Sudetendeutscher Richtungsstreit

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Auf Reformkurs? Sudetendeutsche Frauen in Tracht (Archivbild vom Sudetendeutschen Tag 2012). Foto: Hildenbrand/dpa

Vor einem Jahr leitete die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) eine grundsätzliche Reform ein, verzichtete auf die „Wiedergewinnung der Heimat“ als Satzungsziel. Kommt es darüber am Wochenende zum großen Krach?

Verzicht auf „Wiedergewinnung der Heimat“

Vor einem Jahr leitete die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) eine grundsätzliche Reform ein, verzichtete auf die „Wiedergewinnung der Heimat“ als Satzungsziel. Kommt es darüber am Wochenende zum großen Krach?

von dirk walter

München – Hans Slezak, Bezirksvorsitzender der SL in Oberbayern, gehört der so genannten Erlebnisgeneration an. 1937 im damaligen Mährisch Aussee geboren, erlebte er an Pfingsten 1946 als Neunjähriger die Vertreibung. Oder sollte man sagen: Er überlebte sie? „Mein Vater wurde geschlagen, meine Mutter bespuckt – so was vergisst man nicht“, sagt Slezak.

Seit den 1990er-Jahren engagiert sich Slezak bei den Sudetendeutschen, er hat das Bundesverdienstkreuz erhalten – und das CSU-Mitglied aus München-Aubing ist eine wichtige Kontaktperson der Partei zu den Vertriebenen-Organisationen. So einen vergrault man nicht gerne. Doch gegen die von Bernd Posselt, in Personalunion Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen und Sprecher der Volksgruppe, eingeleiteten Reformen wehrt sich Slezak mit allen Mitteln – auch vor Gericht. Wenn das komme, sagt Slezak, „dann akzeptieren die Vertriebenen ihre eigene Vertreibung – das kann’s nicht sein.“

Posselt, 59, hat die Vertreibung nicht selbst erlebt, er gehört der so genannten Bekenntnisgeneration an – und das ist vielleicht ein Hintergrund des Streits, der seit einem Jahr schwelt. Damals, Ende Februar 2015, billigte die Bundesversammlung der SL mit über 70 Prozent Mehrheit eine grundlegende Satzungsänderung. Passagen, in denen von einer „Wiedergewinnung der Heimat“ sowie von einer „Restitution oder gleichwertigen Entschädigung“ als Ziel der Landsmannschaft die Rede war, wurden gestrichen. Stattdessen werden in der Satzung nun Völkermord, Vertreibungen, ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geächtet. Bernd Posselt, bekannt auch als früherer Sprecher Otto von Habsburgs sowie als ehemaliger CSU-Europaabgeordneter, hatte die Änderungen eingefädelt. Die Landsmannschaft müsse „zukunftsfest“ gemacht werden, erklärte er damals. In einer neuen Grundsatzerklärung räumten die Sudetendeutschen auch die „Mitverantwortung“ der Volksgruppe für die Verfolgung und Ermordung von Juden und Tschechen sowie von sudetendeutschen NS-Gegnern ein.

Es dauerte keine Woche, da wurden die Satzungsänderung vor dem Amtsgericht angefochten. Tatsächlich erzielten die Gegner um Hans Slezak und seinen Gefolgsmann, den schwäbischen Bezirkschef Felix Vogt-Gruber, einen Teilerfolg – mit der Folge, dass über die Änderungen bei der Bundesversammlung in München an diesem Wochenende erneut abgestimmt werden muss. Bernd Posselt ist zuversichtlich. „Wir werden die Formfehler vom letzten Mal nicht wiederholen“, sagt der Münchner. Inhaltlich gelte es nichts zurückzunehmen. „Wir müssen Formulierungen aus den 1950er-Jahren ersetzen“, sagt Posselt. „Kein Mensch redet mehr von der Wiedergewinnung der Heimat.“ Jüngeren Menschen sei das nicht zu vermitteln.

Bei den Gegnern sieht Posselt unter anderem „Menschen vom rechten Rand“ am Werke – eine Anspielung darauf, dass der schwäbische Bezirkschef zugleich Bundesvorsitzender des rechtsextremen Witikobunds ist, der offen gegen Posselt und seine „Führungsclique“ opponiert und das Vereinsorgan, die „Sudetendeutsche Zeitung“, als eine „Art Sudeten-Prawda“ schmäht. Slezak wird von Posselt ausdrücklich von den Vorwürfen ausgenommen – was diesen wiederum nicht davon abhält, Posselt mit Vorwürfen zu überziehen. Der 59-Jährige, der am Samstag auch zur Wiederwahl antritt, sei „von dem Gedanken besessen, der große Versöhner zwischen Tschechen und Deutschen zu werden“.

Für die am Samstag angesetzte Abstimmung ist Slezak verhalten optimistisch. Für die Satzungsänderung sei eine Mehrheit von 75 Prozent unter den 85 stimmberechtigten Mitgliedern der Bundesversammlung notwendig – „das wird Posselt nicht schaffen“. Die Ablehnung unter den 30 Bezirks- und Orts-Obleuten in Bayern sei eindeutig. „Wir sind ja keine sektiererische Gruppe“, sagt Slezak. Setze sich Posselt doch durch, werde vor Gericht weiter geklagt. Eine Landsfrau habe schon 5000 Euro dafür gespendet.

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