Viele Fragen nach der Fast-Kollision

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Nach der Beinahe-Kollision zweier Züge in Utting am Ammersee gibt es offene Fragen – nach der Verantwortung des Fahrdienstleiters, aber auch nach dem Stand der Technik. Der Zugbetreiber fordert eine Modernisierung: Die Strecke müsse elektrifiziert werden.

ammerseebahn

von dirk walter

Utting/München – Spielende Kinder am Gleis, Fahrgäste, die über die Schienen hasten, Züge, die alle naselang hupen, weil sie über unbeschrankte Bahnübergänge fahren – das ist Alltag auf vielen Nebenstrecken der Bahn in Bayern und anderswo. So auch bei der Bayerischen Regiobahn, deren Züge auf der historischen Strecke der Ammerseebahn zwischen Geltendorf und Weilheim pendeln – mit Verlängerung nach Augsburg/Ingolstadt im Norden und Schongau im Süden. Eine Nebenlinie, gewiss. Doch so beschaulich ist der Betrieb dort gar nicht mehr. Auf der Strecke, die 1976 sogar beinahe stillgelegt worden wäre, herrscht reger Verkehr. Zwischen Ingolstadt und Schongau sind im Jahr 5,1 Millionen Fahrgäste unterwegs – das sind mehr als im gesamten Netz der Bayerischen Oberlandbahn (4,6 Millionen).

Der Fast-Zusammenstoß zweier BRB-Züge am Bahnhof von Utting (Kreis Landsberg) am Donnerstagvormittag könnte nun die Diskussion um die Modernisierung von solchen Bahnstrecken anfeuern. Der Zug aus Augsburg war auf ein Gleis eingefahren, auf dem schon der Zug aus der Gegenrichtung stand – nur die Notbremsung des Lokführers verhinderte Schlimmes. Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU), eine Behörde, die nicht der Bahn unterstellt ist, ermittelt in dem Fall. Der Fahrdienstleiter wurde von der DB Netz AG vom Dienst freigestellt. Auch die Bundespolizei prüft, ob ein Straftatbestand vorliegt. Eine Vorverurteilung des Mannes, der das dortige mechanische Stellwerk bedient, dürfte es nicht geben, heißt es von allen Seiten. Nach Hörensagen soll er tobende Schulkinder auf dem Bahnsteig ermahnt haben, während der Zug in den Bahnhof einfuhr. Die Kinder in Utting müssen, um auf den Bahnsteig zu gelangen, ein Gleis überqueren. Gut möglich, dass da eine Gefahrensituation entstanden war. Ob der Mann in dem Tohuwabohu vergaß, eine Weiche zu stellen, ist ebenso unklar wie die Frage, wieso die sogenannte Fahrstraße gestellt war und der Zug aus Augsburg überhaupt einfahren konnte. Denn dafür müsste eigentlich das Signal vor dem Bahnhof freie Fahrt signalisieren. In Utting sind außerdem zwei Fahrdienstleiter im Einsatz – ein zweiter Mann ist in einem separaten Raum für das elektronische Stellwerk Dießen zuständig, außerdem managt er von Utting aus das weit entfernte Stellwerk in Lagerlechfeld (nördlich von Landsberg). Warum das so ist, darüber wollte ein Bahnsprecher lieber nicht spekulieren. Ebensowenig darüber, ob ein Fahrdienstleiter für den anderen einspringen darf – zum Beispiel, wenn er mal schnell aufs WC muss (oder aber spielende Kinder maßregelt). Viel Arbeit also für die Untersuchungsstelle BEU. Die technische Ausstattung der Ammerseebahn-Strecke, die mit alt hergebrachten Formsignalen und kilometerlangen Drähten zur Weichen- und Signalbedienung vorsintflutlich erscheint, will der Chef der BRB, Bernd Rosenbusch, nicht kritisieren. Wohl aber mahnt er eine Elektrifizierung der Strecke an. „Das wäre zeitgemäß“, sagt er. Zwischen Geltendorf und Augsburg gibt es schon seit 1970 Strom – doch die BRB befährt diese Strecke mit Dieseltriebzügen, weil auf der Verlängerung nach Süden der Fahrdraht fehlt. Auch der Weilheimer Vorsitzende von Pro Bahn, Norbert Moy, mahnt Verbesserungen auf der Strecke an: „Aus unserer Sicht fehlt vor allem ein zweites Gleis im Bahnhof Raisting“ – daher müssten die Züge schon in Dießen oder Weilheim aufeinander warten. Das koste Zeit und führe zu einem „Hinketakt“.

Ausbauplanungen für die Ammerseebahn gibt es freilich nicht, weder bei Bahnhöfen noch bei Streckenabschnitten. Und: „Für eine Elektrifizierung gibt es derzeit keine konkreten Pläne“, teilte das bayerische Verkehrsministerium am Freitag mit.

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