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„Tetrapak-Wein ist nicht immer schlecht“

Tantris-Sommelier Justin Leone erklärt, warum der Preis allein kein Hinweis auf Qualität ist Der Kanadier Justin Leone ist Chef-Sommelier im Zwei-Sterne-Restaurant „Tantris“.

Wir sprachen mit dem 31-Jährigen („Meine Leber ist 80 Jahre alt“) über guten Wein aus dem Tetrapak und schlechten Champagner.

-Wie gefällt es Ihnen in der Stadt des Bieres?

(lacht.) Einen Feierabend ohne Bier gibt’s für mich nicht. Keine Weinlese weltweit kommt ohne Bier aus. Ich habe zwei Mal im Burgund gearbeitet. Da habe ich erlebt, dass die Arbeiter sauer sind, wenn sie nach der Arbeit keine Kiste Bier bekommen.

- Trinken Sie privat lieber Bier oder Wein?

Ich bin Situationstrinker. Es hat keinen Sinn, einen 59er Richebourg oder 2000er Lafite beim Fußballschauen zu trinken. Wein ist ein komplexes Produkt, das sagt: „Hey, schenk mir Aufmerksamkeit!“ Ich bin nach einem 16-Stunden-Tag kaputt und will was Erfrischendes. Wein ist auch kein kommunikatives Produkt. Sie können sich nicht unterhalten, wenn sie die ganze Zeit diesen hier machen. (Leone hängt seine Nase in ein Weinglas.)

-Was können die Deutschen besser: Bier brauen oder Wein keltern?

Sie machen beides hervorragend. Ein Riesling steht auf demselben Niveau wie ein Montrachet. Auch die deutschen Biere zählen zu den Besten. Allerdings finde ich als Amerikaner, dass das Reinheitsgebot alles limitiert. Ich bin froh, dass diesbezüglich die Revolution unterwegs ist.

-Man sagt: „Wein auf Bier das rat’ ich dir, Bier auf Wein, das lass’ sein“...

Sie können alles durcheinander trinken, wenn die Qualität stimmt. Eine Flasche ehrlicher Wein macht kein Kopfweh. Ein Glas gepanschter schon.

-Schon mal Wein aus dem Tetrapak getrunken?

Ja natürlich. Das war auf einer Hochzeit im kalifornischen Bakersfield. Meine erste Freundin hatte Familie in der Gegend.

-Sind Weine aus dem Tetrapak so schlecht wie ihr Ruf?

Nicht unbedingt. Ich habe mal ein Weinprogramm für eine Bio-Burger-Kette entworfen. Die wollten etwas, das zu normalen Leuten passt, die nicht viel Geld ausgeben wollen. Also habe ich Bio-Beaujolais aus dem Tetrapak empfohlen. Hier zahlt man nicht die Flasche und den Korken mit, die bei einem Fünf-Euro-Wein fast die Hälfte des Preises ausmachen. Wein aus dem Tetrapak ist auch umweltfreundlicher. Flaschen brauchen auf den Handelsschiffen vier Mal so viel Platz. Und wiegen mehr.

-Guter Wein muss also nicht teuer sein?

Das hängt davon ab, was man erwartet. Sie können ins Tantris gehen oder in ein Wirtshaus. Ich esse auch gern einen 15-Euro-Schweinebraten. Das ist nichts Schlechtes, es ist nur etwas anderes. So verhält es sich auch bei Wein. Für einen Chateau d’Yquem wird jede Beere einzeln ausgewählt. Das braucht Zeit und Expertise. Und das kostet Geld.

-Wieviel muss man für einen trinkbaren Tropfen ausgeben?

Auf dem Weingut fängt Qualität bei 6,75 Euro an. So ein Wein kostet im Handel zwischen neun und zwölf Euro. Aber der Preis ist kein Hinweis auf Qualität. Es gibt italienische Weine, die sehr teuer sind, und ein Alptraum! Länder wie Kroatien, Ungarn oder Slowenien finde ich dagegen interessant. Sie haben keinen Namen als Weinland und können keine hohen Preise verlangen.

-Was raten Sie einem Laien, der vor dem Weinregal im Supermarkt steht?

Schwierige Frage (überlegt). August Kesseler aus dem Rheingau hat Wein im Supermarkt. Ich finde es super, wenn so ein toller Winzer seinen Wein für normale Leute erreichbar macht. Vielleicht inspiriert das ja einen 18-Jährigen, sich mit Wein zu beschäftigen. Mir ist das passiert. Ich habe damals in einem Sandwich-Laden in Chicago gejobbt. Ich war Musiker. Ein Möchte-Gern-Rockstar mit Minus auf dem Konto. Zufällig habe ich in einem Laden ein Sonderangebot entdeckt. Ein Languedoc für fünf Dollar. Der hat mein Leben verändert. Ich wollte wissen, wie es sein kann, dass ein Produkt aus Traubensaft nach nasser Erde, Fleisch und Oliven-Paté schmecken kann.

-Sagt das Anbaugebiet etwas über Qualität aus?

Klar. Großartige Territorien produzieren großartige Weine. Mein Herz gehört dem Burgund. Sie können dort im Abstand von nur zehn Metern eine völlig andere Bodenbeschaffenheit vorfinden.

-Welche Wein-Trends sind derzeit interessant?

Trends sind immer schlimm. Jeder macht sie mit. Mich interessieren die frischen Dinge. Das können wiederentdeckte Klassiker sein. Beim Champagner zum Beispiel ist die Zeit von Veuve Cliquot und Roederer und ihrem sprudeligen Zuckerwasser zum Glück fast vorbei. Es gibt jetzt wieder kleine Winzer, die oft nur einen Hektar bewirtschaften. Die füllen selber ab und verkaufen ihre Trauben nicht an Großproduzenten. Zum Beispiel Jacques Selosse, den ich beeindruckend finde.

Interview: Bettina Stuhlweißenburg

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