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Traunstein, Hindukusch – eine Reise ins Glück

Traunstein 1961, fünf Bergsteiger erfüllen sich einen Traum. Mit ihrem VW Bus fahren sie 7600 Kilometer weit, fast bis zum Hindukusch. Einer der Abenteurer hat eine Filmkamera dabei. Jetzt sind die Bilder zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen – man sieht ein Bergsteigermärchen aus Tausendundeiner Nacht.

Traunstein 1961, fünf Bergsteiger erfüllen sich einen Traum. Mit ihrem VW Bus fahren sie 7600 Kilometer weit, fast bis zum Hindukusch. Einer der Abenteurer hat eine Filmkamera dabei. Jetzt sind die Bilder zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen – man sieht ein Bergsteigermärchen aus Tausendundeiner Nacht.

Von Stefan Sessler

Karl Brenner, 77, fährt mit der Hand über den Anorak seines Lebens, seinen grünen Abenteurer-Anorak. Seinen Hindukusch-Anorak. Er ist 52 Jahre alt, verschlissen, zigmal genäht, aber er sitzt noch heute einwandfrei. Bayerische Qualitätsware, ein Geschenk von Willy Bogner. „Aber damals wollte ich den grünen gar nicht“, sagt Brenner und muss sofort lachen. Keiner wollte ihn damals anno 1961. Damals, als fünf bayerische Bergsteiger, alle Mitte 20, eine waghalsige Tour unternahmen. Eine Abenteuerreise nach Afghanistan. Ziel: der Hindukusch. Ein Gebirge, in dem sich zuvor noch kaum ein Bayer rumgetrieben hatte. Es war eine Pioniertat, ein Husarenstück, nicht weniger. „Die Traunsteiner Hindukusch Expedition“, so haben sie ihr Unterfangen genannt.

Sie war lange in Vergessenheit. Der Nebel der Geschichte, der Nebel eines langen Lebens hatte sich darüber gelegt. Klar, mit der Familie hat man darüber gesprochen. Aber das war’s. Bis der Dokumentarfilmer Georg Antretter Wind davon bekam und die Geschichte von damals unbedingt noch mal erzählen wollte. Karl Brenner hat daraufhin und vor ein paar Wochen eine alte Filmrolle aus seinem Schrank gezaubert. Auf ihr ist so ziemlich alles, was man wissen muss, drauf. Denn: Brenner hatte in Afghanistan eine Kamera dabei. Mit ihr hat er einzigartige Bilder aus einer vergessenen Zeit festgehalten – inklusive Berggipfeln, fremdartigen Landschaften und Nomadenkarawanen. Aus einer Zeit, als die Afghanen noch den Frieden kannten. Und als es für bayerische Bergsteiger noch unbekannte, jungfräuliche Berge auf dieser Erde gab. Es ist ein Zeitdokument. Ein Schatz für jeden Bergfex.

Am Sonntag zeigt das Bayerische Fernsehen („Bergauf-Bergab“, 21.20 Uhr) erstmals Ausschnitte aus Brenners Film. „In Afghanistan war es traumhaft, es war wie tiefstes Mittelalter“, sagt der 77-Jährige, der heute in Hemhof im Kreis Rosenheim lebt. „Damals war dort totaler Friede. Es ist ewig schad, dass man da alles bis ins letzte Dorf zusammengeschossen hat.“ Es macht ihn manchmal traurig, ratlos, wenn er die Tagesschau sieht. Kabul, Kundus, Kandahar – fast immer sind es Schreckensnachrichten, die aus diesen Städten nach Deutschland dringen. Brenner hat ein anderes Afghanistan in seinem Herzen abgespeichert.

Aber fangen wir von vorne an. Die Route damals: von Traunstein über Österreich, Jugoslawien, Griechenland, Türkei, Iran bis nach Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Streckenlänge: 7600 Kilometer in zwei klapprigen VW-Bussen – über Stock, Stein, streng bewachte Grenzen und wassermelonengroße Schlaglöcher. Fünf Freunde erkunden das Ende der Welt. Alleine die Anreise hat 25 Tage gedauert. Was für eine wunderbare Idee.

Und so heißen die fünf Abenteurer aus Traunstein: Fritz Wagnerberger, der spätere Präsident des Deutschen Skiverbands, Dietrich von Dobeneck, Otto Huber, Karl Winkler und natürlich Karl Brenner, der damals Ingenieur beim Bootsbauer Klepper war und für den 1961 nur noch der grüne Bogner-Anorak blieb. Die zwei roten, den gelben und den blauen hatten sich die anderen schon gesichert. Wagnerberger und Winkler sind inzwischen schon verstorben. Brenner sagt: „Wir sind alle Freunde geblieben. Nach so einer Expedition ist das nicht immer der Fall.“ Sie haben gemeinsam die afghanischen Berge bezwungen, darunter Vier-, Fünf- und sogar Sechstausender. Für die letzten Kilometer an den Rand des Gebirges haben sie sich ein afghanisches Taxi besorgt und ihre VW-Busse zurückgelassen. Später haben sie Pferde genommen, bis zu 18 einheimische Träger haben ihnen das Gepäck abgenommen. Sie sind durch wildromantische Schluchten gegangen, haben widrige Gebirgspässe überquert und in eisigen Nächten in Biwaks übernachtet. In einem Bergwerk haben sie sogar ein paar Splitter Lapislazuli stibitzt. Eine Karte, nein, eine richtige Karte hatten sie nicht dabei. So was gab es damals nirgends zu kaufen. Der Hindukusch, er war für die Bayern im wahrsten Sinne ein Niemandsland. Sie hätten genauso gut zum Mond fliegen und sich dort durchschlagen können – er wäre genauso fremd wie Afghanistan gewesen.

