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Das sagt eine Expertin vom Wasserwirtschaftsamt

Sturzflut am Samstag im Kreis Altötting: Wie es soweit kam und wie es künftig verhindert werden soll

Links: Feuerwehrleute aus Garching als Teil der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung (ÜG-ÖEL) im Einsatz in Perach. Rechts: Feuerwehrleute der Freiwilligen Feuerwehr Endlkirchen bei einer Verschnaufpause in Perach.
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Links: Feuerwehrleute aus Garching als Teil der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung (ÜG-ÖEL) im Einsatz in Perach. Rechts: Feuerwehrleute der Freiwilligen Feuerwehr Endlkirchen bei einer Verschnaufpause in Perach.
  • Heinz Seutter
    vonHeinz Seutter
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Wie konnte es zu der drastischen Lage im Landkreis Altötting am Samstag kommen und was wird künftig getan, um solchen Situationen zu begegnen? innsalzach24.de hat mit einer Expertin vom Wasserwirtschaftsamt Traunstein gesprochen.

Landkreis Altötting - „Am Samstag zog eine starke Gewitter- beziehungsweise Regenzelle über das Gebiet Emmerting-Perach-Reischach. Diese Zelle hat sich dort kaum vom Fleck bewegt und ihr gesamtes Wasser auf einer relativ kleinen Fläche abgeregnet. Bei dem Starkregenereignis fielen lokal sehr große Regenmengen auf kurze Zeit. 50 Millimeter in einer Stunde, bis zu 90 Millimeter in sechs Stunden“, erläutert Kerstin Staton, Abteilungsleiterin für den Landkreis Altötting beim Wasserwirtschaftsamt Traunstein gegenüber innsalzach24.de. „Nach jetzigem Kenntnisstand entsprach die Regenmenge vom Samstag einem Ereignis, wie es in etwa nur alle hundert Jahre zu erwarten ist. Auch heftige Hagelschauer führten zu Schäden im Bereich der Gewitterzelle. Soviel Wasser auf so kurze Zeit kann der Boden nicht aufnehmen.“

Das Wasser sei oberflächig abgelaufen und habe sich in den Bächen gesammelt. „Für diese es einfach zu viel Wasser, wodurch es zu größeren Ausuferungen kam, die zu Schäden an Infrastruktur und Wohngebäuden geführt haben.“ Dazu komme, dass beispielsweise am Weitbach in Perach aus dem bewaldeten Einzugsgebiet Holz mitgeschwemmt wurde, welches lokal zwei Brücken im Ortsbereich von Perach oder den Straßendurchlass an der Verbindungsstraße bei Hundmühl verklaust, also verstopft, hat. „Diese Abflusshindernisse verschärften die Situation noch.“

Land unter im Landkreis Altötting am Samstag: Das sagen Experten

Am Samstagnachmittag und -abend zogen zum Teil schwere Unwetter durch Bayern und Teile der Region. Besonders stark getroffen wurden der nördliche Teil des Landkreises Altötting und Gebiete in Ostbayern. Im Kreis Altötting wurden mehrere Kommunen besonders schwer in Mitleidenschaft gezogen. Darunter auch die nahe beieinander liegenden Gemeinden Reischach und Perach (Plus-Artikel innsalzach24.de) sowie Mehring (Plus-Artikel innsalzach24.de), deren Bürgermeister gegenüber innsalzach24.de ihre Eindrücke vom Samstag schilderten. Alleine in Perach waren rund 150 Feuerwehrler aus dem gesamten Umkreis im Einsatz (Plus-Artikel innsalzach24.de).

„Der Landkreisbauhof nimmt bereits seit Samstag die entsprechenden Straßenkontrollen vor. Seit Montag wird gereinigt, werden Bankettschäden behoben und Durchlässe und Brücken ausgebaggert. Größere Schäden sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht festzustellen“, berichtet Dr. Robert Müller, Pressesprecher des Landratsamts gegenüber innsalzach24.de.

