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Wir viel Benzin ließe sich sparen?

Tempolimit auf Zeit: Experten erklären - das würde es bringen

Tempo 130 ist in anderen Ländern Europas ganz normal. Bi uns wären die Schilder auf vielen Autobahnen etwas neues.
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Tempo 130 ist in anderen Ländern Europas ganz normal. Bi uns wären die Schilder auf vielen Autobahnen etwas neues.
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  • Wolfgang Hauskrecht
    Wolfgang Hauskrecht
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  • Leonie Hudelmaier
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Der Ukraine-Krieg hat auch das Tempolimit zurück in die Diskussion gebracht. Aber wie viel Einsparung bringt ein Tempolimit wirklich? Könnte daraus ein generelles Tempolimit werden? Und wie denken eigentlich die Autofahrer? Wir haben bei Experten nachgefragt und Fakten gesammelt.

Die politische Stimmungslage zum Tempolimit

Grüne und SPD fordern ein zeitlich begrenztes Tempolimit – die FDP lehnt das ab. Man müsse alles daransetzen, aus der Abhängigkeit von Gas, Öl und Kohle aus Russland zu kommen, sagte GrünenChefin Ricarda Lang. Dazu könne auch ein mehrmonatiges Tempolimit auf Autobahnen beitragen. Jeder Liter Öl zähle jetzt. Während Lang ein Limit bis zum Jahresende vorschwebt, fordern Bayerns Grüne ein dreimonatiges Limit auch auf Landstraßen und innerorts. Thomas von Sarnowski plädiert für Tempo 130 auf der Autobahn, 80 auf Landstraßen und 30 innerorts.

Ich fahre nicht viel Auto. Von dem her finde ich ein dreimonatiges oder generelles Tempolimit nicht so schlimm.

Marie Meinberg (25) aus Vaterstetten

Welche Tempolimits gelten aktuell auf Deutschlands Straßen?

Laut dem Verband der Automobilindustrie (VDA) gilt auf 96 Prozent der Bundes-, Land- und Kreisstraßen ein Tempolimit. Auf Autobahnen sieht es anders aus. Auf 70 Prozent der Strecken gilt laut der Bundesanstalt für Straßenwesen kein Limit. Auf weiteren rund neun Prozent kann ein Tempolimit durch Signalanlagen angezeigt werden. Nur auf den restlichen rund 21 Prozent Autobahn gelten feste Limits von 80 bis 130 km/h. Abschnitte mit 60 oder weniger Stundenkilometern liegen bei nur 0,4 Prozent.

Wie viel Geld könnten Autofahrer in drei Monaten einsparen?

Bayerns Grüne haben dazu eine Rechnung aufgemacht, die auf den Limits 130/80/30 beruht. Demnach könnte jeder durch ein dreimonatiges Tempolimit im Schnitt 70 Euro Benzinkosten sparen. Die Grünen legen einen Spritpreis von 1,60 Euro zugrunde. Ein Autofahrer vertanke dann durchschnittlich 1400 Euro im Jahr. Anteilig seien das 350 Euro in drei Monaten. Das Tempolimit würde laut den Grünen den Kraftstoffverbrauch um rund 20 Prozent senken – umgerechnet 70 Euro. Und das sei sehr „konservativ“ gerechnet, sagt eine Sprecherin des Landesverbands Bayern. Bei den aktuellen Spritpreisen sei das Einsparpotenzial größer.

Ich bin für ein Tempolimit. Ich habe das 1973 schon mal mitgemacht, bei der ersten Ölkrise. Haben wir auch überlebt.

Wolfgang Zölch (68) aus Tittmoning

Wie viel Benzin spart ein dreimonatiges Autobahn-Tempolimit?