Aber ganz ohne Plan wollten sie doch nicht ins Hochgebirge; also sind sie in Kabul in die geographische Abteilung und haben Luftaufnahmen vom Hindukusch kopiert und sich daraus eine Karte gemalt. Das war, neben Tipps von ihren Trägern, das einzige Hilfsmittel. Fünf Bayern allein in Afghanistan, ganz allein. Einmalig, diese Reise, unvergesslich und vogelwild. Ein Bergsteigermärchen aus Tausendundeiner Nacht.

Als Gepäck hatten sie ihre Zelte dabei, Bergausrüstung, Spaghetti, Kartoffelbrei und bayerisches Büchsenbier. Löwenbräu war einer ihrer Sponsoren. Nach einem anstrengenden Tag im Gebirge „haben wir das Bier mit dem Eispickel aufgeschlagen“, erzählt Brenner. Ein bisserl Heimat schadet auch am Hindukusch nicht. Nur das mit den Wammerl war vielleicht keine so gute Idee. Zwei Kisten davon haben sie von Bayern mit nach Afghanistan gekarrt. Es sollte ihr Proviant für die Berge sein. Aber irgendwann hat es in ihrem Auto so furchtbar gestunken, „als ob wir eine Leiche dabei gehabt hätten“, erzählt Brenner. Das Fleisch hatte angefangen zu gären. Sie haben es sofort in den nächsten Bach gekippt. Nichts war’s mit der bayerischen Gipfel-Brotzeit mitten in Zentralasien.

Insgesamt waren sie drei Monate unterwegs. Über Moskau sind sie wieder in die Heimat geflogen. Dort im Hotel hat Brenner sein Reisetagebuch im Nachtkastl vergessen. Ewig schad. Aber ein paar Mitbringsel hatte er natürlich im Gepäck. Reiterfiguren aus Stein, die Fotos, den Film und natürlich seinen grünen Anorak. Er hat ihn heute noch alle paar Tage an. Immer wenn er daheim im Chiemgau mit seinem Hund in den Wald geht, trägt er die große weite Welt am Leib. Das missliebige Kleidungsstück, er hat es inzwischen lieb wie kein zweites.

Zweimal haben sie in Traunstein kurz nach der Heimkehr 1961 den großen Saal in den Kurlichtspielen gefüllt. Hunderte Menschen kamen ins Kino, um zu hören, wie dieses Afghanistan denn so ist, und, was zum Himmel, fünf junge Männer antreibt, einmal um die halbe Welt zu fahren, um dort auf ein paar Gipfel zu steigen. Die Antwort ist ganz einfach. Sie ist heute die gleiche wie vor 52 Jahren. Es ist die unwiderstehliche Macht des Unbekannten.

„Wo könnten wir mal hinfahren?“ Mit dieser Frage, erzählt Karl Brenner, hat alles angefangen. Der Himalaya war damals schon ziemlich bekannt, viele Bergsteiger waren schon dort gewesen, in den Alpen sowieso und den Anden auch. Dann hat plötzlich einer gesagt: „Hindukusch, des kennt keiner.“ Die Idee war geboren. Es sind nicht die schlechtesten Geschichten, die so beginnen.

1963 sind sie in ähnlicher Besetzung in die Sahara gefahren, 1964 noch mal nach Afghanistan. Brenner ist viel rumgekommen, er war zum Kajakfahren in Island und am Grand Canyon. Noch heute dreht er auf dem Chiemsee seine Runden. Aber irgendwann hat er mit den richtig großen Reisen Schluss gemacht. Sie waren nicht mehr das Wichtigste im Leben. „Ich habe eine Familie gegründet“, sagt er, „dann musste ich mich natürlich um sie kümmern.“ Ehrensache. Das Leben, das ist die schöne Nachricht, hat eben nicht nur ein Abenteuer im Angebot. Es sind richtig viele. Jedes einzelne hat seine Zeit.

Fernsehtipp

Am Sonntag, 10. November, zeigt das Bayerischen Fernsehen ab 21.20 Uhr in der Sendung „Bergauf-Bergab“ Ausschnitte von Karl Brenners Afghanistan-Film.

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