Starkregenereignisse schwer vorhersehbar

„Neben der Gefahr von Überschwemmungen an den größeren Gewässern wie beispielsweise der Alz durch länger anhaltende Regenereignisse besteht - insbesondere an kleinen Bächen in steilen Einzugsgebieten wie im sogenannten Holzland nördlich des Inns - eine Gefährdung durch Starkregenereignisse, die zu einem sehr schnellen Anstieg der Wassermengen und auf Grund der meist geringen Abflusskapazität rasch zu Überflutungen führen können“, erläutert Kerstin Staton vom Wasserwirtschaftsamt weiter. „Lokale Starkregenereignisse können zudem sehr lokal auftreten und sind damit schwer vorhersehbar.“ Zudem gäbe es aufgrund der kurzen Fließwege in diesen Bereichen meist keine oder nur sehr kurze Vorwarnzeiten, so dass kurzfristige Abwehrmaßnahmen kaum getroffen werden können. „Sowas haben wir hier so noch nicht erlebt, das war direkt überfallartig!“, hatte auch Perachs Bürgermeister Georg Eder (Bürgerliste) gegenüber innsalzach24.de vom Geschehen am Samstag berichtet.

Klimabedingte Veränderungen würden in einem bundesländerübergreifende Arbeitskreis Klimaveränderung und Wasserwirtschaft (KLIWA) untersucht, so Staton weiter. „Bisherige Ergebnisse aus diesem Projekt zeigen auf, dass besonders die extremsten Starkniederschläge und Niederschläge kurzer Dauer zumindest in Teilen Süddeutschlands in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen zu haben.“ Statistisch konnte ein solcher Trend bislang jedoch noch nicht belegt werden, da entsprechende Messdaten noch nicht so lange erhoben werden. „Die Experten rechnen jedoch in Folge des Klimawandels mit einer Zunahme von Starkniederschlägen und dadurch verursachtem Hochwasser.“

Was kann präventiv getan werden?

Wie kann solchen Wetterereignissen künftig begegnet werden? „Präventionsmaßnahmen stellen, aus unserer Sicht, einen wesentlichen Baustein bei der Hochwasservorsorge dar“, so Staton weiter. „Im Zuge von Überschwemmungsgebietsermittlungen durch die bayerische Wasserwirtschaftsverwaltung, bei denen mittels hydraulischer Modelle das Abflussgeschehen simuliert wird, werden die Gefahrenzonen ermittelt.“

Bei allen Anstrengungen zur Vermeidung von und zum Schutz vor Hochwasser verbleibe immer ein Risiko: „Es kann sein, dass für ein extremes Hochwasser die Schutzanlagen nicht ausreichen, ein technisches Versagen auftritt oder auch Bereiche verbleiben, die nicht sinnvoll und ausreichend geschützt werden können.“ Hier setze die Vorsorge, konkret Vorhersagen und Warnungen, die Planung von Hilfsmaßnahmen für den Notfall, das Erstellen von Melde-, Alarm- und Einsatzplänen, Erarbeiten von Checklisten, Ausbildung von und Übungen mit Rettungs-Kräften und Versicherungen an, deren Ziel es sei, auf künftige Hochwasserereignisse vorbereitet zu sein, um diese besser zu bewältigen.

Eindrücke von den Verheerungen der schweren Unwetter in Reischach am Montag.

„Derartige Überschwemmungsgebietsermittlungen wurden auch für den Weitbach und die Reischach durchgeführt. Im Rahmen von Beratungsterminen wurden die Ergebnisse den betroffenen Kommunen mitgeteilt, um so einerseits eine gezielte Gefahrenabwehr für den Hochwasserfall vorbereiten zu können und andererseits ein Bewusstsein für vorhandene Gefährdungen zu wecken. Möglichst sollten diese Erkenntnisse in der kommunalen Bauleitplanung und bei privaten Baumaßnahmen berücksichtigt werden.“ Weiterhin sei durch den Freistaat Bayern ein Förderprogramm zum sogenannten Sturzflutrisikomanagement ins Leben gerufen worden. „Im Zuge dieses Programms führen die beteiligten Kommunen unter anderem eine detaillierte Gefährdungsanalyse ihres Gemeindegebiets durch, um so neben den Gefahren durch Überschwemmungen an Gewässern auch eine gewässerunabhängige Betrachtung der Gefahren durch Sturzfluten und wild abfließendes Wasser vornehmen zu können.“

