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Interview mit Vittorio Hösle

„Putin wird äußerst brutal vorgehen“

Russlands Premierminister Wladimir Putin in Macho-Pose.
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Russlands Premierminister Wladimir Putin in Macho-Pose.
  • Marcus Mäckler
    VonMarcus Mäckler
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Der deutsch-italienische Philosoph Vittorio Hösle warnt, dass Putins Russland von heute gefährlicher als die Sowjetunion der 70iger Jahre sei. Ein brisantes Interview über die Ursachen des Kriegs und was uns noch erwarten könnte.

Prof. Hösle, Russland führt Krieg in Europa. Sie haben früh davor gewarnt...

Vittorio Hösle: Schon in einem Aufsatz von 2015, damals bin ich als Panikmacher kritisiert worden. Was jetzt passiert, war in vielem vorhersehbar, aber wir wollten es einfach nicht wahrhaben. Annegret Kramp-Karrenbauer hatte Recht, als sie kürzlich von einem historischen Versagen sprach.

Man glaubte eben lange, Wladimir Putin regiere autoritär, aber rational.

Hösle: Es ist irrational anzunehmen, alle Menschen seien rational. Russland baut auf einer enormen Nostalgie auf, es hat den Verlust des Reiches nicht verwunden. Putins Reden bezeugen das, aber nicht nur seine. 2013 schickte mir ein Freund einen Text von Dmitri Rogosin, der damals Vize-Premier war. Es war eine Brandrede, in der Rogosin offen sagte, jetzt sei die Zeit, das sowjetische Territorium wiederzugewinnen. Dann folgte ja auch die Krim-Annexion.

Der Westen war überrumpelt davon.

Hösle: Aber alles lag offen auf dem Tisch. Es ist so wie mit Hitler: Wer „Mein Kampf“ liest, weiß, was dieser Mann plant. Europas Politiker haben sich mit Blick auf Russland Sand in die Augen streuen lassen, weil es unter anderem sozialpolitisch unangenehm gewesen wäre, früher Konsequenzen zu ziehen. Und weil nur wenige verstanden, wie Russland tickt.

Wie tickt es denn?

Hösle: Für die Machtelite dort ist alles Geopolitik. Eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahre in Russland war Alexander Dugins „Grundlagen der Geopolitik“, das zur Ausbildung des Generalstabs verwendet wird. Darin steht ganz klar: Ziel der russischen Geopolitik muss die Wiedergewinnung des alten Imperiums sein – und die Verwandlung der EU in ein von Russland abhängiges Gebiet. Die Russen wollen ihre Einflusszone zurück.

Haben wir nicht auch Fehler im Umgang mit Russland gemacht?

Hösle: Wir haben sicher viele Fehler gemacht. Der größte war es, den Russen in den 1990er-Jahren finanziell nicht besser geholfen zu haben, aber das war damals nicht durchsetzbar. Der andere große Fehler passierte meines Erachtens 1993. Damals wählte das russische Parlament Präsident Boris Jelzin völlig verfassungsmäßig ab, sein Vize kam ins Amt.

Jelzin und das Parlament hatten sich wegen dessen Wirtschaftsreformen heillos zerstritten...

Hösle: Nach seiner Absetzung ließ Jelzin Panzer auffahren, die das russische Parlament beschossen – unter großem Beifall des Westens. Sein Vize-Präsident war Kommunist und es war verständlich, dass man nicht wünschte, ihn als Präsidenten zu haben. Aber mit diesem Akt hat der Westen den Russen zu verstehen gegeben: Wer die Macht hat, darf sie nicht wieder loslassen, und wenn er dafür das Parlament zerschießen muss.

War das die Geburtsstunde des Systems Putin? Er folgte ja gleich auf Jelzin.

Hösle: Seit Putin ist jedenfalls klar, dass kein Regierungswechsel mehr möglich ist. All das Gerede von einer russischen Demokratie war immer absurd, das Land ist offensichtlich nicht demokratiefähig. Das ist bedauerlich, aber die Realität. Andere Fehler des Westens kamen dazu: der Irakkrieg, ein Schandfleck der USA, der den Russen zeigte, dass auch die anderen das Völkerrecht nicht ernst nehmen. Und jetzt die Schwäche des Westens. Ein Moment wie der Sturm auf das US-Kapitol vor einem Jahr signalisierte den Russen: Jetzt wird es Zeit zuzuschlagen.

