UMSTRITTENE NEUE RICHTLINIEN

Klassenkampf um Sexualkunde

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Sollen Lehrer ihren Schülern mehr Verständnis für Homo-, Bi- und Transsexuelle beibringen? Über diese Frage tobt derzeit fast schon ein Glaubenskrieg. Noch ziert sich der Kultusminister, neue Richtlinien für den Sexualkunde-Unterricht zu unterschreiben.

von dirk walter und til Huber

München – Verschwulung, Frühsexualisierung, Gender-Wahn – die Wortwahl bestimmter Gruppen, die gegen einen Richtlinien-Entwurf des Kultusministeriums zu Felde ziehen, ist durchaus deftig. Im März hatte das Ministerium im Landtag neue Sexualkunde-Richtlinien vorgestellt – die alten stammen aus dem Jahr 2002. Damals war das Lob für den Entwurf einhellig – und jeder hätte erwartet, dass Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) seine Unterschrift unter den Entwurf setzt. Dann wäre er ab diesem Schuljahr gültig gewesen. Spaenle jedoch zierte sich – seine Unterschrift steht neun Monate nach der Debatte im Landtag immer noch aus.

Wahrscheinlich hängt das mit bestimmten Formulierungen in dem Entwurf zusammen. Neu ist ein Kapitel „Geschlechterrollen und Identitätssuche“, in dem es heißt, Lehrer hätten die Aufgabe, „die Vielfalt der Lebensformen und die Themen Hetero-, Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität (...) vorurteilsfrei“ anzusprechen – eine Formulierung, die zum Beispiel Claudia Stamm, Queer-Beauftragte der Grünen-Landtagsfraktion, für bahnbrechend hält. In einem weiteren Kapitel heißt es, bayerischen Neunt- und Zehntklässlern solle „Toleranz und Akzeptanz gegenüber Menschen, ungeachtet ihrer sexuellen Identität“ vermittelt werden.

Konservativen Gruppen geht das zu weit – zum Beispiel dem Bündnis „Demo für alle“. Es hatte sich 2015 in Baden-Württemberg gegründet, wo es unter der grün-roten Landesregierung Pläne zur Liberalisierung der Sexualkunde gab. Die Organisation hat seitdem in etlichen Ländern agitiert. Derzeit gibt es vor allem im schwarz-grün regierten Hessen Streit.

Ende Oktober gingen in Wiesbaden Gegner und Befürworter auf die Straße. Kultusminister Alexander Lorz, ein CDU-Mann, hatte neue Richtlinien erlassen – per Ministerbeschluss und gegen das Votum des Landeselternrates. Es ist vor allem ein Kampf um Begriffe. Laut Lehrplan sollen die Schüler auch in Hessen allen sexuellen Ausrichtungen „Akzeptanz“ entgegenbringen. Das bedeute allerdings, dass sie diese auch gutheißen sollen und gehe zu weit, meinen Elternvertreter. Sie wollen ihren Kindern lediglich „Toleranz“ abverlangen. Auch die rechtsgerichtete AfD polemisierte: Statt Mathematik oder Deutsch sollten die Schüler nun ihre Zeit „mit dem Erlernen von Sexualpraktiken“ verbringen. Die CDU blieb bei der liberalen Linie. Und die CSU?

Spaenle traf fünf Wortführer von „Demo für alle“ im September – die ungeschminkt forderten, er solle die missliebigen Formulierungen, am besten aber das gesamte Kapitel über die Geschlechterrollen, ersatzlos streichen. Das geht dem Minister, der sich gegenüber unserer Zeitung nicht zu Details des Entwurfs äußern will, zu weit. Allerdings ist er bei bestimmten Akzentsetzungen offenbar zu Konzessionen bereit, wie Mitglieder des Aktionsbündnisses „Vielfalt statt Einfalt“ am Dienstagabend zu ihrem Entsetzen erfuhren. „Vielfalt statt Einfalt“, in dem sich vor allem Schwule und Lesben organisieren, ist gewissermaßen das ultraliberale Gegenstück zu „Demo für alle“. Das Aktionsbündnis hatte den Richtlinien-Entwurf vom März als „fortschrittlich“ gelobt und ist jetzt um so mehr enttäuscht, dass Spaenle nun, wie er ihnen am Dienstag sagte, das Symbolwort „Akzeptanz“ durch den neutraleren Begriff „Respekt“ ersetzen will. „Die Streichung des Begriffs entspricht einer Forderung der sogenannten Demo für alle“, empört sich das Bündnis gegenüber einer Online-Plattform (queer.de). Für diese, wie er sagt, „Begradigung“ hatte sich aber auch der CSU-Abgeordnete Thomas Goppel eingesetzt. „Die Gender-Diskussion ist eine Diskussion in der Gesellschaft“, sagt er. „Sie gehört nicht in die Schule.“

Noch eine Konzession hat Spaenle offenbar gemacht: Er will durch eine Änderung der Dienstordnung festlegen, dass beim Aufklärungsunterricht, den in der Regel externe Fachkräfte durchführen, an weiterführenden Schulen künftig zwingend ein Lehrer anwesend ist. Die Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm hält das für „fatal“. Externe Fachleute sollten ohne Aufsicht mit den Schulkindern reden, findet sie.

Wann die Richtlinien nun unterschrieben werden, ist weiter unklar. „Zu gegebener Zeit“, heißt es vieldeutig aus dem Kultusministerium.

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