Die Überlebenskünstler von Blindham

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Der Mensch und die Natur gehören zusammen. Heißt es immer. In Blindham zeigt ein Haufen Überlebenskünstler, wie das tatsächlich funktionieren kann. Ein Besuch im Wald.

Der Mensch und die Natur gehören zusammen. Heißt es immer. In Blindham zeigt ein Haufen Überlebenskünstler, wie das tatsächlich funktionieren kann. Ein Besuch im Wald.

von patrick wehner

Wenn morgen in Deutschland der Strom ausfiele – sagen wir für immer – dann wäre das für die Menschen eine Katastrophe. Für die allermeisten jedenfalls. Aber nicht für Sepp Fischer. Denn Sepp Fischer, 44, weiß, wie er trotzdem überleben würde. Er weiß, wie man ein Lager baut, wie man mit bloßen Stöcken Feuer macht. Und wie man aus einer Thunfischdose und drei Lagen Toilettenpapier eine Kerze bastelt. Und dieses Wissen gibt der Überlebenskünstler aus Bad Tölz weiter.

Fischer, grüne Jacke, khakifarbene Hose, steht in einem Waldstück des Bergtierparks in Blindham. Es regnet, es ist kalt, der Wind pfeift durch die Nadelbäume. Perfektes Wetter für ein Überlebenstraining. Übers Internet hat er dazu eingeladen. Abenteurer, Sinnsucher, normale Familien aus ganz Deutschland – von Erding bis Bremen – sind in den Landkreis München gekommen.

Gerade weiht Fischer einen jungen Studenten aus Heidelberg in ein uraltes, russisches Geheimnis ein. Eines, das im Extremfall den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann: das Knüpfen des sibirischen Einhandknotens. Der junge Mann sieht ein bisschen so aus, als wäre er gerade aus einem Katalog für Outdoor-Kleidung gehüpft. Er trägt Funktionsjacke, Funktionshose und Funktionsschuhe. Er sagt: „„Sibirischer Einhandknoten? Äh, okay?“ Fischer wickelt mit einer Schnur ein paar komplizierte Schlaufen und sagt: „Den kannst du auch wieder aufmachen, wenn er schon komplett vereist ist. Mit einer Hand.“ Weil in Sibirien, da vereist ja eigentlich alles. Weil: ewiger Winter. Und was in Sibirien nützlich ist, das kann auch in Blindham nichts schaden. Der Student ist begeistert.

Sepp Fischer, der im echten Leben Reklametafeln und Namensschilder für Büros herstellt, ist nicht der einzige Überlebenskünstler im Wald. Er hat ein halbes Dutzend Freunde eingeladen, die den Kurs-Teilnehmern ebenfalls Techniken beibringen sollen, um in der Natur zu überleben. Welche Kräuter für den Eintopf taugen, wie man Schnecken zubereitet, Messer schmiedet, Löffel schnitzt. Und wie man in einem Wald glücklich sein kann, in dem das Smartphone kein Netz hat. Die „Trainer“, so steht es auf ihren Pullovern, sind allesamt Internet-Survival-Koryphäen. Das heißt, sie stellen Videos von sich ins Netz, die sie dabei zeigen, wie sie in Schneehöhlen übernachten oder nur mit einer Axt tagelang durch die Wälder streifen. Manche von ihnen haben sich das selber beigebracht, andere Ausbildungen absolviert. Ihre Internetkanäle haben abertausende Fans auf der ganzen Welt. Es ist eine vogelwilde Truppe hier in Blindham.

