Dr. Tschu weiß Rat

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Eine Legende: Der chinesische Arzt Qiu Fazu. foto: NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz

Was ein chinesischer Mediziner in Bad Tölz erlebte. Er war einer der bekanntesten Ärzte Chinas, hatte in München studiert und war Ehrendoktor der Uni-Klinik Heidelberg.

1985 erhielt Qiu Fazu als erster Bürger Asiens aus den Händen von Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Große Bundesverdienstkreuz. Die Ehrungen gingen auf Ereignisse vier Jahrzehnte zuvor in Bad Tölz zurück.

Am 30. April und 1. Mai 1945 wurden tausende KZ-Häftlinge beim „Todesmarsch“ von Dachau Richtung Süden getrieben – auch durch Bad Tölz. Der 30-jährige Qiu Fazu arbeitete damals in einem Lazarett, das im Hotel Jodquellenhof eingerichtet war. Er wurde „Dr. Tschu“ genannt, erinnerte sich Jahrzehnte später Ursula Hueber aus Wackersberg. Als Humboldt-Stipendiat hatte der in Hangzhou geborene Fazu seit 1936 in München Medizin studiert und dort promoviert. 1944 arbeitete er als Oberarzt in einem Schwabinger Krankenhaus und wurde ins „Ausweichkrankenhaus“ nach Bad Tölz versetzt. Fazus Methoden waren durchaus rustikal. Die Gaißacherin Christl Oefele erinnerte sich, dass sie als Fünfjährige morgens aufgewacht war und nicht mehr gehen konnte. Sie sei zu „Dr. Tschu“ gebracht worden, der sie in ein Nebenzimmer bringen ließ, wo eine ältere Dame einen eitrigen Daumennagel in einem Waschbecken einweichte. Sie dürfe zuschauen, wurde Christl Oefele beschieden, wie der Nagel gezogen wird. Als ein Arzt mit einer Zange kam, beschrieb sie später die Szene, „bin ich vor Schreck davongerannt“. Fazus offenbar richtige Theorie war gewesen, dass sie vielleicht durch einen Albtraum eine vorübergehende Lähmung erlitten hatte, die durch einen erneuten Schock wieder gelöst wird.

Die Stadt Bad Tölz, so erzählte Dr. Qiu Fazu später, deutschen Journalisten, sei ihm „wunderschön“ erschienen. Er kehrte später immer wieder in den Isarwinkel zurück. Es kam sogar zu Treffen mit ehemaligen Patienten. Für beide Seiten ein bewegendes Erlebnis.

In den Tagen des Todesmarsches wurde Qiu Fazu, der sich gerade auf eine Operation vorbereitete, von einer Schwester nach draußen gerufen. Wie er später berichtet hat, standen etwa 40 Häftlinge mit ihren SS-Bewachern an der Straße, „krank und schwach, sie konnten nicht mehr weitergehen und kauerten am Boden“. Er habe all seinen Mut zusammen genommen und den Aufsehern kurzerhand befohlen: „Diese Gefangenen haben Typhus. Wir müssen sie mitnehmen.“ War es der weiße Arztkittel oder das perfekte Deutsch, jedenfalls durfte Qiu Fazu die Jammergestalten tatsächlich unter seine Fittiche nehmen und sie im Lazarettkeller gesund pflegen. Unter Mithilfe und -wissen der deutschen Kollegen übrigens, wie überliefert ist.

Qiu Fazu hat später seine Courage bildhaft so beschrieben: „Neugeborene Kälber fürchten keine Wölfe.“

Die Ereignisse in jenen Tagen hat aus nächster Nähe auch Else Dellerer aus Bad Tölz erlebt. Sie hatte als Medizinisch-Technische Assistentin Fazu vom Schwabinger Krankenhaus nach Tölz begleitet. Nach der Befreiung der Häftlinge seien diese zum Teil im damaligen „Cafe Carlo“ untergebracht „und von unseren Ärzten versorgt worden. Es gab Schwierigkeiten, weil die Befreiten sehr unter Angst litten und sich in die Zimmer einschlossen. Sie hatten zu essen bekommen und wohl leider auch Alkohol, und dieser bekam diesen ausgehungerten armen Menschen nicht.“

Unter den deutschen Helferinnen Fazus war auch eine Münchner Schwesternschülerin namens Loni, die er noch 1945 heiratete. Es gab nach dem Krieg sogar eine kirchliche Trauung in einer kleinen Kapelle bei Tölz, erzählte er später. Loni folgte ihm später auch nach Shanghai und Wuhan, wo das Paar lebte. Sie ließ sich für ihren Mann 1958 sogar einbürgern. „Ich sage zu ihr ,Mama’, und sie sagt ,kleiner, alter Mann’ zu mir“, beschrieb Qiu Fazu im hohen Alter die innige Beziehung zu seiner Frau.

Qiu Fazu hat auch in seinem gelernten Beruf Spuren hinterlassen. Er gilt als Begründer der Transplantationsmedizin in China, hat wichtige Standardwerke geschrieben und den Hochschulaustausch zwischen Deutschland und China vorangetrieben. Als der „Vater der chinesischen Chirurgie“ am 14. Juni 2008 mit 93 Jahren starb, meldeten dies die großen Zeitungen der Acht-Millionen-Stadt Wuhan auf der Titelseite. christoph Schnitzer

Literaturtipp:

„Die NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz und ihre Folgen: Kriegsende, Neuanfang, Flint-Kaserne“ von Christoph Schnitzer, 200 Seiten, 19,80 Euro. Bestellbar über cs@cs-press.de.

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