Torsten Busacker, Hochschule München

Torsten Busacker, Professor für Verkehrsträgermanagement an der Hochschule München, hat dazu konkrete Zahlen. Ein temporäres Tempolimit von 130 km/h auf allen Autobahnen in Deutschland würde innerhalb von drei Monaten schätzungsweise 200 Millionen Liter Kraftstoff einsparen, rechnet er vor. Je schärfer das Limit, desto größer der Effekt. Bei Tempo 120 wären es laut Busacker schon 250 Mio. Liter Ersparnis, bei Tempo 100 schätzungsweise gut 500 Mio. Liter. „Das wären 1,7, 2,2 bzw. 4,7 Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs durch Pkw und Kombis in Deutschland in diesem Zeitraum. Eine einstellige Prozentzahl klingt natürlich eher symbolisch, aber ich persönlich finde mehrere hundert Millionen Liter mögliche Ersparnis in drei Monaten durchaus einen Beitrag, über den es sich lohnt nachzudenken“, sagt der Verkehrsexperte. „Die Verringerung der Abhängigkeit von Ölimporten ist ja ein volkswirtschaftliches und gesamtgesellschaftliches Ziel.“

Welches Tempolimit wäre am sinnvollsten?

Aus wissenschaftlicher Sicht sei das sehr schwer zu sagen, sagt Busacker. „Je drastischer das Limit, desto höher die Ersparnis – aber desto größer auch die Akzeptanzprobleme und damit der Kontrollbedarf, damit es eingehalten wird und wirklich die erhofften Effekte bringt.“ In einigen Ländern gelte auf Autobahnen Tempo 120 oder darunter, in mehr Ländern Tempo 130 oder 140. „Das deutet darauf hin, dass ein Limit von 130 eher akzeptiert wird als 120 oder nur 100.“

Ich halte von einem temporären Tempolimit nicht so viel. Ich fahre gern Auto, aber so macht es keinen Spaß.

Marijana Mrkic (49) aus München

Macht ein Tempolimit auch auf Landstraßen und innerorts Sinn?

Laut Busacker würden drei Monate Tempo 80 auf Bundes- und Landstraßen rund 145 Millionen Liter Kraftstoff einsparen. Für innerorts gebe es keine belastbaren Zahlen. Ohnehin seien innerorts die Verlagerungseffekte wichtiger. Würde überall Tempo 30 gelten, käme man langsamer ans Ziel. „Also würden mehr Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel oder ihr Fahrrad umsteigen.“ Diese Effekte ließen sich aber nicht seriös beziffern, weil das immer auch ganz stark von den örtlichen Gegebenheiten abhänge. „Wie gut ist der ÖPNV ausgebaut? Gibt es Radwege?“

Wäre der Lkw-Verkehr vom temporären Tempolimit betroffen?

Nein. Denn für Lkw ab 3,5 Tonnen gilt schon ein Limit von 80 km/h auf Autobahnen. Bei über 7,5 Tonnen gilt für sie auf Bundes- und Landstraßen sogar nur Tempo 60.

Würde ein Tempolimit den Verkehrsfluss beeinträchtigen?

„Nein, im Gegenteil“, sagt Busacker. „Der Verkehrsfluss würde sich verbessern, weil die Kapazität der Autobahn steigt – es können mehr Autos pro Zeitabschnitt fahren, weil die Sicherheitsabstände geringer würden. Störungen kommen gerade durch große Geschwindigkeitsunterschiede zustande, weil schnelle Fahrer häufiger bremsen, deren Hintermann bremst etwas stärker, und so weiter. Jeder, der auf Autobahnen fährt, kennt das. Wenn alle gleich schnell fahren, nehmen solche Effekte stark ab.“ Auch Staus würden weniger, weil weniger Überhol- und Bremsmanöver nötig wären. Weniger Staus, so Busacker, „würden die Einspareffekte also sogar noch verstärken“.

Laut einer Studie des Verkehrsanalyse-Unternehmens Inrix standen im Jahr 2019 deutsche Autofahrer 46 Stunden im Stau, München-Pendler sogar 87 Stunden. 2021 waren es 40 und 79 Stunden, allerdings gab es wegen Corona auch weniger Verkehr.

Das Tempolimit ist totaler Schmarrn - auch wenn es ein generelles gäbe. Das bringt doch gar nix.

Evangelos Rados (45) aus München

Sollte ein Limit auch für E-Autos gelten?