Eine von ihnen ist Susanne Williams aus der Jachenau. Sie ist eine Exotin unter den Überlebenskünstlern dort im Wald. Das liegt nicht nur daran, dass sie eine der wenigen Frauen in der Survival-Szene ist. Sie benutzt für ihre Videos auch kein Pseudonym wie Survival-Mike oder Bushcraft-Berserker. Susanne Williams sitzt unter einer Plane, in einem ausgehöhlten Baumstumpf brennt ein kleines Feuer. Darüber köcheln Schnecken in einem verbeulten Kessel. Williams stochert mit einem Ast darin herum. Sie schaut in den Topf, grinst und sagt: „Mit Löwenzahnsirup und ein wenig Speck sind die eine Delikatesse.“ Die 44-Jährige ist aber nicht die Mutter der Kompanie. Eigentlich ist die Deutsch-Engländerin eine taffe Geschäftsfrau. Sie hat vor Jahren eine Beratungsfirma gegründet, die gestresste Manager vor dem Burnout bewahren soll – Williams schlägt sich mit ihnen durch die Wälder der Jachenau. Wenn nötig tagelang. Sie hat hohe Tiere von Nestlé und Procter & Gamble weinen sehen. „Das Problem der Menschen ist immer das Gleiche: Sie haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein.“ Nach dem Ausflug in die Wildnis, sagt sie und schlürft eine Schnecke, fühlen sie sich wieder stark.

Auch Sepp Fischer braucht den Wald. Fischer ist seit fast zwei Jahren regelmäßig im Blindhamer Bergtierpark. Hier, auf Privatgrund, darf der Tölzer das machen, wofür er andernorts Ärger mit den Behörden bekäme. Zum Beispiel übernachten. Aber nicht im Zelt, auf keinen Fall, das ginge gegen Fischers Ehre als Überlebenskünstler. Fischer hat sich dort ein Tipi gebaut. Aus Ästen und einer grünen Plane vom Baumarkt. Drinnen ist Platz für zwei Leute und eine Feuerstelle. Und die braucht er, vor allem im Winter, weil so ein Tipi ist jetzt nicht gerade ein wärmegedämmtes Zwei-Zimmer-Appartement.

Vor zwei Jahren hat unsere Zeitung schon mal über Fischer berichtet. Von seinem Leben in zwei Welten. In dem einen: Büro. In dem anderen: Alpenüberquerung im Winter. Danach wurde Fischer in Fernsehstudios eingeladen, von Kamerteams begleitet, er erzählte im Radio von seinen Abenteuern. Er wurde zum „Survival-Papst aus Tölz“. „das Bedürfnis der Menschen nach einem natürlichen Leben ist groß“, sagt er. Gut, man könnte sagen, sicher erzählt der Fischer sowas, der verdient ja auch Geld mit den Überlebenstrainings. Stimmt. Aber Fischers Youtube-Kanal „Waldhandwerk“ wurde bereits knapp zwei Millionen Mal angeklickt. Menschen aus Australien, Saudi-Arabien und China lieben seine Videos. In Amerika und England machen sie seit Jahren ganze Fernsehserien über Bushcraft – dem Handwerk im Wald. Auch in Deutschland kennt man Sendungen wie „Survival Duo“ oder „Bear Grylls“. Bushcraft ist ein Trend, den auch die Hersteller von Outdoor-Ausrüstung erkannt haben.

Ein paar Meter weiter, an einem Tisch, sitzt Survival-Mike. Im richtigen Leben heißt er Michael Sommerauer. Er ist gelernter Messerschmied. Survival-Mike zeigt gerade einem Kurs-Teilnehmer, wie man Messer schleift. Auch er hat einen Youtube-Kanal. Er sagt, dass Hersteller ihm immer häufiger Messer oder andere teure Dinge schicken. Gratis. Um sie in seinen Videos vorzustellen. „Wenn es schlechte Produkte sind, dann sag ich das auch“, erzählt er. Schließlich habe er einen Ruf zu verlieren. Er denkt, dass Survival vor hundert Jahren kein Hobby, sondern eine Notwendigkeit war. „Die Menschen haben in relativ kurzer Zeit alles vergessen, was tausende Jahre lang fürs Überleben notwendig war.“ Sepp Fischer nickt. Auch er sieht das so. „Deshalb machen wir die Trainings hier draußen“, sagt er.

Der Stromausfall kann also ruhig kommen. Ein Problem gäbe es aber dann trotzdem noch. Eines, bei dem nicht mal der sibirische Einhandknoten helfen würde. Sepp Fischer könnte keine Youtube-Videos mehr hochladen.

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