Alle wollen plötzlich Touren gehen

Pisten dicht, Loipen zu: Im Corona-Winter deutet sich ein gefährlicher Run auf die Berge an

Frühlingswetter in Berchtesgaden
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Ein Tourengeher in den Bergen bei Berchtesgaden: Experten befürchten, dass sich wegen geschlossener Skigebiete in diesem Winter viele ungebübte Tourengeher in Gefahr begeben könnten.
  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
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Pisten dicht, Loipen zu. Wer in diesem Winter Ski fahren will, der braucht viel Muskelkraft. Es schlägt die Stunde der Tourengeher. Aber das birgt Gefahren.

München – In Hans Conrads Sportgeschäft ist im Seuchenjahr nichts wie sonst. Während in seinen vier Läden in Garmisch-Partenkirchen, Penzberg, Murnau und Wielenbach um diese Jahreszeit eigentlich die Alpinski der Verkaufsschlager sein sollten, kommt heuer permanent die Frage: „Welche Skitouren-Ausrüstung können Sie empfehlen?“ Wenn die Skilifte nicht fahren, machen sich die Wintersportler eben selbst auf zur Abfahrt.

Riesige Nachfrage nach Tourenski-Ausrüstung

Der Tourenski-Trend ist kein reines Phänomen der Corona-Zeit. Schon seit Jahren nimmt die Zahl derer, die den Berg aus eigener Kraft erklimmen wollen, zu. „Aber zur Zeit kommen wahnsinnig viele Einsteiger, die mit dem Tourengehen bislang noch kaum Berührungspunkte hatten“, sagt Conrad. Im Herbst habe das schon angefangen.

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Und seit feststeht, dass die Skigebiete erst mal dicht bleiben, habe die Nachfrage vom Tourenski bis zum Schneeschuh noch mal stark zugenommen. „Bei Tourenski- und Bindungen können wir gar nicht so viel produzieren, wie vom Handel bestellt wurde“, heißt es auch beim Straubinger Skihersteller Völkl. Schneeschuhe seien seit Oktober ausverkauft und würden nachproduziert. Das Virus katapultiert den Tourenskisport endgültig raus aus der Nische.

Betrieb auf Langlaufloipen und in Skigebieten untersagt

In diesem Winter ist das schlicht eine Frage der Alternativen. Um die Infektionszahlen im pandemiegeplagten Freistaat in den Griff zu bekommen, hat die Staatsregierung beschlossen, die Skisaison auf bislang unbestimmte Zeit nach hinten zu verschieben. In der jüngsten Infektionsschutzverordnung steht der nüchterne Satz: Der Betrieb und die Nutzung von Sporthallen, Sportplätzen, Fitnessstudios, Tanzschulen und anderen Sportstätten ist untersagt.

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Auf Nachfrage beim für die Spitzfindigkeiten dieser Verordnung zuständigen Gesundheitsministerium wird klar, wie weit die Definition der Sportstätten gefasst ist: Dazu zählen etwa auch Langlaufloipen. Bedeutet: Die gespurte Loipe ist tabu. Querfeldein dürfte der Langlauf hingegen erlaubt bleiben. Und für die Skigebiete stellt das Gesundheitsministerium klar: Auch für Skitouren dürfen die Pisten derzeit nicht genutzt werden. Individualsport – und dazu zählt das Tourengehen – sei nur außerhalb von Sportstätten erlaubt. Bleibt also nur die Tour im freien Gelände.

Tourengeher trotz Verbot in den Skigebieten unterwegs

So richtig durchgedrungen ist das bislang noch nicht. Auf der Webcam des Skigebiets Garmisch-Classic kann man in diesen Tagen immer wieder Tourengeher beim Aufstieg beobachten – während nebenan die Schneekanonen die Piste einpudern. Für die Skigebiete ist das problematisch. „Die Pisten sind aktuell eigentlich ohnehin gesperrt, weil es während der Beschneiung und der Präparierungsarbeiten für Tourengeher viel zu gefährlich ist“, sagt eine Zugspitzbahn-Sprecherin.

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Die Sorge in Garmisch-Partenkirchen: Einige Tourengeher seien der Herausforderung nicht gewachsen, sie stünden nach dem Aufstieg plötzlich mit wackeligen Knien vor der Kandahar-Abfahrt, Höchstgefälle 92 Prozent, an der sich schon der ein oder andere Profi die Zähne ausgebissen hat. Unter normalen Umständen würde so jemand mit der Bahn wieder hinunterfahren. Doch die steht heuer still.

Lawinen-Gefahrenlage ohne Bergbahnbetrieb kaum einschätzbar

Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) sieht darin neben dem touristischen Schaden für die Branche ein weiteres Problem. „Wie soll die Lawinenkommission tätigt werden, ohne mittels Seilbahn auf den Berg zu gelangen“, fragt sie in einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder.

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Ihre Marktgemeinde lehne jedenfalls jegliche Verantwortung dafür ab, wenn auf ihrer Flur Skitouristen durch eine Lawine zu Schaden kommen. Zudem stellt sie die Frage, wie die Bergretter ohne die Lifte und Bahnen schnell zu verunglückten Tourengehern gelangen sollen.

Bergwacht besorgt wegen vieler Anfänger in den Bergen

Bei der Bergwacht ist man sich bewusst, dass dadurch der ein oder andere Einsatz hinzukommen könnte. „Wenn die Skipisten regulär geöffnet sind, ist das Unfallgeschehen leichter einzugrenzen“, sagt Sprecher Roland Ampenberger. Doch wenn heuer, so wie es sich abzeichnet, deutlich mehr Wintersportler im freien, nicht präparierten Gelände unterwegs sind, dazu auch noch deutlich mehr Neueinsteiger, steige auch die Wahrscheinlichkeit für Unfälle.

„Wir werden also häufiger auf unsere Schneefahrzeuge, auf die Hubschrauberrettung oder eben auf den Fußmarsch zurückgreifen müssen“, sagt Ampenberger. Trotz aller Unwägbarkeiten bleibt er aber optimistisch. „Wir haben auch den Ansturm auf die Berge im Sommer bewältigt. Wir sind gerüstet.“

Werden die Tourengeher zum Ruhestörer in der Tierwelt?

Überhaupt nicht gerüstet sehen Naturschützer dagegen die heimische Tierwelt. Denn gerade da, wo die Skitourengeher am liebsten unterwegs sind – abseits von jedem anderen Trubel –, da haben auch die Wildtiere ihr Wohn- und Schlafzimmer, wie Florian Bossert, Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge am Landratsamt Miesbach erklärt.

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Er blickt mit Sorge auf den erwarteten Touren-Boom. „Besonders betroffen sind Birk- und Auerhuhn, aber auch Rotwild und Gamsen können gestört werden.“ Er bittet deshalb eindringlich, auf die Feierabendskitour mit Stirnlampe oder den Aufstieg zum Sonnenaufgang zu verzichten. Denn gerade diese Zeit brauchen die Wildtiere, um ihre Nahrung zu finden.

DAV mahnt Tourengeher zur Zurückhaltung

Der Deutsche Alpenverein (DAV) muss in seiner Funktion als Sport- und Naturschutzverband den Spagat zwischen Breitensport und Rücksicht auf die Natur meistern. „Wir wollen niemanden aussperren“, betont Roman Ossner von der DAV-Sektion München. „Ziel muss sein, den Andrang zu entzerren.“ Jeder solle sich fragen: Kann ich in diesen Zeiten auch mal auf eine Tour verzichten?

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Muss ich wirklich am Wochenende in die Berge? Kann ich dank Homeoffice meine Tour nicht auch an einem Wochentag machen? Oder gibt es nicht eine Alternative für Sport an der frischen Luft in der Nähe meines Wohnorts? Schließlich seien die Berge nicht nur ein Erholungsort. Sondern auch Lebensraum. Für die Tiere. Aber auch für die Einheimischen vor Ort.

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