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Wie abhängig sind wir von Moskau?

Ukraine-Krieg: Soll Deutschland auf Gas aus Russland verzichten?

Preisschock an der Zapfsäule: An dieser Tankstelle in München war am Montag (7.3.2022) keine Benzinsorte mehr unter zwei Euro pro Liter zu haben.
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Preisschock an der Zapfsäule: An dieser Tankstelle in München war am Montag (7.3.2022) keine Benzinsorte mehr unter zwei Euro pro Liter zu haben.
  • VonHannes Koch
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  • Wolfgang Hauskrecht
    Wolfgang Hauskrecht
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Könnten wir es uns leisten, auf Gas und Öl aus Russland zu verzichten? Experten erklären, wie abhängig wir von Moskau sind und welche Folgen dieser Schritt für unser Land hätte.

Der Krieg in der Ukraine wird auch bei uns spürbarer. Die Energiepreise galoppieren, die Benzinpreise haben die Zwei-Euro-Marke überschritten. Die Debatte über weitere Sanktionen ist eng verknüpft mit der Frage der Energiesicherheit in Europa. Die Forderungen werden lauter, Gaslieferungen aus Russland zu stoppen, um Putin keine Einnahmen für den Krieg zu liefern. Aber können wir uns das wirklich erlauben? Und was wäre, wenn Russland von sich aus die Lieferungen kappt? Wir haben Experten gefragt.

Wie ist unsere Energieversorgung aufgestellt?

Nur ein Fünftel der deutschen Energie für Strom, Mobilität, Industrie oder Heizen stammt aktuell aus erneuerbaren Energien. Der Rest sei importierte fossile und noch „ein bisschen“ nukleare Energie, sagt Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). „Wir haben eine hohe Abhängigkeit von importierten Energieträgern.“ Erdgas spielt dabei eine tragende Rolle. Deutschland verbraucht jährlich rund 1000 Terawattstunden (TWh) ErdgasEnergie. Davon fließen 30 Prozent direkt in die Haushalte.

Wie abhängig sind wir von russischem Gas?

„Die eigene Gewinnung in Deutschland beträgt rund fünf Prozent“, sagt Fischer. Das restliche Erdgas wird importiert. „Russland ist für Deutschland die Hauptbezugsquelle mit über 50 Prozent.“ 30 Prozent stammen aus Norwegen. Zudem gebe es L-Gas aus den Niederlanden, das nach NordrheinWestfalen fließe. „Das in Bayern verbrauchte Gas stammt fast vollständig aus Russland“, erklärt Fischer. „Nord Stream 1“, über dessen Abschaltung die Politik gerade diskutiert, spielt dabei eine tragende Rolle. 30 bis 40 Prozent der Lieferungen in die EU laufen über diese Pipeline. Der Rest fließt durch das sogenannte Ukraine-System und die Jamal-Pipeline über Belarus und Polen.

Können wir ohne russisches Gas auskommen?

Kurzfristig könne man das mit gespeichertem Gas kompensieren, sagt Fischer. Mit Blick auf den nächsten Winter würde es ohne russisches Gas aber schwierig. Die Preise, sagt Fischer, würden weiter in die Höhe schnellen. Deutschland bekomme zudem etwa die Hälfte seiner Steinkohle und ein Drittel seines Öls aus Russland. „Es würde sich insgesamt die Frage stellen: Ist ausreichend Energie da, um das Land wie gewohnt versorgen zu können? Wenn Russland seine Lieferungen einstellt, müsste man sich Sorgen machen.“

Könnten wir uns nicht woanders mit Gas eindecken?

Das hängt davon ab, welche Länder noch von einem Lieferstopp betroffen wären. Dazu kommt laut Fischer: „Unsere Erdgas-Pipelines sind so ausgelegt, dass sie von Osten nach Westen strömen.“ Ohne russisches Gas müsste es aber von Westen nach Osten fließen. „Für den nächsten Winter sind wir jedenfalls noch nicht abgesichert.“ „Die Strategie müsste darin bestehen, fehlende Lieferungen aus Russland durch Importe von Flüssiggas (LNG) zu ersetzen“, sagt Ökonom Malte Küper vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW). „Angesichts der vorhandenen LNG-Importkapazitäten in Europa wäre es rein mengenmäßig möglich, die Lieferungen durch Nord Stream 1 aufzufangen.“ Große Mengen auf dem Weltmarkt zu beschaffen, sei aber schwierig und teuer.

Warum hat Deutschland kein Flüssiggas?

