Das Theaterwunder von Riedering

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Sie spielen. Und spielen.

In einem Theaterzelt in Riedering ist seit fast neun Jahren jede Aufführung ausverkauft. Das Stück „Da Himmegugga“ ist eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten unterm weiß-blauen Himmel. Ein Besuch bei den theater-narrischen Ringsgwandls.

Sie spielen. Und spielen. In einem Theaterzelt in Riedering ist seit fast neun Jahren jede Aufführung ausverkauft. Das Stück „Da Himmegugga“ ist eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten unterm weiß-blauen Himmel. Ein Besuch bei den theater-narrischen Ringsgwandls.

Von Stefan Sessler

Noch zwei Stunden bis zur Aufführung. Die Frau, die Riedering, 5769 Einwohner, viele Kühe, 72 Ortsteile, darunter so schöne wie Wurmsdorf und Ofenwinkl, ein Theaterwunder beschert hat, fegt durch ihr Zelt. Sie richtet Gläser, Brezn, Schmalzbrote, Lachsbrote, wischt die Theke ab, geht raus, geht rein, schaut die Reservierungen durch. Außerdem macht sie noch ein Dutzend weitere Dinge gleichzeitig, aber das menschliche Auge kommt einfach nicht mit. Elfriede Ringsgwandl, dieser menschgewordene, auf Anhieb schwer sympathische Wirbelwind, ist zu schnell. Aber anders geht es wahrscheinlich nicht, nur so gehen Wunder.

Dann Kundschaft. Ein Mann steht im Theaterzelt am Eingang. „Grüß Gott“, sagt er, „ich bräucht’ vier Himmegugga-Karten.“ So heißt das Stück, das sie hier seit fast neun Jahren spielen. Elfriede Ringsgwandl, Jahrgang 1961, die früher mal Bäckerin war, aber das ist schon ewig her, hat es selber geschrieben. Ihre Kinder spielen mit, Freunde, Bekannte, ihre Tochter Jenny ist heute elf, ihren ersten Auftritt hatte sie mit anderthalb. Die Ringsgwandls sind theaternarrisch bis zum Mond und wieder zurück. Elfriedes Mann Erwin, Jahrgang 1962, ein Schmiedmeister, der früher in einer Wiesnband gespielt hat, kümmert sich um Licht, Ton, Soundeffekte und was noch so anfällt. Gerade erst hat er das Fundament für die neuen Toiletten betoniert.

„Brauchst Du die Karten für heuer oder für nächstes Jahr?“, fragt Elfriede Rings-gwandl den Mann. Eine wichtige Frage. Weil: Einfach zur Vorstellung kommen, Ticket kaufen, reinsetzen, „Da Himmegugga“ anschauen – das klappt garantiert nicht. Das herzergreifende Theaterstück über einen sonderbaren Erfinder und seine zauberhafte Tochter Maria ist bis Dezember restlos ausverkauft. Bisher war sowieso jede, wirklich jede einzelne Aufführung ausverkauft, sogar während der Fußball-WM – bei Deutschland-Spielen.

Der „Himmegugga“ ist eine unerhörte Erfolgsgeschichte aus der bayerischen Provinz. „Heute Abend“, sagt die Theaterchefin, „spielen wir zum 813. Mal.“ Werbung? Machen die Ringsgwandls nicht. Aufhören? Eh nicht. „Mia spuins solang“, sagt Elfriede Ringsgwandl, „bis koana mehr kimmt.“ Das, da braucht man kein Prophet sein, dauert noch ein Weilchen. Die Leute lieben das Stück und dann erzählen sie es weiter. Wer mal eine Doktorarbeit über die Macht der Mundpropaganda schreiben will, hätte hier das perfekte Studienobjekt.

Heute kommen Besucher aus Unterschleißheim, Sachrang, Übersee, Tacherting, Weßling, der Frauenbund aus Vogtareuth und die Arbeiterwohlfahrt Traunreut sogar in Busstärke. „Das Stück ist das Geheimrezept“, sagt Elfriede Ringsgwandl. Der leicht durchgeknallte, aber rasend lustige Himmegugga schickt jeden Tag ein Lichtzeichen ins All, um Kontakt mit Wesen aus einer anderen Welt aufzunehmen. Aber kein einziger Außerirdischer antwortet ihm. Die Leute im Dorf lachen ihn aus, mit seinen alten Freunden hat er schon ewig keinen Kontakt mehr. Stattdessen verbringt der Himmegugga sein Leben in seiner schrulligen Erfinderwerkstatt und grantelt durch den Tag. Elfriede Ringsgwandl hat ihm ein paar wunderbare Sprüche auf den Leib geschneidert. „Und Petrus sprach zu den Korinthern, haltet’s euch keine Weiber über den Winter.“ Solche Sachen. Da wird der Frauenbund nachher quieken vor Freude.

