Triage droht: Wenn die Krankenhäuser in der Region überlastet sind – wer wird zuerst behandelt?

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Ein Covid-19-Patient mit Mundschutz liegt auf einem Bett in der Intensivstation. 
  • schließen

Es ist eine Entscheidung über Leben und Tod am Krankenbett: Wenn die intensivmedizinische Versorgung kollabiert, dann müssen Ärzte und Pfleger festlegen, wer von den Schwerstkranken noch in welcher Form behandelt werden soll.

Triage wird dieser Vorgang genannt, der angesichts der Covid-19-Pandemie in deutschen Krankenhäusern Realität werden kann.

Coronavirus in der Region: Finden Sie hier unseren Nachrichtenticker 

Klinisch-ethische Empfehlungen dafür liegen bereits vor – und könnten früher oder später auch für den Verbund der RoMed-Kliniken gültig werden. 

Wer kann am ehesten überleben?

Es ist ein Szenario, das man seit Jahrzehnten überwunden glaubte: Ein Virus lässt so viele Menschen lebensgefährlich erkranken, dass selbst ein ausgefeiltes Gesundheitssystem wie das deutsche nicht mehr danach funktioniert, wie dringend ein Mensch Hilfe braucht.

Lesen Sie hier:  Dramatische Entscheidungen in Corona-Krise: Ärzte zu Triage gezwungen - was bedeutet das?

Sondern die Behandlung allein darauf zielt, wer die Attacke durch das Coronavirus überleben kann. Es am Ende also nicht mehr um das Leben des einzelnen Patienten geht, sondern darum, dass möglichst viele Kranke überleben. Und darum, die Intensivstationen zu entlasten.

Zu wenig Beatmungsgeräte

Für Ärzte in Italien ist das nun bittere Realität. Sie entscheiden über Leben und Tod, weil es zu viele Kranke und zu wenig Beatmungsgeräte gibt. Ein Szenario, das Dr. Jens Deerberg-Wittram, der Geschäftsführer der RoMed-Kliniken, für seine Krankenhäuser bislang ausschließt. Man werde „alles daransetzen“, um solche Triage-Entscheidungen „zu vermeiden“, teilt die Pressestelle mit. 

Doch wie verbindlich und langfristig kann eine solche Aussage sein, angesichts der steigenden Zahl an Infektionen? 

Region droht "sehr hohe Infektionsrate"

Rosenheim und der Landkreis gelten als besonders gefährdet aufgrund der Nähe zu Italien und Tirol. Die Stadt rechnet nach Aussage von Pressesprecher Thomas Bugl, mit einer „sehr hohen Infektionsrate“. Inoffiziell ist die Rede davon, dass sich rund 80 Prozent der Menschen in Stadt und Landkreis anstecken könnten. Wie viele Infizierte tatsächlich schwere oder schwerste Symptome zeigen werden, kann niemand seriös vorhersagen.​

Trotzdem und gerade deshalb versucht der Klinikverbund, sich bestmöglich vorzubereiten. So wird derzeit das Bettenhaus 6 in Rosenheim zu einer reinen Corona-Station umgebaut. Ziel soll eine zentrale Anlaufstelle sein. Eine genaue Angabe zur Zahl der vorgehaltenen Betten macht „RoMed“ nicht. Die Zahl ändere sich „praktisch stündlich“, sei abhängig von der Entwicklung der Zahl der infizierten und behandlungsbedürftigen Patienten“. Aus zuverlässiger Quelle ist zu erfahren: Sorge macht im Moment vor allem die Ausstattung mit Beatmungsgeräten. 

21.03.2020, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Helfer in Schutzanzügen stehen an einer Zufahrt zum Universitätsklinikum vor einem Zelt. Seit dem 20. März 2020 gibt es nur noch zwei Zugänge zum Klinikgelände. Dort wurden sogenannte Prä-Triage-Punkte eingerichtet, an denen eintreffende Personen befragt und weitergeleitet werden. 

Prognose: 120 Beatmungsplätze werden im Mai gebraucht

Doch auch hier kommen die Dinge in Bewegung: Lag die Zahl der Beatmungsplätze im Verbund zunächst bei 40, soll sie noch an diesem Wochenende auf bis zu 70 steigen. Sollte in der ersten Maihälfte der Peak der Infektionsrate erreicht werden, werden 120 Beatmungsplätze gebraucht. Das Klinikum teilt dazu mit, auch die Zahl der Beatmungsgeräte ändere sich „in kurzer Frist“. So habe das THW noch am Freitag fünf Geräte abgegeben. Seriöse Prognosen seien derzeit nicht möglich. 

Auch eine Stellungnahme zur Handlungsempfehlung und möglicherweise notwendigen Vorkehrungen dafür, lehnt das Klinikum ab. 

Kriterien für die Frage: Wer wird zuerst behandelt?

Triage ist ein Begriff aus der Katastrophenmedizin. Er bedeutet „Einteilung“. Empfehlungen, wie etwa bei Katastrophen mit einer größten Zahl an Verletzten umzugehen ist, gibt es längst. Bisher aber galt: Wer lebensbedrohlich erkrankt ist, hat Vorrang. Im Rahmen der Corona-Pandemie geht es jetzt aber darum, Kriterien festzulegen, wer die besten Überlebenschancen hat. Ein Paradigmenwechsel, dessen Handicap ist, dass es kaum Erfahrung gibt in der Bewertung der Corona-Symptome. 

Dass sie jedoch nicht allein entscheidend sind, legt das Papier fest, das nun sechs medizinische Fachstellen vorgelegt haben, zusammen mit der Akademie für Ethik in der Medizin. Sie gehen davon aus, dass auch in Deutschland die notwendigen Ressourcen für eine intensivmedizinische Betreuung „nicht mehr ausreichend“ zur Verfügung stehen werden. 

Gesamtprognose des Patienten zählt

Verstanden als Entscheidungshilfe bei Konflikten in der intensivmedizinischen Behandlung zeigt das Dokument auf, dass Faktoren wie mögliche Begleiterkrankungen und der Allgemeinzustand des Patienten eine Rolle spielen sollen. Wessen Gesamtprognose günstiger ist, hat Vorrang. Ausdrücklich heißt es, weder Alter noch Familienstand, sozialer Status und kultureller Hintergrund dürften bei der Abwägung herangezogen werden. 

Wer trifft die Entscheidung?

Empfehlungen, die nicht allein auf Covid-19-Patienten abzielen: Vielmehr gelten sie während der Corona-Pandemie für alle Patienten, die intensivmedizinische Behandlung brauchen, also etwa auch für Menschen mit Krebs oder Schlaganfall. Jede Entscheidung gilt dem Einzelfall. Treffen sollen sie zwei mit der Intensivmedizin vertrauten Ärzte. Gemeinsam mit einem Vertreter aus der Pflege und anderen Fachleuten. Die Belastung für das Klinikpersonal, aber auch für die Angehörigen, wäre in einem solchen Moment enorm. 

Welche Hilfen dann greifen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es geben könnte – auch diese Frage lässt „RoMed“ unbeantwortet. Die nun vorliegende Handlungsempfehlung der sieben Fachgremien empfiehlt dagegen unter anderem eine ethische Beratung der Teams und ein Notfall-Telefon mit einem Seelsorger. Menschen ihrem eigenen Schicksal überlassen zu müssen, vorhandene medizinische Hilfe nicht zuzuteilen, um andere zu retten: Das ist nicht nur für den Einzelnen eine schwere psychische Bürde. 

Es geht an dieser Stelle gleichermaßen um juristische und ethische Aspekte.

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Mehr zum Thema

Kommentare