Traunstein: Ehemaliger Seminar-Schüler wirft verstorbenem Weihbischof Missbrauch vor

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Der Münchner Weihbischof Siebler soll in den 70er- und 80er-Jahren Schüler des Studienseminars Sankt Michael in Traunstein gequält haben. Die Schule wurde 1939 auch von Joseph Ratzinger besucht, dem späteren Papst.

München – Der Feiertag Fronleichnam wurde im Erzbistum München und Freising überschattet von Misshandlungs- und Missbrauchsvorwürfen gegen den 2018 verstorbenen Münchner Weihbischof Engelbert Siebler. Er wird beschuldigt, Schüler des Studienseminars Sankt Michael in Traunstein während seiner Zeit als Direktor (1976 bis 1985) misshandelt zu haben. Über die Vorwürfe berichtet die Süddeutsche Zeitung. 

Ein Ex-Schüler wirft Siebler nun auch sexuellen Missbrauch vor. Siebler ist der ranghöchste katholische Geistliche in Bayern, gegen den ein mutmaßliches Opfer einen solchen Vorwurf erhebt. Träger des Traunsteiner Internats ist die Münchner Erzdiözese. 

"Konkret nichts geschehen"

Die Schule wurde 1939 auch von Joseph Ratzinger besucht, dem späteren Münchner Erzbischof und Papst. Ein Sprecher der Erzdiözese bestätigte unserer Zeitung, das mutmaßliche Opfer habe sich 2016 an den Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese mit Vorwürfen körperlicher und psychischer Gewalt gegen Siebler gewandt. Daneben habe es „komische körperliche Annäherungsversuche“ gegeben: „Konkret sei allerdings nichts geschehen“, stehe im Protokoll des Gesprächs. 

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Weitere Kontakte zu dem einstigen Schüler habe es auf dessen Wunsch nicht mehr gegeben. „Der bis dahin vorgelegte Sachverhalt war lückenhaft, es blieben zu viele Fragen offen, als dass nach Einschätzung der mit der Aufklärung betrauten Fachreferentin für die interne Untersuchung von Fällen sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen die Plausibilität der Vorwürfe hätte eingeschätzt werden können“, erklärte Pressesprecher Christoph Kappes. 

Der Weihbischof sei deshalb nicht mit den Vorwürfen konfrontiert worden.

"Klima der Angst"

Die SZ zitiert Anwältin des Ex-Schülers mit den Worten, ihr Mandant sei „kaum in der Lage, über die Geschehnisse zu sprechen“. Der Bistumssprecher erklärte, die Erzdiözese bedauere zutiefst und sei beschämt, wenn Minderjährige und erwachsene Schutzbefohlene durch kirchliche Mitarbeiter zu Betroffenen psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt würden. Jeder Hinweis werde ernstgenommen. 

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Der Erzdiözese sei an einer „vollumfänglichen Aufarbeitung im Sinne der Betroffenen sehr gelegen“. Diese sollten sich an die Missbrauchsbeauftragten wenden. 

In dem SZ-Beitrag gibt der ehemalige Seminarist an, Siebler habe ihn im Internat „konsequent bloßgestellt, sadistisch gequält und massiv geschlagen“. Andere Traunsteiner Schüler berichteten von einem „Klima der Angst“ unter Direktor Siebler. Von sexuellem Missbrauch sprach keiner. cm (mit kna)

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