Übertritt: Eltern drohen mit Gericht

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Eltern gegen die Lehrerin. Hier eine Szene aus dem Film „Frau Müller muss weg“. Foto: dpa/Constantin Film Verleih

Am Mittwoch gibt es die Übertrittszeugnisse für die Viertklässler. Nur wer einen Schnitt von 2,33 oder besser hat, kann umstandslos aufs Gymnasium wechseln. Welche Dramen um diese Noten sich in den Elternhäusern mitunter abspielen, illustrieren Schreiben aus der Rechtsabteilung eines Lehrerverbands.

GRUNDSCHULE

von dirk walter

München – Es ist jedes Jahr das gleiche Lied: In der vierten Klasse geht es aus Sicht der Eltern um viel: 22 Proben in den drei Fächern Mathematik, Heimat- und Sachunterricht sowie Deutsch entscheiden darüber, ob das Kind den erforderlichen Notenschnitt erhält, um auf das Gymnasium (2,33) oder auf die Realschule (2,66) wechseln zu können. „Ein Test jagt den anderen“, stöhnt Martin Löwe vom Bayerischen Elternverband. Allein in Deutsch sind zwölf Proben angesetzt. Zwar ist die Gesamtzahl 22 nur ein Richtwert des Kultusministeriums, von dem auch abgewichen werden kann – die meisten Lehrer halten sich jedoch daran.

Ob man die Übertrittsnote als entscheidende Richtschnur für den weiteren Bildungsweg des Kindes nun gut findet oder nicht – fest steht, dass Eltern mitunter nicht zimperlich sind, wenn es um das Probenergebnis ihres Kindes geht. Hans Peter Etter ist seit vielen Jahren Chefjurist beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband. Die meisten Eltern hätten ein Vertrauensverhältnis mit der Lehrkraft, sagt er. Aber es gibt frappierende Ausnahmen, Eltern, die mit dem Rechtsanwalt drohen. Oft wenden sich die Lehrer dann hilfesuchend an den BLLV, der Rechtsbeistand gewährt. Die juristische Abteilung, sagt Etter, habe vor 20 Jahren zwei Mitarbeiter gehabt. Heute sind es 17, mehrere davon Volljuristen. „Die meisten einlaufenden Rechtsfälle sind durch Eltern initiiert, seien es Elternbeschwerden, Dienstaufsichtsbeschwerden, Strafanzeigen, Widersprüche und Klagen gegen Lehrer.“ Der Kinohit „Frau Müller muss weg“ über eine Lehrerin, die von Eltern weggemobbt werden soll, hat offenbar eine reale Grundlage.

Auf Bitten unserer Redaktion hat Etter einige Zitate aus vertraulichen Schreiben der vergangenen zwei Jahre zur Verfügung gestellt. Nachfolgend Beispiele:

-„Als Hinweis in der Gesamtsituation sei mir erlaubt, mitzuteilen, ... dass ich mich gezwungen sehe, einen Eilantrag beim zuständigen Verwaltungsgericht per Anwalt zu veranlassen.“

-„Ich erwarte von Ihnen eine schriftliche Stellungnahme bis zum ... Sollte diese nicht erfolgen, wird die Angelgenheit noch an diesem Tage meinem Anwalt übergeben.“

-„Wir möchten nicht verschweigen, dass etliche Eltern vor einer Strafanzeige wegen psychischer Misshandlung stehen.“

-„Die unterzeichnenden Erziehungsberechtigten bestehen nach rechtlicher Beratung auf die Ablösung der 4.Klass-Lehrkraft.“

-„Leider wird den Noten heute ein zu hoher Stellenwert beigemessen. Deshalb muss die Ermittlung, d. h. die Korrektur und die Notengebung, rechtlich einwandfrei erfolgen. Wenn bei uns der Eindruck entsteht, hier liegen Unkorrektheiten vor, werden wir uns anwaltschaftlich vertreten lassen.“

Etter betont, dass es meist bei Drohungen bleibt. Die tatsächliche Anzahl von Verfahren vor den Verwaltungsgerichten wegen Übertrittsnoten sind verschwindend gering. Beim Verwaltungsgericht München waren es seit dem Jahr 2000 insgesamt 13 Prozesse, nur in drei Fällen hatten die Eltern Erfolg.

Dennoch seien viele Lehrer mittlerweile eingeschüchtert, sagt der BLLV-Jurist. Sie dokumentieren – sicher ist sicher – jede Probe haarklein, um sie im Zweifelsfall „gerichtsfest“ zu machen. Es genüge häufig ein kritisches Elternpaar in der Klasse, um die Lehrkraft zu verunsichern. Darunter leide die Beziehung zu den Schülern, die doch „für die Erziehungsarbeit so wichtig ist“.

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