Diverse Projekte im Kreis Altötting

Im Bereich des Landkreises Altötting seien derzeit sechs Kommunen, darunter auch Reischach, an diesem Programm beteiligt. „Hier berät und unterstützt das Wasserwirtschaftsamt die Kommunen, wie auch bei der Abwicklung von sich daraus ergebenden Ausbauvorhaben, beispielsweise Deiche, Rückhaltemaßnahmen und so weiter, der an den Gewässern für die die Kommunen selbst zuständig sind, die der Freistaat Bayern ebenfalls finanziell fördert. Risiken aus Hochwasserereignissen lassen sich jedoch nicht vollständig beseitigen.“ Neben der Durchführung von baulichen Hochwasserschutzmaßnahmen sei daher Ziel, vor allem auch die Eigenverantwortung zu stärken. „Wir alle können diese allerdings mit verschiedenen Maßnahmen, beispielsweise durch hochwasserangepasstes Bauen, reduzieren und mit den verbleibenden Risiken leben lernen, etwa durch den Abschluss einer Elementarschadenversicherung.“

In Perach wirkte es sich verheerend aus, dass die Durchläufe einiger Brücken durch Treibgut verstopft wurden. So lief das Wasser über und erreichte angrenzte Wohnhäuser.

Ausbauvorhaben zielten darauf ab, einen Schutz vor einem sogenannten hundertjährlichen Abflussereignis, zuzüglich eines sogenannten Klimazuschlags, herzustellen. „Das Wasserwirtschaftsamt Traunstein plant am Weitbach, da er ein Wildbach ist, derzeit an einem umfangreichen Maßnahmenpaket für eine dauerhafte Verbesserung des Hochwasserschutzes. Die im Rahmen der Planung identifizierten Schwachstellen am Weitbach decken sich sehr gut mit den Problemstellen, die sich beim vergangenen Starkregenereignis gezeigt haben.“ Anpassungen am stark beschädigten Straßendurchlass bei Hundmühl und an den beiden verklausten Brücken im Ortsbereich von Perach seien unter anderen Teile des Planungskonzepts.

Bis wann sind Ergebnisse da?

„Die Entwurfsplanung, die von den beauftragten Ingenieurbüros erarbeitet wird, ist inzwischen weit fortgeschritten. Sollten sich keine unvorhergesehenen Planungsänderungen mehr ergeben, könnte die Entwurfsplanung bis zum Ende 2021 fertiggestellt werden. Dann werde der Bauentwurf durch die Regierung von Oberbayern baufachlich geprüft. Im Anschluss daran müsse ein Planfeststellungsverfahren begonnen werden, wo neben der Verwaltung, den sogenannten „Trägern öffentlicher Belange“ auch die breite Öffentlichkeit beteiligt wird.“ Erfahrungsgemäß nimmt ein Planfeststellungsverfahren für das hier das Landratsamt Altötting zuständig ist in etwa ein Jahr in Anspruch. Ist der Entwurf planfestgestellt, wird das Maßnahmenpaket in mehreren Bauabschnitten öffentlich ausgeschrieben. Erste bauliche Maßnahmen können demnach nach aktueller Einschätzung frühestens Mitte 2023 begonnen werden.“

In der benachbarten Gemeinde Winhöring plane das Wasserwirtschaftsamt ebenfalls an der Verbesserung des Hochwasserschutzes. „Die Entwurfsplanung für die Sanierung von zwei großen Sperren im Burgerbach wurde Anfang 2020 abgeschlossen. Das Planfeststellungsverfahren wurde Mitte 2020 eingeleitet und steht kurz vor dem Abschluss. Nach derzeitigem Kenntnisstand können die ersten baulichen Umsetzungen im Herbst 2021 aufgenommen werden.“ Neben den vom Freistaat Bayern geplanten Maßnahmen seien derzeit auch konkrete kommunale und vom Land geförderte Hochwasserschutzmaßnahmen in Planung, beispielsweise am Watzinger Bach in Winhöring beziehungsweise am Stadler Graben in Garching.

hs

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