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Der Streit um das Jodl-Grab

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Alfred Jodl wurde 1946 hingerichtet.

Sachbeschädigung – Ein Aktionskünstler landet vor Gericht

Der Termin nächste Woche könnte zwar mit einigen Kosten verbunden sein. Aber eigentlich ist er so recht nach dem Geschmack von Wolfram Kastner, seines Zeichens Aktionskünstler in München. Kastner also steht am Donnerstag vor dem Landgericht München, weil er sich ganz stur stellt. Er will partout nicht einsehen, warum er auf dem Grabdenkmal des Wehrmacht-Generals Alfred Jodl weder Schilder anbringen, Buchstaben ausbrechen oder den Stein mit Farbe anpinseln darf.

Das Grab befindet sich auf der Fraueninsel am Chiemsee. Doch halt – es ist gar kein Grabstein, sondern ein Grabkenotaph. So nennt man Ehrenzeichen für Tote. Jodl selbst liegt auf der Fraueninsel gar nicht begraben. Warum dann aber der Stein?

Es ist eine verwickelte Geschichte, die hier kurz erläutert werden muss. Alfred Jodl war seit 1939 Chef des Wehrmachtführungsstabes, er war beteiligt an allen maßgeblichen militärischen Planungen. Der berüchtigte Kommissarbefehl zur Liquidierung von Juden und Partisanen geht auch auf Jodl zurück. Am 1. Oktober 1946 wurde Jodl als Kriegsverbrecher hingerichtet, sein Leichnam eingeäschert und die Asche in einem Seitenarm der Isar verstreut. Auf der Fraueninsel sind indes die beiden Ehefrauen Jodls bestattet. Links und rechts von Jodls Denkmal sind ihre Grabsteine.

Als unsere Zeitung 2011 die Geschichte öffentlich machte, rief das auch den Architekten Georg Wieland auf den Plan. Er ist Insel-Bewohner und keinesfalls gewillt, die Sache einfach hinzunehmen. „Der Stein muss so schnell wie möglich weg“ – das war seine Devise. Untätig war Wieland nicht: Er reichte Petitionen an den Landtag und den Bundestag ein. Erfolg hatte das nicht, doch infolge des ausgelösten Schriftverkehrs besteht jetzt immerhin Klarheit über die Geschichte des Grabs. Der Friedhof gehörte nämlich bis 1959 zur Kirche – also war die Kirche die zuständige Instanz, die den Jodl-Gedenkstein bei der Erstaufstellung 1953 genehmigte. Seitdem wurde die Grabnutzung für die Familie immer wieder verlängert. Zuletzt offenbar 1998, denn damals starb Jodls zweite Ehefrau, eine Luise Katharina von Benda.

Wieland nimmt vor Ort eher eine Minderheitenposition ein. In mehreren Beschlüssen hat der Gemeinderat von Chiemsee Vorschläge abgelehnt, mit einer Hinweistafel doch wenigstens zu erläutern, wer Jodl war. Rechtlich dazu gezwungen werden könne die Gemeinde nicht, erklärte Innenstaatssekretär Gerhard Eck, der zur Petition Wielands 2014 Stellung bezog.

Im selben Jahr wurde die Causa Jodl von Wolfram Kastner entdeckt. Für die, die ihn nicht kennen: Der 69-Jährige ist Aktions- oder besser vielleicht Politkünstler, er „macht Kunst, die stört und sich einmischt“, wie er auf seiner Homepage erklärt. Vielen Leuten ist er ein Ärgernis – was Kastner wahrscheinlich eher freut. Seine Werke, sagt Kastner, eignen „sich nicht zur dekorativen Beschönigung von Rüstungs- und Automobilkonzernen oder Bankfoyers“. Die Methoden freilich sind grenzwertig: Zum Papstbesuch 2011 verkleidete sich Kastner als Hitler und schritt mit einem Schauspieler, der den Papst spielte, durchs Brandenburger Tor. Eine Hindenburg-Büste in Dietramszell montierte er ab und klebte ihr ein Hakenkreuz aufs Auge.

Rigoros verfuhr er beim Jodl-Denkmal. Mal schüttete er rote Farbe aus, mal installierte er ein Hinweisschild („Kriegsverbrecher“), mal entfernte er das J von der Inschrift, so dass nurmehr ein „odl“ stehen blieb. Und dergleichen mehr. Es half nichts: Stets wurde der Stein makellos wiederhergestellt. Mindestens einmal auch schritten braune Abgesandte von der NPD zur Tat. Kastner schließlich fing sich eine einstweilige Verfügung ein, die ein Neffe der verstorbenen Witwe von Benda erwirkt hat. Der Inhaber einer Event-Agentur in München will erreichen, dass sich Kastner nicht mehr dem Grab nähern darf. Er hat übrigens auch die NPD-Leute angezeigt. „Unser Mandant ist zu dem Grab gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, sagt sein Anwalt. Nach der Friedhofssatzung habe er das Grab ordentlich zu erhalten – durch Kastners Aktionen („das ist kein Aktionskünstler, sondern ein Straftäter“) seien Kosten in Höhe von 4000 Euro angefallen.

Kastner indes hat Einspruch eingelegt – daher der Prozesstermin am Donnerstag. Noch ein zweiter Prozess ist zu erwarten: vor dem Amtsgericht Rosenheim. Kastner sollte laut Strafbefehl 10 500 Euro wegen Diebstahls und zweifacher Sachbeschädigung bezahlen. Er sieht’s natürlich nicht ein und legte Widerspruch ein. Er selbst hat übrigens auch noch Anzeige erstattet: wegen Verharmlosung von NS-Verbrechen. Ganz schön viel Tamtam um einen alten Stein.

Dieser ist mittlerweile wieder einmal gereinigt und offenbar extra mit einer farbunempfindlichen Imprägnierschicht überzogen worden.

Wahrscheinlich sehnen viele auf der Insel den 25. Januar 2018 herbei – denn dann läuft das Grabnutzungsrecht 20 Jahre nach dem Tod von Jodls Witwe aus. Eigentlich. „Die Frage, ob die Grabnutzungsrechte verlängert werden, ist offen“, sagt der Anwalt des Eigentümers. Ist irgendwann endgültig Schluss mit der Jodl-Würdigung? Architekt Wieland sagt, das glaube er erst, wenn er es selbst sehe. dirk walter

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