Überlebenskampf nach der Abschiebung

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Heute startet erneut ein Flugzeug mit abgelehnten Asylbewerbern von München nach Kabul. Vor zwei Monaten saß Marof Khail in einem dieser Flugzeuge. Er war einer der 69 Afghanen, die zu Seehofers Geburtstag abgeschoben wurden. Wie er seitdem lebt, berichtet er uns am Telefon.

zurück in Afghanistan

Von Katrin Woitsch

München/Kabul – Als sie frühmorgens kommen, steht Marof Khail gerade im Badezimmer. Er steht jeden Tag früh auf – um pünktlich in der Arbeit zu sein. Als er den Polizisten die Tür öffnet, weiß er sofort, wieso sie da sind. Es ist der Tag, vor dem er Angst hatte. Der Tag seiner Abschiebung. Sieben Jahre hat er in Deutschland gelebt, die Sprache gelernt. Eine feste Arbeitsstelle bei der Firma Schweißtechnik Burkhard in Kaufbeuren im Allgäu gefunden. Er ist in einem Sportverein, engagiert sich ehrenamtlich bei der Caritas, er hat Freunde gefunden und es geschafft, auf eigenen Beinen zu stehen. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, aber er durfte mit einer Aufenthaltsgestattung in Deutschland bleiben. Diese Gestattung war Anfang Juli noch nicht abgelaufen. Für ihn lag auch ein Härtefallantrag vor. Und trotzdem stand er auf der Liste der Afghanen, die im Flugzeug nach Kabul sitzen sollten.

Der 32-Jährige hat kaum Zeit, noch etwas zu packen. Er greift sich seine Jacke und sein Handy. Auf dem Weg zum Flughafen ruft er seine Chefin an – um ihr zu sagen, dass er heute nicht pünktlich in der Arbeit erscheinen kann. Dass er überhaupt nicht mehr in der Arbeit erscheinen darf, weil er zurückgeschickt wird nach Afghanistan.

Dieser Tag liegt zwei Monate zurück. Seitdem lebt Marof Khail versteckt. Er ist damals vor den Taliban geflohen – auch um seine Frau und seine beiden Kinder zu schützen. Sie blieben in Afghanistan, ihnen schickte er jeden Monat einen Teil seines Gehalts aus Bayern. Nun lebt er wieder bei seiner Familie, in einem kleinen Dorf, knapp eine Autostunde von Kabul entfernt. Er traute sich nicht auf die Straße, berichtet er am Telefon. Nicht einmal zum Einkaufen.

Er war gerade in Kabul angekommen, als er von den Taliban überfallen wurde. Sie nahmen ihm seinen Geldbeutel weg. Und sein Handy mit allen Telefonnummern seiner Freunde in Deutschland. Eine Stunde hielten sie ihn fest, dann griff die Armee ein. Khail hat Kabul danach verlassen. Die Angst begleitet ihn.

Noch hat Marof Khail nicht aufgehört zu hoffen, dass er wieder nach Deutschland zurückkehren kann. Der Asylhelferkreis zahlt seine Miete weiter, seine Chefin hält seine Stelle für ihn frei. „Er fehlt uns sehr“, sagt sie. „Als Mensch und als Mitarbeiter.“

Waltraud Schürmann ist mit dem 32-Jährigen noch immer in Kontakt. Jeden Tag hat Marof ein paar Stunden Empfang, manchmal schreibt er eine WhatsApp-Nachricht, manchmal ruft sie ihn an. „Ich schaue jeden Morgen, ob er online war – um zu wissen, ob er noch lebt“, sagt sie. Schürmann engagiert sich seit drei Jahren im Helferkreis, Marof kennt sie schon lange. „Sobald jemand Hilfe brauchte, war er immer zur Stelle“, erzählt sie. Er war für sie das beste Beispiel dafür, dass Integration gelingen kann. „Er hat alles richtig gemacht“, erzählt sie. In vier Jahren hat er nur vier Tage wegen Krankheit in der Arbeit gefehlt, er hat bei ehrenamtlichen Lehrern Deutsch gelernt und sich bemüht, die deutsche Kultur und die Gepflogenheiten zu verstehen. „Er war ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft“, sagt sie. Den jungen Burschen in der Flüchtlingsunterkunft habe sie oft von Marof erzählt – um sie zu ermutigen, fleißig zu sein und sich zu integrieren. „Die glauben mir jetzt kein Wort mehr“, sagt Waltraud Schürmann.

Sie ist wütend. „Ich habe jedes Vertrauen in unsere Politik verloren“, sagt sie. „Es ist völlig egal, wie sehr sich Menschen bemüht haben, sich zu integrieren. Wie sehr wir Helfer uns bemühen, dass sie hier auf eigenen Beinen stehen können. Es geht nur um die Erfolgsmeldung, wie viele Menschen abgeschoben wurden“, glaubt sie. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) betonte, dass die Ausländerbehörden jeden einzelnen Fall genau prüfen. „Wenn sich jemand gut integriert hat und in einem Betrieb gebraucht wird, werden wir in den allermeisten Fällen eine Lösung finden.“ Es sei ihm kein Fall bekannt, bei dem die Ausländerbehörden und die Härtefallkommission nicht eine vernünftige Lösung für ein berechtigtes Anliegen hätten finden können.

Der Helferkreis um Waltraud Schürmann will noch nicht aufgeben. Sie haben für Marof Khail inzwischen mehr als 300 Unterschriften gesammelt. Zusammen mit einem Brief, in dem sie Marofs Fall schildern, haben sie sich Ende August an Herrmann gewandt. Eine Antwort haben sie noch nicht bekommen.

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