Flüssiggas galt als unwirtschaftlich. Es ist in normalen Zeiten teurer als Pipeline-Gas. Zudem sah man durch „Nord Stream 2“ keinen Bedarf. Nun will Deutschland zwei LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven bauen. „Wir sind im Moment auf Terminals in Frankreich, Belgien oder den Niederlanden angewiesen“, sagt Fischer. Bayern, ergänzt er, sei „technisch von der Einspeisung von Flüssiggas am weitesten weg.“ Wie schnell eine Infrastruktur aufgebaut werden könne, hänge auch von der Dauer der Genehmigungsverfahren ab. Und die seien in Deutschland lang. „Wir schaffen es ja nicht mal, zwei Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland zu bauen“, stellt Fischer etwas resignierend fest.

Was ist mit erneuerbaren Energien als Ersatz?

Bayern will bis 2040 klimaneutral sein. Das bedeute einen Verzicht auf fossile Energien wie Gas, sagt Fischer. Weil Wind und Sonne aber nicht gleichmäßig zur Verfügung stehen, bekomme das Thema Wasserstoff als Zwischenspeicher eine große Bedeutung. Werde zum Beispiel mehr Sonnenenergie gewonnen als gerade benötigt, könne die überschüssige Energie über Elektrolyseverfahren in Form von Wasserstoff gespeichert und später bei Bedarf eingesetzt werden. „Wasserstoff ist der Schlüssel zur Energiewende.“ Das Problem: „Man will Erdgas als Brücke hin zum Wasserstoff. Diese Brücke wackelt jetzt aber durch die aktuellen Ereignisse in der Ukraine.“

Wie weit ist die Wasserstoff-Forschung?

„Am Anfang“, sagt Fischer. Zwar werde Wasserstoff schon industriell genutzt, aber es handle sich nicht um grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien, sondern um Wasserstoff aus Erdgas. Bedeutet: Ohne Erdgas kein Wasserstoff. „Die Herstellung von grünem Wasserstoff in den Mengen, in den wir ihn bräuchten, ist wohl erst Ende der 2020er-Jahre möglich.“ Zuerst müsse man die erneuerbaren Energien und die Infrastruktur für den Transport ausbauen. „Wenn Erdgas weltweit knapp wird, ist auch Wasserstoff knapp.“

Kann die Industrie Energie einsparen – und wie sehr trifft es die Haushalte?

„In der Industrie existieren kurzfristig keine großen Einsparpotenziale“, sagt Küper. „Soll der Gasverbrauch dort deutlich sinken, wäre das mit Produktionseinschränkungen verbunden.“ Arbeitsplätze seien in Gefahr. Auch Fischer warnt vor Produktionsstilllegungen und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Der Verband der Gasunternehmen erklärte, in der Chemieund Automobilindustrie sei russisches Gas schwer zu ersetzen. Auch Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen könnten unter finanziellen Druck geraten. Schon die bisherigen Preiserhöhungen beim Gas können für Durchschnittshaushalte 70 Euro monatlich erreichen. Daher stellt sich die Frage des sozialen Ausgleichs. „Wir fordern dazu unter anderem einen Heizkostenzuschuss von mindestens durchschnittlich 500 Euro pro Haushalt“, erklärte der Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Hilft eine längere der Laufzeit der Atomkraftwerke?

„Die erste Frage ist: Geht das überhaupt?“, sagt Fischer. „Das ist technisch und personell nicht so einfach.“ So brauche man neue Brennelemente für die noch laufenden drei Kraftwerke. Sollte es gehen, wäre es aber „mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein“. Bayern verbrauche rund 100 TWh Erdgas im Jahr, das Kraftwerk „Isar 2“ produziere 12 TWh Strom. Gundremmingen könne die selbe Menge beitragen. „Das ist nicht wenig – aber auch nicht die Rettung für alles.“ Wer seine Wohnung mit Gas beheize, habe vom Atomstrom nicht viel.

Welche Rolle spielt russisches Öl?

Bei der Stromerzeugung nahezu keine – nur als Reserve, falls Gaslieferungen ausfallen. „Öl spielt aber die tragende Rolle in der Mobilität und eine große Rolle in der Wärmeversorgung“, sagt Fischer. Noch immer hätten viele Menschen eine Ölheizung.

Was ist zu tun?

Andreas Goldthau, Geoökonom der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, nimmt die Bürger in die Pflicht. Etwa jeder zweite deutsche Haushalt betreibe Heizung und Warmwasserbereitung mit Gas. Bei einem Grad weniger Raumtemperatur könnten zehn Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr europaweit gespart werden. Das entspreche einem Fünftel der Lieferungen durch Nord Stream 1.

Können wir es uns leisten, die Erdgaslieferungen von uns aus zu stoppen?

„Das ist eine politische und noch viel mehr eine gesellschaftliche Frage“, sagt Fischer. Ob die Menschen bereit seien, im Winter für die Ukraine zu frieren. Oder vielleicht den Job zu verlieren. „Zu was ist man bereit, um diesem Irrsinn in der Ukraine ein Ende zu setzen – und klappt das dann auch?

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