Im Trichter des Lebens

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Rau, derb, echt – Christian Lerch hat einen Heimatfilm der anderen Art gedreht: Ein Porträt über eine etwas heruntergekommene Raststätte an der B12 im Landkreis Ebersberg. Die Dokumentation zeigt schonungslos das wahre Leben – bei Bier und Zigarette.

Kinopremiere

von Dominik Göttler

Hohenlinden – Eine Mordsgaudi hat der alte Franz, als er den gekochten Saukopf mit bloßen Händen auseinanderreißt. „Des muaßt alles essen, lauter guade Sachn“, ruft er und sein Schnauzbart tanzt auf der Lippe. „Alles essen, dann bist immer gsund. Sonst bist krank.“ Sein Gegenüber, der Lenz, langt fleißig zu, schließlich ist der Saukopf extra zu seinem 89. Geburtstag im Kochtopf gelandet. Gesund fühlt er sich trotzdem nicht. An seiner Geburtstagsfeier im Imbiss der Raststätte an der B 12 in Hohenlinden (Kreis Ebersberg) sagt er saukopfkauend, was er immer wieder sagt: „Ich mag sterben.“

Über vier Jahre hat der Wasserburger Regisseur Christian Lerch Begegnungen in der Raststätte B12 gefilmt. Einer Raststätte, die ihre besten Jahre hinter sich hat und in die sich neben dem Stammtisch vor allem Trucker verirren, denen der Fahrtenschreiber eine Pause diktiert. Betreiber ist der 42-jährige Manfred Gantner, der sich von seinem ebenfalls dort lebenden Vater „Lenz“ nicht reinreden lassen will. Schonungslos zeigt Lerch die Spannungen zwischen den beiden. Und den Alltag in dem kleinen Imbiss, in dem sich die immer gleichen Bierdimpfe zu Zigarette und Bier aus der Flasche treffen und dabei über Gott, die Welt und Weißwürste sinnieren. Es ist eine Alltagsstudie geworden, die echter nicht sein könnte. So echt, dass es mitunter schmerzt. Ab morgen ist der Film „B12 – Gestorben wird im nächsten Leben“ im Kino zu sehen.

Da sind die gegenseitigen Vorwürfe. Der Sohn kümmere sich nicht, sagt der in einer ehemaligen Großküche hausende Vater. Der Vater habe nur Schulden hinterlassen, sagt der Sohn, der sich nach schwierigen Jahren nun endlich auf dem richtigen Weg wähnt. Er will renovieren und umbauen, sein Vater will nur ein bisschen Gesellschaft, eine Leberknödelsuppe und sein Leid klagen.

Dann sind da noch Gestalten wie der zweite „Mane“, ein wortkarger, aber durstiger Einweiser für die Lastwagen, die sich tagtäglich die Strecke entlangschieben. Da sind die Zeugen Jehovas, die unter den Truckern um Mitglieder buhlen und dafür gelernt haben, was „Grüß Gott“ auf Rumänisch heißt. Da sind die Handwerker, die die Fenster erst Mal falsch herum einbauen und bei der unverdienten Feierabend-Halbe auch noch mit einem fetten Gewinn am Automaten belohnt werden. Und da ist der liebenswerte Italiener Giuseppe, der mit fünf Kindern und einer Frau mit Nummer sechs und sieben im Bauch die Gaststätte neben dem Imbiss pachtet – ein aussichtsloses Unterfangen.

Regisseur Christian Lerch lebt in Steinhöring und ist schon dutzende Male an der Raststätte vorbeigefahren, bevor er zum ersten Mal hineinging. „Aber da habe ich sofort die Magie gespürt“, sagt er. Lerch, der als Schauspieler in der Kultserie Café Meineid und München 7 spielte und später unter anderem mit Marcus H. Rosenmüller das Drehbuch zu „Wer früher stirbt ist länger tot“ schrieb, war fasziniert von den Charakteren in der Raststätte und ihrem Umgang mit dem Scheitern. „Ich habe gespürt, da ist ein Film verborgen.“

Also hat er die Gespräche festgehalten, begleitet vom Klimpern der Spielautomaten und dem Klirren der Bierflaschen. Es ist oft skurril und manchmal lustig, wenn die Gantners und ihre Gäste über die tote Katze auf der Straße diskutieren, in makaberen Erinnerungen an die verstorbenen Pächter schwelgen oder über das neue Hüftgelenk fachsimpeln. Aber hin und wieder wächst auch der Kloß im Hals, wenn Papa Lenz seinem Sohn eindringlich rät, sich endlich eine Frau zu suchen – „alloa bist da Depp“. Oder wenn Manfred Gantner zu dem Schluss kommt: „Das Leben ist wie ein Trichter. Am Anfang denkt man noch groß und will alles anders machen. Aber zum Schluss bremst dich alles ein.“ Ja, auch so klingt Bayern. Abseits der Postkartenidylle. Unter dem Brennglas der Boazn.

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare