Der Tankwart vom Tegernseer Tal

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Wie aus der Zeit gefallen: An der Tankstelle von Hans Huber im Gmunder Ortsteil Gasse (oben) sieht alles noch fast so aus wie 1970, als sie eröffnet wurde. Per Glocke können die Kunden nach ihm läuten (rechts). Um seine Preise anzupassen, steigt der 87-Jährige auf die Staffelei – und tauscht die Schilder von Hand (ganz rechts).

Oberbayerns urigste Tankstelle steht am Tegernsee. In Gasse, einem Ortsteil von Gmund, betreibt der 87-jährige Hans Huber ein Geschäft, das eher ein Hobby ist.

von Anne-Nikolin Hagemann

Die Sonne scheint, Hummeln brummen und Hans Huber, 87 Jahre alt, putzt die Zapfsäulen. In der einen Hand den Schwamm, in der anderen einen Striezel, der Bäcker hat gerade frisches Gebäck gebracht. Das Wasser rinnt grau an den drei Säulen hinab, einmal Diesel, zweimal Super. Während des Winters hat sich eine Rußschicht daraufgelegt, aus den Holzheizungen der Höfe ringsum. Jetzt ist der Winter vorbei und die Säulen sollen blinken. Im Tal glitzert der Tegernsee, die Parkplätze füllen sich, man ahnt, was hier im Sommer los ist.

Wer Hans Huber und seine Tankstelle finden will, muss von der Uferstraße abbiegen, weg von See und Parkplätzen. Den Schildern mit dem großen T folgen, bergan, vorbei an Weiden, über immer schmaler werdende Straßen. Dann stehen da drei Zapfsäulen und irgendwo in der Nähe Hans Huber, der auf Kundschaft wartet. Seit 1970. Heute wartet er meist im Sitzen. Bei schlechtem Wetter drinnen, vom Schreibtisch aus blickt er auf die Zapfsäulen. Bei gutem draußen, auf der Bank neben der Haustür, die aufgeschlagene Zeitung vor sich.

Während des Wartens macht er sich Gedanken darüber, was passiert in der Region und der Welt, über Trump und Putin und Nordkorea. „Ich nehme mir Zeit zum Lesen“, sagt er. Warum er selbst jetzt in die Zeitung soll, was so besonders ist an ihm und seiner Tankstelle, das verstehe er nicht, sagt Huber.

Manchmal kommen Leute und sagen, hier sähe es aus wie in einer Filmkulisse. Die drei Säulen, jetzt blitzblank, sind noch älter als die Tankstelle, aus den 60ern. Die Firma, die sie aufgestellt hat, gibt es nicht mehr. „Ersatzteile zu bekommen ist quasi unmöglich“, sagt Huber. Die Markenschilder, die damals dran waren – Esso, wenn er sich nicht täuscht – hat er abmontiert. Hubers Tankstelle war schon immer eine freie. Den Kraftstoff bekommt er von Aral. Aus dem Iran über Ingolstadt nach Gmund, Ortsteil Gasse.

Eigentlich ist Hans Huber gelernter Maschinenbauer, kein Tankwart. Seine Werkstatt für Landmaschinen hatte er direkt neben dem Hof seiner Familie. Der wurde 1709 erbaut, „vier Jahre jünger als die Sendlinger Bauernschlacht“, sagt Huber. Im Flur hängt der Stammbaum der Familie. Er reicht zurück bis ins Jahr 1590. Auf dem letzten, dünnsten, jüngsten Zweig oben links steht „Johann“, geboren 1930. Das ist er, Hans.

Schon sein Vater verkaufte und reparierte hier Traktoren und Landmaschinen. 1955, nach der Meisterprüfung, baute Hans Huber die Werkstatt direkt am Haus aus. Zuerst lagerten sie hier Diesel-Fässer zum Tanken für die Landwirte, Lastwägen brachten volle und nahmen die leeren mit. Dann wurde der Service eingestellt. Hans Huber überlegte nicht lang und baute eine Tankstelle. Sein Vater hat das nicht mehr erlebt. Seine Mutter hat die Buchhaltung gemacht. Zuerst gab es zwei Zapfsäulen, Diesel für die Traktoren, Benzin für die Autos der Landwirte. Später kam eine für Super dazu.

Hans Hubers Tankstelle ist immer geöffnet, heute wie damals. An der Haustür des Hofes hängt eine Glocke, „bitte fest läuten“ steht daneben. Die Glocke ist so laut, dass Huber sie von überall hören kann, aus seiner Wohnung, dem Garten dahinter und der Werkstatt nebenan. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, an jedem Tag der Woche. Ist Stammkunden nachts auf der Straße das Benzin ausgegangen, haben sie angerufen. Huber ist hingefahren.

Im Urlaub war Familie Huber selten, „man ist ja gebunden“. Seine Frau hat da schon mal geschimpft, erinnert sich Huber. Einmal, in den 80ern, waren sie 14 Tage in den USA, mit der Maschinenbauinnung. Kalifornien, Grand Canyon, Las Vegas. Dann noch ein paar Mal Elba. Aber meistens waren ihre Urlaube die Sonntage, morgens raus, nach Südtirol zum Beispiel, abends zurück zur Tankstelle. Hörte dann niemand die Glocke, tankten Stammkunden einfach selbst. Gingen ins Haus, ließen Geld und eine Notiz da und fuhren wieder. Das ist heute immer noch so.

