Wo die Uhren anders ticken

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Diesen Sonntag werden wieder die Uhren zurückgedreht. Das Verhältnis der Menschheit zur Zeit hat schon für so manche Verwirrung gesorgt. Eine Geschichte über einen Uhrensammler und 650 Jahre alte Menschen.

Rudolf Leiner Ignoriert die Zeitumstellung

von simon nutzinger

Neu-Ulm – Die Haustür von Rudolf Leiner im Neu-Ulmer Stadtteil Burlafingen ist wie ein Tor zu einer anderen Welt. Wer ihre Schwelle übertritt, taucht ein in ein Reich der Uhren und der Zeit. Der dortige „König“ Rudolf Leiner wacht über knapp 100 Uhren. In jeder Ecke des Hauses stehen, liegen oder hängen die teilweise mehrere hundert Jahre alten Zeitmesser. Zeiger ticken, Glocken läuten. Viele würde das vermutlich stressen. Leiner nicht. Er sagt: „Ein beruhigendes Geräusch.“

Seine Leidenschaft für Uhren rührt aus Leiners Berufsleben. Der 72-Jährige ist pensionierter Maschinenbauingenieur und hatte schon immer viel für Technik übrig. Das Getriebe einer Uhr, sagt er, „ist mit das Faszinierendste, das ich kenne“. Also begann er irgendwann zu sammeln. Immer mehr, immer älter und immer ausgefallener wurden die Exemplare, die er sich in sein persönliches Uhrenmuseum holte. Erst kürzlich, erzählt Leiner, war er in Schlesien, um neue Uhren zu erwerben. „Zwei Prachtstücke.“

Doch interessiert Leiner an Uhren nicht nur die Technik. Auch die Zeit an sich beschäftigt ihn. Und was die Menschen mit ihr anstellen. Vieles lässt sich dadurch erklären, sagt er. „Uhren bieten Einblicke in das Räderwerk der Geschichte.“

Kuriose Anekdoten über die Wirrungen der Zeitmessung kennt Leiner jede Menge. Der erste Kalender sei etwa von Julius Cäsar im Jahre 45 vor Christus entwickelt worden. Daher der Name „julianischer Kalender“. Erst im 16. Jahrhundert bemerkten Astronomen einen gravierenden Fehler: Er passte nicht zusammen mit der himmlischen Uhr, die besagt, dass ein Jahr exakt so lange dauert, bis sich die Erde einmal um die Sonne gedreht hat. „Cäsar hatte die Schaltjahre nicht bedacht“, betont Leiner. Somit fehlten pro Jahr rund elf Minuten. Papst Gregor VII. war es, der 1582 eine Korrektur vornahm und den bis heute gültigen „gregorianischen Kalender“ einführte. Das Skurrile: Um wieder mit der himmlischen Uhr in Einklang zu sein, sprang Papst Gregor in einer Nacht vom 4. Oktober auf den 15. Oktober. Damit raubte er der Menschheitsgeschichte mal eben elf Tage.

In der Türkei dauerte es bis in die 1920er Jahre, ehe der damalige Präsident Kemal Atatürk den gregorianischen Kalender einführte. Davor hatte der osmanische Mondkalender gegolten. Der Wechsel bedeutete einen Sprung von mehr als 500 Jahren. Eine Entwicklung, die noch heute auf so manchem Friedhof sichtbar ist. Leiner kramt ein Foto hervor, das er in Antalya gemacht hat. Zu sehen: ein Grabstein mit der Inschrift „Geboren 1310 – Gestorben 1974“.

Auch in Neu-Ulm, Leiners Heimatstadt, ereigneten sich schon Kuriositäten rund um das Thema Zeit. Bis Kaiser Wilhelm im Jahr 1893 ein entsprechendes Gesetz unterzeichnete, gab es keine einheitliche Uhrzeit im Deutschen Reich. So kam es, dass die Leute im bayerischen Neu-Ulm stets 23 Minuten früher Neujahr feiern durften als im benachbarten Ulm, das im Königreich Württemberg lag.

Geschichten, die deutlich machen: Zeit ist nicht gleich Zeit. Davon ist Leiner überzeugt. Er spricht von „chronos“ und „kairos“ – der gemessenen und der gefühlten Zeit. „Fünf Minuten in Qualen kommen einem unendlich lange vor“, betont er. „Wenn man verliebt ist, vergehen fünf Minuten hingegen wie im Flug.“

Dass sich die Welt immer schneller zu drehen scheint, bedauert Leiner. „Die Zeit ist heutzutage ein Tyrann.“ Besonders Smartphones, Fernseher und Computer sind ihm zufolge daran schuld. „Moderne Zeitvernichtungsmaschinen“ nennt er sie. Für zukünftige Generationen hat er einen Rat: „Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder etwas vom Tempo gehen, sich Zeit nehmen für die Muße. Einfach einmal nichts tun oder produzieren. Das ist eine ungeheuer wertvolle Zeit.“

Der halbjährliche Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit, der an diesem Sonntag mal wieder ansteht, ist in Leiners Augen unnötig. „Der gewünschte Energieeinspareffekt ist ja offenbar nicht da.“ Ob es nun eine Stunde früher oder später ist, ist für ihn sowieso nicht entscheidend. Leiner lässt die Zeit um sich herum gern einfach laufen. Das beweist sein Umgang mit den knapp 100 Uhren in seinem Haus. Denn: Nur bei einer einzigen aus seinem gesamten Sammelsurium legt er am Sonntag Hand an. „An meinem Herd drehe ich die Uhr zurück und mein Wecker stellt sich von allein um. Die restlichen Uhren haben alle ihre eigene Zeit.“ In Leiners Reich ticken die Uhren eben anders.

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