Noch 25 Minuten bis zur Aufführung, die gut 130 Zuschauer sind schon längst da. Aber noch kein einziger Schauspieler. Hier in Riedering am Simssee im Kreis Rosenheim haben sie die Ruhe weg. Oder einfach hundertfache Erfahrung. Doch dann kommt eine blonde Frau mit ihrem Auto angefahren. Sie heißt Maria, ist 32 Jahre alt und Künstlerin. „Ich bin“, sagt Maria beim Aussteigen, „grad aus Berlin gekommen.“ Maria ist die Tochter von Elfriede Ringsgwandl, im Theaterstück ist sie die Tochter vom Himmegugga, dem wunderlichen Erfinder. Maria lebt Anfang der Woche in Berlin, Prenzlauer Berg. Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag spielt sie in Riedering Theater, Entfernung gut 700 Kilometer. Samstagnachts fährt sie mit dem Zug wieder zurück, Woche für Woche macht sie das so. „Ich hab’ ein super Leben“, sagt sie, „ich brauch’ beides.“ Familientheater und Hauptstadt.

Inzwischen sitzt Maria hinter der Bühne und schminkt sich, in fünf Minuten beginnt der „Himmegugga“. Aber vorher verrät sie noch ein Geheimnis. Das Geheimnis des Stücks. „Der Himmegugga ist mit nix zu vergleichen.“ Boarischer Dialekt und der spezielle Humor – das ist das Einzigartige. Sagt sich leicht, aber der Beweis, er folgt nur ein paar Minuten später: In dem Theaterzelt, in dem für Bayern untypische, nämlich subtropische Temperaturen herrschen, werfen sich die Gäste weg. Lachtränen fließen. In der ersten Reihe ist es am lustigsten: Der Himmegugga, gespielt vom Huber Wast, einem Grafiker und Illustrator aus Breitbrunn, probiert am Anfang des Stücks seine absurden Erfindungen aus. Die Spaghetti-Einziehmaschine, den Schützenscheiben-Treffertrichter und den automatischen Rasierschaum-Barteinschäumer.

Da passiert natürlich immer mal wieder das eine oder andere Malheur. Da kann einen in der ersten Reihe schon mal ein Schwall Rasierschaum erwischen. Grad lustig. Vor allem für das restliche Zelt.

Auch Elfriede Ringsgwandl spielt in ihrem eigenen Stück mit. Schon als Kind hat sie kleine Stücke geschrieben. Ohne Theater, kein Leben – so läuft das bei ihr. Aber manchmal muss sie sich doch wundern. Kürzlich ist ein Lastwagenfahrer vors Zelt gefahren, ist ausgestiegen und hat gefragt, was der „Himmegugga“ kostet. Also das Theaterstück. Er würde es, sagte er, gerne kaufen. Der Mann hatte die Aufführung noch nie gesehen, aber von ihrem rasenden Erfolg gehört. Elfriede Rings-gwandl hat selbstverständlich abgelehnt. Ein anderes Mal hat eine Frau aus der Umgebung angerufen. Grüß Gott Frau Ringsgwandl, so ungefähr hat das Telefonat begonnen, ich wollte ihnen nur mitteilen, dass ich jetzt ein Café eröffne und es „Himmegugga“ nenne – so wie ihr Stück. Interessiert sie vielleicht.

Elfriede Ringsgwandl ist fast der Hörer aus der Hand geflogen. So erzählt sie es während der Theaterpause hinter der Bühne. Das mit dem Café hat sie der Frau schnell wieder ausgeredet, der Name ist patentrechtlich geschützt. Die Ringsgwandls leben Theater, aber sie leben auch davon. Ihre anderen Berufe haben sie an den Nagel gehängt. Parallel zum „Himmegugga“ spielen sie in Riedering auch noch ein zweites Stück – es heißt „Gsindlkind“. Auch das hat bald schon 200 Aufführungen auf dem Buckel.

Dann kommt ganz langsam Betriebsamkeit hinter der Bühne auf. Die Schauspieler machen sich bereit. Gleich beginnt der zweite Teil vom Himmegugga. Der schräge Erfinder wird nochmal versuchen, Kontakt mit den Außerirdischen aufzunehmen. Wer weiß, vielleicht klappt’s. Diesen Riederingern, das haben wir heute gelernt, ist alles zuzutrauen.

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