Auf den Rechnungsblöcken, die in der Diele bereitliegen, ist handschriftlich das D-Mark-Zeichen durch den Euro ersetzt und der Mehrwertsteuersatz angepasst worden. Bestohlen hat ihn nie jemand, sagt Huber. „Zumindest nicht so, dass ich es gemerkt hätte“, setzt er nach und lacht. Überwachungskameras gibt es nicht. Der Schlüssel steckt in Hubers Haustür von außen, abgeschlossen wird nie. Er fühlt sich sicher hier, „ich kenn alle, alle kennen mich“. Diebe fänden nur Rechnungen, sagt er schulterzuckend, die Kasse ist woanders.

Stammkunden zahlen sowieso meist nicht bar. Jeder hat eine eigene Karte in Hubers großem Karteikasten aus Holz. Auf der wird notiert, wann man für wie viel Geld getankt hat, mit Unterschrift. Gezahlt wird, wenn die Karte voll ist. Oder später, auf manchen Karten ist schon weit über die Linien hinaus weitergeschrieben worden.

Seit 1970 hat sich nicht viel verändert in Hubers Tankstelle. Die Preise auf der Tafel passt er von Hand an, wenn er Kraftstoff nachbestellt hat. Nicht mehrmals täglich, wie in den meisten anderen Tankstellen. Zigaretten verkauft er noch immer nicht, auch kein Bier, „das sollen Autofahrer sowieso nicht trinken“. Außer Kraftstoff, Öl und was man sonst noch so fürs Auto braucht, gibt es hier nur ein großes Glas voll Gummibärchen. Für die Kinder. Die kann man nicht kaufen, die bekommt man nur geschenkt.

Huber betankt die Fahrzeuge, wenn es Kunden nicht ausdrücklich anders wünschen, noch immer selbst, man muss noch nicht einmal aussteigen. „Diesen Service gibt es heute nur noch bei mir“, sagt er und lächelt. Besonders die Damen wüssten das zu schätzen, sagt er und lächelt noch ein bisschen mehr. Was er tanken muss, erkennt er am Motorengeräusch. Geirrt hat er sich nie. Dafür aber schon mancher Fahrer: Ist ein Stammkunde jahrelang zur Dieselsäule gefahren, vergisst er leicht, wenn er jetzt Super tanken muss. Aus der Benzinsäule ist inzwischen eine zweite für Super geworden. Huber achtet darauf, beide abwechselnd zu benutzen. „Wird eine Zapfsäule nicht gebraucht, geht sie mit der Zeit kaputt“, sagt er, „das ist wie bei den Menschen.“

Kommt ein Auto, schaut Huber zuerst aufs Kennzeichen. Kennt er ein Städtekürzel nicht, fragt er nach. Das Kennzeichen, das am weitesten weg war, kam aus Großbritannien. Konsul Weyer, Jet-Set-Liebling der 80er und bekannt als „schöner Konsul“, hat schon bei Huber getankt. Und Franz Xaver Gernstl vom Bayerischen Fernsehen war hier mit Kamerateam. Getankt haben sie nicht, aber Rohrnudeln gegessen und sich die Scheibenwischerflüssigkeit auffüllen lassen. So ganz nimmt man ihm nicht ab, dass er seine Tankstelle für nicht zeitungswürdig hält.

Hubers Hauptkunden sind Landwirte und Gäste der umliegenden Ferienwohnungen. Heute war den ganzen Vormittag kein Auto zum Tanken da. Im Sommer wird es mehr, sagt Huber, zur Ernte- und Ferienzeit. An schönen Tagen werden die Zapfsäulen fünfmal täglich fotografiert, meist von Ausflüglern aus München. „Aber die kommen alle mit der Bahn.“

Zum Leben reichen die Einnahmen der Tankstelle nicht, sie sei immer schon ein Hobby gewesen, sagt Huber. Früher neben der Werkstatt, heute neben der Rente. Die Werkstatträume sind seit 20 Jahren verpachtet, beherbergen nun eine Auto- und eine Vespa-Werkstatt. Sein altes Werkzeug verleiht Huber an beide gerne. Auf dem Hof ist immer Leben, auch wenn keine Kunden zum Tanken kommen. Gut so, findet Huber: „Langeweile ist wie eine Krankheit.“

Hans Hubers Frau und Mutter sind schon lange tot. Vor zwei Jahren starb auch seine Lebensgefährtin, mit der zusammen er später die Tankstelle mehrere Jahre geführt hatte. „Und jetzt mache ich das halt alleine“, sagt er. Weg von der Tankstelle, weg vom Tegernsee wollte er nie. „Wo soll ich denn hin?“ Es klingt nicht resigniert, sondern zufrieden. Huber könnte sich sich selbst nirgendwo anders vorstellen als zwischen Autos und Hummelsummen und Zapfsäulen. Dass seine Kinder, zwei Söhne, eine Tochter, die Tankstelle später wohl nicht übernehmen wollen, versteht er. „Die haben eigene Berufe, eigene Leben.“ Fragen nach der Zukunft beantwortet Hans Huber auf seiner Bank in der Sonne mit einem Lächeln. Und zeigt ins Fenster. Da hängt ein Schild, auf dem in ausgeblichener Schrift steht: „Ich lebe jetzt.“

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