Sie glauben also auch, Putins Angst vor der Nato ist ein Scheinargument?

Hösle: Putin hat keine Angst vor der Nato, sondern vor dem Überschwappen der Demokratie. Mit der Wahl von Wolodymyr Selenskyj zum ukrainischen Präsidenten hat erstmals in der Geschichte eines ostslawischen Landes ein friedlicher Machtwechsel stattgefunden. In Belarus wollte das Volk einen ähnlichen Weg gehen. Inzwischen ist das Land ja faktisch von Russland besetzt. Diktator Lukaschenko hat unlängst die Verfassung geändert, der Kreml kann jetzt sogar Soldaten und Atomraketen in Belarus stationieren.

Wird Putin sich mit der Ukraine zufriedengeben?

Hösle: Das glaube ich nicht. Er wird äußert brutal vorgehen, um Kiew einzunehmen und dann womöglich eine Marionettenregierung installieren. Danach wird Putin nach Moldawien greifen, in dessen Osten ja schon russische Truppen stehen. Denkbar ist, dass er auch Georgien heimholt.

Halten Sie es für realistisch, dass er Nato-Länder angreift, etwa die baltischen Staaten?

Hösle: Wissen Sie, Putin hat ein Faible für Symbolik. In St. Petersburg wird derzeit eine große Ausstellung über Peter den Großen organisiert, der auch deshalb „der Große“ heißt, weil er das Baltikum nach Russland zurückholte. Wladimir der Große versteht sich als Erbe Peters des Großen. Es ist überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass das auf seinem Plan steht.

Wie könnte er vorgehen?

Hösle: Ich bin kein Militärexperte, aber schauen Sie mal auf Schweden. Das Land ist nicht in der Nato und seit Monaten außerordentlich beunruhigt. Man hat die Wehrpflicht wieder eingeführt, die Bevölkerung wird kontinuierlich auf eine mögliche Invasion vorbereitet. Ich glaube nicht, dass Putin ganz Schweden will, aber er würde gerne Gotland haben. Wer Gotland kontrolliert, kontrolliert die Ostsee. Wenn der Kreml die baltischen Staaten vom Land und von der See angreifen will, wäre Gotland sehr nützlich.

Diese Woche sind russische Jets in den schwedischen Luftraum eingedrungen, nicht weit von Gotland...

Hösle: Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn Putin so vorgehen würde, schon um zu testen, was die EU tut. Die ist nach dem Vertrag von Lissabon verpflichtet, ihren Mitgliedern im Angriffsfall zu helfen, aber sie ist militärisch gar nicht in der Lage dazu. Das ist hochgefährlich.

Es läuft derzeit nicht ganz nach Putins Plan. Hat die Ukraine eine Chance?

Hösle: Ich möchte mit Nachdruck sagen, wie sehr ich die Ukraine bewundere. Sie verteidigen nicht nur ihre Freiheit, sondern unser aller Freiheit. Militärisch sind die Russen eigentlich haushoch überlegen, aber viele dieser jungen Soldaten sind offensichtlich gar nicht ausreichend trainiert für so einen Einsatz. Auf ukrainischer Seite steht dagegen unendlich große Motivation. Meine schwache Hoffnung ist, dass wir etwas erleben wie 1939, als Stalin Finnland angriff. Die Finnen kämpften wie die Löwen und mussten am Ende ein Stück Territorium abgeben. Aber sie blieben unabhängig.

Sie leben in den USA, wo es gerade unter Trump-Wählern viele Putin-Fans gibt. Was wäre los, wenn Trump in dieser Weltlage wiedergewählt würde?

Hösle: Das wäre grauenhaft, aber es ist absolut vorstellbar. Deswegen ist es extrem wichtig, dass Europa endlich eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik entwickelt. Dabei wird man auch auf eine gemeinsame atomare Abschreckung nicht verzichten können. Schauen Sie, Frau Merkel war eine hochintelligente, disziplinierte und unbestechliche Person. Aber sie hat das russische Problem falsch eingeschätzt, die Energieabhängigkeit von Russland verstärkt und sie hat nichts getan, um die EU weiterzutreiben. Entscheidend ist jetzt, ob sich die EU als schlagkräftiger Bundesstaat konstituiert, wenn sie nicht mehr auf den Schutz der USA rechnen kann.

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