Ein Tölzer lästert über Prinz Charles

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Die amüsanten Erinnerungen des Medizinprofessors Edzard Ernst. Bad Tölz/München – „Würden Sie sagen, dass Prinz Charles ein Schlangenölverkäufer ist?

“ Die Antwort „Ja“ auf die Frage eines Journalisten bescherte Edzard Ernst 2011 Schlagzeilen in der britischen Presse. Es ist eine Schlüsselszene, die der emeritierte Medizinprofessor aus Exeter, der in Bayern aufgewachsen ist, in seinem gerade erschienenen Buch „Nazis, Nadeln und Intrigen – Erinnerung eines Skeptikers“ schildert. Der Originaltitel „A Scientist in Wonderland. A Memoir of Searching for Truth and Finding Trouble“ beschreibt aber eigentlich viel feiner und ironischer, welche Lebensirrungen und vor allem -wirrungen der heute 67-jährige Wissenschaftler erlebt hat.

Edzard Ernst, ein streitbarer Geist, gilt als einer der weltweit führenden Erforscher und Kritiker der Alternativmedizin, insbesondere der Homöopathie. Aufgewachsen ist „der Brite aus Überzeugung“ in Bad Tölz, wo seine Mutter nach dem Krieg mehrere Kurkliniken aufbaute, während ihre jazzbegeisterten Kinder sich mit reichlich „engstirnigen und spießigen Lehrern“ am Tölzer Gymnasium herumschlagen mussten. Ernst erinnert sich an seinen „Onkel Huscha“, Hans Jüttner, der ihr anfangs zur Seite stand. Zumindest so lange, bis bekannt wurde, dass Jüttner einst Chef des SS-Führungshauptamtes war. Das hätte Patienten und Krankenkassen abschrecken können – Jüttner zog von Bad Tölz weg. Jüttner galt als militärischer Karrierist und wird als „Mann im Hintergrund“ beschrieben. Er wurde nie gerichtlich belangt, hat aber beim Prozess gegen den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann 1961 „für die Anklage und damit gegen Eichmann“, wie Ernst betont, eine eidesstattliche Erklärung abgegeben. Ernst fragt sich bis heute, wie das Bild des „unscheinbaren älteren Herrn mit Brille und sanfter Stimme“ mit dem „des ehemaligen Generals und Nazis mit erheblichem Einfluss“ zusammenpasste.

Für ihn, so glaubt Ernst, war „dieses Paradoxon“ die Triebfeder, warum er sich später so vehement für die Aufarbeitung der Medizingeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus engagierte. Das war dann schon an der Universität Wien, wo Ernst nach Zwischenstationen in München und London den Lehrstuhl für Physikalische Medizin und Rehabilitation innehatte und den Umzug in ein neu gebautes Krankenhaus mit 2000 Betten vollziehen musste. Mit der amüsiert geschilderten Melange aus Wiener Schmäh, Boshaftigkeit, Intrigen und Korruption hätte Ernst wohl fertig werden können. Nicht aber damit, dass er wegen seiner Nachforschungen zur NS-Vergangenheit der renommierten Fakultät, die an medizinischen Experimenten und Kinder-Tötungen beteiligt war, von Kollegen und Presse massiv angegangen und beschimpft wurde.

Da kam der Wechsel zurück nach Großbritannien gerade recht. An der Universität von Exeter wurde 1993 für den weltweit ersten Lehrstuhl zur Erforschung der Alternativmedizin ein Kandidat gesucht. Ernst bekam den Posten – sowie die Zusicherung und Mittel, unabhängig und frei forschen zu können. Es liest sich wie ein packender Krimi, wenn Ernst die nun folgenden Jahre und den Kampf um „Wissenschaft, die Wissen schafft“ beschreibt. Ausgerechnet mit einer klinischen Studie über Geistheiler – auf der britischen Insel gibt es fast ebenso viele wie Allgemeinmediziner – setzte Ernst ein erstes Ausrufezeichen. Das Ergebnis der Schmerzstudie: Es war tatsächlich eine bemerkenswerte Schmerzreduktion festzustellen, die aber ausschließlich dem Placebo-Effekt zu verdanken war. 40 weitere klinische Studien folgten, die sich unter anderem mit Akupunktur, Chiropraktik, Chinesischer Medizin und Pflanzenheilkunde befassten. Was Ernst zum Hassobjekt eines ganzen Industriezweigs machte, war nicht zuletzt sein vernichtendes Urteil zur Homöopathie. Sie ist die am wenigsten plausible Form der Alternativmedizin, schreibt Ernst und fasst seine Forschungen so zusammen: „Die Diskussion darüber, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel ist, ist ebenso abgeschlossen wie jene über die Homöopathie. Homöopathische Heilmittel sind nicht wirksamer als Placebos.“

Zurück zu Prinz Charles, der ein großer Anhänger von Homöopathie und Alternativmedizin war und ist und über eigene Handelsfirmen entsprechende Produkte vertreibt. Als Ernst im Mai 2011 bei einem Vortrag am Fallbeispiel einer Detox-Entgiftungstinktur der Prinzen-Firma „Duchy Originals“ über die Gefahren der Quacksalberei aufklärte, kam es zur eingangs erwähnten Frage. Antwort: siehe oben. christoph schnitzer

Edzard Ernst:

„Nazis, Nadeln und Intrigen – Erinnerungen eines Skeptikers“, jmb-Verlag, 18,95 Euro.

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare