktioniert Integration nicht. Seit vielen Jahren gibt es bei uns an Grund- und Mittelschulen die Übergangsklassen mit zehn Deutschstunden die Woche. Darauf bauen wir auf: Es wird vier zusätzliche Wochenstunden geben, bei denen die Kultur- und Werteerziehung auf Deutsch eine große Rolle spielt. Zudem werden wir auch weiterhin externe Kräfte an die Schulen holen. Das ergibt einen Unterricht für den ganzen Tag. Wie bei den Übergangsklassen wird es sich bei den Deutschklassen um „atmende Systeme“ handeln. Sobald ein Kind so weit ist, holen wir es in die Regelklasse.

-Zum Islamunterricht, den viele als integrationsfördernd loben, haben Sie sich zuletzt zurückhaltend geäußert. Wollen Sie den Modellversuch stoppen?

Nein! Er wird nur nicht ausgeweitet, das ist ein großer Unterschied. Den Islamunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler gibt es im Moment an 350 Schulen, das sind für einen Modellversuch genug. Es ist nicht sinnvoll, durch ständiges Ausweiten schon Fakten zu schaffen. Es gibt Indikatoren dafür, dass in dem Unterricht gut gearbeitet wird. In Bayern unterrichten nur staatlich ausgebildete Lehrkräfte, Ditib und andere Gemeinschaften sind hier außen vor. Das deutet in die richtige Richtung. Wie es weitergeht, entscheiden wir 2019.

Interview: Dirk Walter und Josef Ametsbichler

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