Verschatzt!

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Ein Nazi-Schatz in Mittenwald. Ja, warum denn eigentlich nicht? Dachte auch der Holländer Leon Giesen und setzte alle Hebel in Bewegung, um dort graben zu dürfen. Am Mittwoch konnte er endlich loslegen. Und sagen wir so: Er grub auch etwas aus.

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Ein Nazi-Schatz in Mittenwald. Ja, warum denn eigentlich nicht? Dachte auch der Holländer Leon Giesen und setzte alle Hebel in Bewegung, um dort graben zu dürfen. Am Mittwoch konnte er endlich loslegen. Und sagen wir so: Er grub auch etwas aus.

von marcus mäckler

Mittenwald – Um 10.58 Uhr sieht es für ein paar Augenblicke so aus, als würde Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) bald in den Geschichtsbüchern stehen. Und das wegen eines Holländers. Es ist Mittwoch, es nieselt, die Berge, die wie eine Wand hinter dem 7000-Einwohner-Markt aufragen, sind bis weit unter ihre Gipfel von dichtem Nebel umwabert. Und dieser ziegenbärtige Holländer, ein gewisser Leon Giesen (51), starrt gebannt in ein etwa 2,60 Meter tiefes Loch mitten in einer Nebenstraße.

In den Geschichtsbüchern, denkt man sich beim Blick durch den gerade aufgestellten Bauzaun, könnte bald stehen: Niederländischer Filmemacher findet Nazi-Gold in Oberbayern. Eine Sensation.

Aber an diesem Mittwoch ist kein Schatzjäger-Wetter, das merkt auch Giesen. Er starrt, starrt, starrt. Blickt schließlich auf, verzieht keine Miene. Wirft ein paar vom Rost zerfressene Eisenstücke und einen Draht, die einer seiner Mitarbeiter ausgegraben hat, in sichere Entfernung neben die Grube. Hinterher sagt er – ganz unaufgeregt: „Ich hatte gehofft, dass es zumindest ein Motorblock oder sowas ist.“

Die Schatzsuche des Leon Giesen, sie war eine Suche für die Katz – oder auch: für ein paar Stücke Metall und einen dicken Stein. Dabei hätte er einiges darauf gewettet, dass an genau dieser Stelle in Mittenwald ein verschollener Nazi-Schatz liegt. Immerhin hatten zwei Probebohrungen im September auffallend viel Metall in gut zwei Metern Tiefe gemessen. Von wegen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Schatz in Bayern vermutet wird. Aus guten Gründen. Die Nazis hatten die „Kernfestung Alpen“ als letzte Bastion gegen die Alliierten nutzen wollen. Seither ranken sich Mythen um verschollenes Gold, Diamanten und Devisen, etwa am Walchensee oder am Alatsee bei Füssen. Giesens Suche ist der jüngste Fall. Und vielleicht auch der verrückteste.

Er beginnt mit einer Legende und mit einer Schatzkarte. Hitlers Privatsekretär Martin Bormann soll gegen Ende des Krieges einen verschlüsselten Code für das Versteck auf ein Notenblatt zum „Marsch Impromptu“ von Gottfried Federlein geschrieben haben: einige Textzeilen, ein paar Zahlen und Runen-Zeichen. Jahrzehnte später kam ein holländischer Journalist an das Blatt und plagte sich sieben Jahre damit herum, den Code zu entschlüsseln. Als er erfolglos blieb, publizierte er die Geschichte samt Notenblatt in einer Zeitung.

Das war der Moment des Leon Giesen. Vorher, sagt der Mann, der eigentlich Dokumentarfilmer und Musiker ist, habe er mit Geheimcodes wenig am Hut gehabt. „Aber ich habe ein gutes Auge für Details.“ Nur drei Tage will er gebraucht haben, um die Details zu einem Bild zusammenzusetzen. „Als ich die Lösung hatte, habe ich angefangen, an den Schatz zu glauben.“

Dabei geht es vor allem um die Textzeile „Wo Matthias Die Saiten Streichelt“. Giesen deutete dies, wie schon vor ihm der Journalist, als Hinweis auf Matthias Klotz, der als Begründer des Geigenbaus in Mittenwald gilt. Dann fiel ihm der leicht verschnörkelte Buchstabe „M“ auf dem Blatt ins Auge. Einen genauso geformten Buchstaben hatte er kurz zuvor an einem deutschen Bahnhof entdeckt. Ein paar Veränderungen in der Partitur deutete Giesen zudem als Hinweis auf ein sich verzweigendes Schienennetz. Das passte: Denn an der Stelle, wo der Holländer am Mittwoch schließlich graben ließ, gabelte sich einst das Netz der Mittenwaldbahn.

„Das ist schon verrückt“, sagt Giesen während einer Grabungspause am Mittwoch. Und der Mann mit dem Blick für Details weiß, dass es gerade deshalb eine verdammt gute Geschichte ist. Er begann, Geld für sein Vorhaben zu sammeln. Und drüben in Holland flippten sie aus. 850 Menschen spendeten je 50 Euro, mehr als 40 000 Euro kamen zusammen – „Crowdfunding“ heißt das heute. Genug Geld jedenfalls, um das Aufreißen der Straße zu finanzieren.

Auch der Gemeinderat in Mittenwald machte mit, obwohl man dort zuerst gar nicht begeistert von Giesens Theorie war. Der ganze Trubel für nix, dachten sie sich. Immerhin wurde die Straße laut dem Ordnungsamts-Chef schon mal ausgehoben – und zwar vier Meter tief, viel weiter als am Mittwoch. Und der Medientrubel, wenn da wirklich etwas liegen sollte. Schon vergangene Woche interviewte das koreanische Fernsehen den Bürgermeister. Koreanische Journalisten! Kommt selten vor.

Sie ließen Giesen trotzdem machen. Der heuerte ein Bauunternehmen aus Lenggries an. Außerdem einen Sprengstoffexperten aus Unterhaching – weil so ein Nazi-Schatz vielleicht explosiv gesichert sein könnte. Giesen, sein Pressesprecher – ja, den braucht der Holländer mittlerweile – und ein Kameramann reisten schon am Montag an. Außer dem Gemeinderat wusste kaum jemand von der Grabung.

Allenfalls die Mittenwalder selbst. Aber von denen lässt sich am Mittwoch kaum einer blicken. Ein paar Anwohner, ja, weil die Baggerschaufel halt auch nicht zu überhören ist. Aber die These, dort unter ihrer Straße liege irgendwo Bares, in Gold, die halten sie alle für, nun ja, ziemlich unwahrscheinlich.

Auch Giesen selbst scheint, als komme es ihm weniger auf den Schatz an. Weitersuchen will er nicht, mit dem Gold ist er durch. „Da liegt kein Segen drauf“, sagt er. Auf dem Film, den er über die absolut bekloppte Geschichte dreht, vielleicht schon. Außerdem will er die 850 Spender zu einer großen Geschichten-Stunde ins Theater einladen. Dann erzählt er seine Schatzsuche von Anfang an – als zweites kleines Dankeschön.

Das erste Dankeschön liegt schon unter der Erde. Kurz bevor der Bagger das Loch wieder zuschüttet, legt Giesen ein paar Tafeln hinein, auf die er die Namen der Geld-Spender geschrieben hat. Die Tafeln sind aus Metall. „Damit der nächste Schatzsucher was findet.“

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