„Auf jeden Fall“, sagt Busacker. „Auch E-Autos verbrauchen Energie. Ihr Strom wird in Deutschland heute noch zu einem bedeutsamen Teil aus Kohle oder Gas gewonnen, sodass es gar keinen Anlass gibt, sie auszunehmen. Außerdem würden bei einer Ausnahme für E-Autos die positiven Effekte durch einen verbesserten Verkehrsfluss insgesamt stark abnehmen.“ Auch das Umweltbundesamt (UBA), Deutschlands zentrale Umweltbehörde, befürwortet das Einbeziehen sowohl von reinen E-Autos als auch von Plug-inHybriden.

Könnte ein temporäres Limit der Türöffner für ein generelles sein?

Manche Befürworter eines temporären Limits könnten das im Sinn haben, sagt Busacker. Ob es in der Ampel-Koalition durchsetzbar wäre, scheint jedoch fraglich. Die FDP, die mit Volker Wissing den Verkehrsminister stellt, ist strikt dagegen, im Koalitionsvertrag ist das auch so festgelegt. Aber es gibt auch Befürworter. Helmut Dedy, Chef des Deutschen Städtetags, sagte jüngst: „Wir müssen noch mehr auf den Verbrauch von Energie schauen. Deshalb plädieren wir dafür, jetzt ein Tempolimit zu prüfen.“

Das Umweltbundesamt ist schon länger für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, auch aus Umwelt- und Sicherheitsgründen. Bei Tempo 130 könnten im Jahr 4,9 Prozent, bei Tempo 120 6,6 Prozent und bei Tempo 100 sogar 14 Prozent des dort verbrauchten Sprits gespart werden. Das UBA empfiehlt Tempo 120. Die Akzeptanz für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen sei schon jetzt relativ hoch, sagt UBA-Verkehrsexperte Martin Lange. „Dies könnte durch ein temporäres Tempolimit mutmaßlich erhöht werden, wenn die Bürger feststellen, dass die individuellen Nachteile gar nicht so groß sind. Eventuell sind in der Folge dann dauerhaft Tempolimits möglich.“

Was sagt der Verband Automobilindustrie?

Der Verband der Automobilindustrie (VDA), der die Interessen von Herstellern und Zulieferern vertritt, ist gegen jede Art von Tempolimit. „Wir alle sind aufgerufen, zu prüfen, wo wir Energie sparen können, um einen Beitrag zu leisten, Deutschlands Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu verringern“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. „Dabei sollte eigenverantwortliches Handeln der Maßstab sein. Verbote sind nicht der richtige Weg. Die Herausforderung liegt vor allem beim Gas und da hilft ein Tempolimit gar nichts.“ Statt eines starren Tempolimits brauche es eine Temporegulierung, die der Situation angepasst sei, insbesondere über mehr Wechselverkehrszeichen.

Wie schnell fahren die Deutschen eigentlich?

Das von der Wirtschaft finanzierte Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat 2021 Daten von Autobahnzählstellen an Abschnitten ohne Tempolimit in Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Ergebnis: 77 Prozent fuhren langsamer als 130 km/h, zwölf Prozent 130 bis 140 km/h, weniger als zwei Prozent schneller als 160 km/h. Selbst nachts seien nur vier Prozent der Autofahrer schneller. „Die Zahlen zeigen, dass selbst bei freier Fahrt und nachts nur eine Minderheit sich mit maximalen Geschwindigkeiten wohlfühlt“, so das IW. Das Ergebnis lässt sich so oder so auslegen: Dass ein Tempolimit wenig bringen – oder es die meisten Autofahrer kaum beeinträchtigen würde.

Wie stehen die Bürger zum Tempolimit?

Laut dem ZDF-Politbarometer vom 8. April ist die Zustimmung groß. 50 Prozent der Befragten befürworten sogar ein generelles Tempolimit, weitere 25 Prozent ein befristetes. Nur jeder Vierte war gegen Tempolimits, darunter 46 Prozent FDP- sowie 47 Prozent AfD-Anhänger. Der ADAC hatte 2021 seine Mitglieder befragt. Ergebnis: 45 Prozent sind dagegen, 50 Prozent dafür. Nach Jahren der mehrheitlichen Ablehnung habe sich das Bild gewandelt, schreibt der ADAC. „Die Zahl der Befürworter einer Geschwindigkeitsbegrenzung hat in der letzten Zeit zugenommen.“