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Fachkräftemangel

„Das ist ein Irrsinn“: Viele Kitas wegen Personalmangel vor dem Kollaps 

Viele Kitas vor dem Kollaps.
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Viele Kitas vor dem Kollaps. (Symbolbild.)
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  • Magdalena Höcherl
    Magdalena Höcherl
  • Christine Novotny
    Christine Novotny
  • Veronika Mahnkopf
    Veronika Mahnkopf

Kitas haben mit einem enormen Fachkräftemangel zu kämpfen. Dennoch hat Bayern laut Familienministerium die Zahl der Betreuungsplätze seit 2008 um 188 Prozent gesteigert. Eine Rechnung, die nicht aufgeht. Das bekommen sowohl die Kitas als auch Eltern zu spüren.

Weilheim/Freising – Wenn schon frühmorgens das Kita-Telefon klingelt, ahnt Gabriele Fix, dass es ein schwieriger Tag wird. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Montessori Kinderhauses in Weilheim. Bei ihr melden sich die Betreuer, wenn sie krank sind. Die Personallage ist in vielen Einrichtungen so angespannt, dass das System schnell kollabiert, wenn jemand ausfällt. Aber genau das passiert seit Monaten sehr oft. 

Im Kindertagesstättenbereich gibt es seit Jahren einen eklatanten Fachkräftemangel. 10.942 Stellen für Erzieher hatte die Bundesagentur für Arbeit 2021 im Angebot – ein Anstieg um 157 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis zu 72.500 Fachkräfte könnten in den kommenden fünf Jahren fehlen.

Trotzdem mehr Betreuungsplätze?

Gleichzeitig hat Bayern laut Familienministerium die Zahl der Betreuungsplätze seit 2008 um 188 Prozent gesteigert. Eine Rechnung, die nicht aufgeht.

Das weiß auch Edith Richter-Schindele. Sie ist stellvertretende Schulleiterin an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rottenbuch. Die Schule hat viele Absolventen. Am Ende des Tages seien aber auf dem Arbeitsmarkt trotzdem nicht genug Fachkräfte zu finden. „Unsere Absolventen haben teilweise Stellen ein halbes Jahr bevor sie ihren Abschluss machen. Die werden richtig abgeworben“, sagt Richter-Schindele.

Das hängt auch damit zusammen, dass immer mehr Kinder betreut werden, berichtet Michaela Then, die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Beruflichen Schulzentrums in Freising. Die Kinderbetreuung wurde in den letzten Jahren massiv ausgebaut – weil ein großer Bedarf da ist. Im Großraum München seien die Lebenshaltungskosten hoch, meistens müssten beide Eltern Geld verdienen. „Und oft sind keine Großeltern vor Ort, die bei der Betreuung helfen können.“

Die Bezahlung ist ein Problem

Immerhin habe die Politik erkannt, dass es ein Problem gibt, das man dringend lösen müsse, sagt Then. Ein wichtiger Schritt, um mehr junge Menschen für den Erzieher-Beruf zu gewinnen, sei die Bezahlung. Das Einstiegsgehalt liegt bei 2650 Euro pro Monat. In den zwei Jahren Kinderpflegeschule verdienen die Schüler nichts. Und auch an der Fachakademie für Sozialpädagogik wird nur das Jahr Berufspraktikum entlohnt. „Viele Familien können es sich schlicht nicht leisten, dass das Kind diese Ausbildung macht und währenddessen kein Geld verdient“, sagt Then. 

Im Kreis Freising ist der Erziehermangel seit Monaten in den Gemeinderatssitzungen Thema. Zuletzt musste der Markt Au bekannt geben, dass der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz nicht für alle Familien erfüllt werden kann. Die Stadt Freising geht davon aus, dass es ab dem neuen Kindergartenjahr in elf der 15 Kitas unvermeidlich sein wird, die Betreuungszeiten zu kürzen. „Meist endet die Betreuung 30 Minuten oder eine Stunde eher als bisher“, sagt Christl Steinhart, Sprecherin der Stadt. Die Eltern hätten Großteils Verständnis gezeigt. Aber natürlich geraten auch sie dadurch in Not. Und das Personal in den Kitas leidet unter der extremen Arbeitsbelastung. „Die Pandemie setzt den Fachkräften zu, es gehen vermehrt Anträge auf Arbeitszeitverkürzung ein“, sagt Steinhart. 

„Das ist ein Irrsinn“

Gabriele Fix merkt das täglich. Manchmal reiche die Besetzung im Montessori-Kinderhaus hinten und vorne nicht. Am schlimmsten war es vor ein paar Jahren, erzählt sie. Da hat sie zu zweit mit ihrer Kollegin in der Krippe gearbeitet. „Wir haben eineinhalb Jahre nach Verstärkung gesucht, aber niemanden gefunden. Es kamen keine Bewerbungen rein.“ In dieser Zeit waren die beiden Erzieherinnen für zwölf Kinder zuständig. „Das ist ein Irrsinn“, sagt sie. Man könne dann nur noch den Betrieb am Laufen halten, mehr nicht.

Das ist das Problem, betont Schulleiterin Richter-Schindele. Erzieher seien eben nicht nur Betreuer. „Ich würde von Bildungsbegleitern sprechen.“ Die Zeit in Kitas sei ein wichtiger Teil des Lebens des Kindes. Viele Erzieher seien frustriert, dass für das, was sie bei ihrer Ausbildung gelernt haben, so wenig Zeit bleibt. Berufsanfänger merken, wie ausgebrannt ältere Kollegen sind. Einige raten Jüngeren wegen der schlechten Rahmenbedingungen sogar ab, sich für den Beruf zu entscheiden. Das ist der Teufelskreis: mehr Abbrecher, noch mehr Personalmangel. 

Die Lösung wäre es, an den Rahmenbedingungen anzusetzen, sagt Richter-Schindele: Gruppengrößen, Gehalt, mehr Berufszufriedenheit durch mehr gesellschaftliche Anerkennung. Darauf hofft auch Gabriele Fix. „Der Job ist eigentlich ein großes Glück. Wir dürfen Kinder dabei begleiten, sich zu entwickeln und groß zu werden“, betont sie. „Ich würde mich wieder für diesen Beruf entscheiden.“ 

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