Unsere Heimat im Wandel der Zeit

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Der Herr über die Luftbilder: Archivar Johann Lang. Foto: Haag

Im Landesluftbildarchiv schlummert ein Schatz – eine Million Bilder aus Bayern, aufgenommen vom Flugzeug aus. Jeder Flecken des Freistaat wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach aus der Luft fotografiert.

Wenn man irgendwo sieht, wie sich Heimat verändert, dann hier.

Im Landesluftbildarchiv schlummert ein Schatz – eine Million Bilder aus Bayern, aufgenommen vom Flugzeug aus. Jeder Flecken des Freistaat wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach aus der Luft fotografiert. Wenn man irgendwo sieht, wie sich Heimat verändert, dann hier.

Von Stefan Sessler

Der Herr über eine Million Luftbilder, Archivar Johann Lang, 55, ein Mann mit Schnauzer und viel Humor, saust durch die Gänge mit den hohen Schränken. Dann geht er zum Computer. Dann zum Arbeitstisch, wo ein paar der Luftbilder liegen. Dann holt er die Lupe raus. Schaut, prüft, schaut. Aber er findet es einfach nicht, dieses eine Luftbild, das er zeigen will. Das Luftbild von einem Münchner Friedhof, auf dem vom Flugzeug aus eine Beerdigung fotografiert wurde. Es ist eine seltene Kuriosität, die hier schlummert. Ein schwarzhumoriger Gag. Man kann sogar das offene Grab erkennen. „Schad“, sagt Lang. „Aber ich find’s nicht.“

Man darf sich nicht täuschen lassen: Sonst geht’s im Archiv ernst zu, sehr ernst sogar. 64 000 Fotografien aus englischen und amerikanischen Aufklärungsflügen aus den 1940er-Jahren lagern hier. Noch heute schaut sich der Kampfmittelräumdienst die Aufnahmen des kriegszerstörten, bombenübersäten Landes ganz genau an, um Blindgänger zu finden. Auch bei der Schwabinger Bombe aus dem Jahr 2012 haben die Experte im Archiv geschaut, ob vielleicht noch mehr Blindgänger rumliegen. Doch man konnte auf den alten Foto nichts erkennen.

Ortsplaner nutzen das Archiv, um Bayern aus der Vogelperspektive betrachten zu können. Heimatforscher, um den Wandel zu beschreiben. Umweltexperten, um die Ausmaße des Waldsterbens einschätzen zu können. Manchmal kommen sogar die Juristen. Einmal konnte durch einen Blick aufs Luftbild geklärt werden, wie lange ein Schwarzbau schon steht. Es gibt Zeitreihen vom Olympiastadion, vom Gebiet rund um die Allianz Arena, von bayerischen Innenstädten, auf denen man auf frappierende Weise erkennt, wie sich der Freistaat gewandelt hat.

Jeder Flecken des Freistaats lagert hier als Senkrechtaufnahme – und das mehrfach. Bayernbefliegung nennt sich das Ganze. Alle drei Jahre fliegt ein Flieger wieder über die gleiche Stelle. Gerade hat das Archiv, das es seit 1975 gibt, sein einmillionstes Luftbild gefeiert: eine Aufnahme von Raitenbuch, Mittelfranken.

Sogar Heimatminister Markus Söder war anlässlich des Jubiläums im Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, wo das Archiv angesiedelt ist. Er hat sich rumführen lassen, er hat sich eine lustige 3D-Brille aufgesetzt, um einige Spezialaufnahmen anzuschauen. Und er hat gesagt: „Was wir hier haben, ist ein historischer Schatz – eine Bildchronik aus der Luft.“ Jedes Jahr kommen weitere 30 000 Luftbilder hinzu, inzwischen liegen die Fotos natürlich digital vor. Legt man alleine die 820 000 analogen Fotos aufeinander, dann kommt ein Turm raus, der höher ist als die Frauenkirche. Würde man alle Bilder nebeneinander legen, dann käme eine Fläche heraus, die größer als Europa ist.

Kein Wunder, dass Johann Lang das Luftbild mit dem Friedhof nicht auf Anhieb gefunden hat. Dafür hat er inzwischen ein paar andere Schmankerl gefunden. Auf einem Luftbild hat sich eine Fliege für verewigt – sie hat sich in dem Moment aufs Objektiv gesetzt, als das Foto gemacht wurde. Auf einem anderen Bild sieht man ein Feld, auf das ein Bayer den Satz „Ich liebe dich“ gemäht hat. Sehr romantisch.

Heute kann jedermann die Bilder aus dem Archiv erwerben – zu Forschungszwecken, zu Planungszwecken oder vielleicht einfach als Geburtstagsgeschenk. Mitarbeiter helfen einem, das richtige Bild zu finden. Früher, gerade zu Zeiten des Kalten Kriegs, war die Sache komplizierter: Da waren ganze Bildabschnitte geschwärzt, Staatsgeheimnis, weil darauf Kasernen oder andere kriegswichtige Gebäude zu sehen waren. Auch die Fliegerei war Einschränkungen unterworfen. Die bayerischen Piloten mit ihrer Spezialkamera an Bord durften die Grenzen zur DDR oder zur Tschechoslowakei nicht überfliegen, so dass sie in den grenznahen Gebieten manchmal zu einem Trick greifen mussten: Sie konnten nicht senkrecht runter fotografieren, sondern sie mussten schräg fotografieren.

Lange her, aber ein Hindernis gibt es heute noch genauso wie damals: das Wetter und die Lichtverhältnisse. Nur an 20 Flugtagen im Jahr ist das Licht perfekt für Luftaufnahmen. Und auch da nur mittags – weil sonst der Schatten die Bilder unbrauchbar macht. Und das will schließlich keiner.

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