Street Art gefördert, nicht verstanden

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Stadtrat bewilligt 80 000 Euro für internationale Künstler – der Unterschied zu herkömmlichen Graffiti scheint manchem unklar zu bleiben. München - München investiert in Street Art.

Der Kulturausschuss im Rathaus hat 80 000 Euro pro Jahr und eine halbe Stelle in der Verwaltung bewilligt, um die Kunst auf öffentlichen Wänden zu unterstützen. Die Debatte der Politiker zeigte allerdings auch, dass über das, was diese „Street Art“ eigentlich bedeuten soll, noch relative Ahnungslosigkeit herrscht.

Schon die drei Anträge der Grünen unter dem Titel „Street Art in München fördern“, die das Thema angestoßen hatten, stiften Verwirrung. Denn dort ist sowohl von „Street Art“ als auch von „Graffiti“ die Rede. Dabei meinen die Begriffe heute nicht mehr dasselbe: Street Art gilt als Kunst, die ein echtes sozialkritisches Anliegen transportiert, über eine starke Handschrift verfügt und beileibe nicht immer mit der Sprühdose geschaffen wird, sondern bisweilen sogar mit Skulpturen. „Street-Artists“ sind oft weltweit bekannte Künstler. Graffiti, wie man sie in München häufig sieht, sind zwar bisweilen hübsch, gehen aber über bloße Dekoration selten hinaus. Die Grünen hatten gefordert, mehr Wände für Sprayer zur Verfügung zu stellen, eine Art „Flächen-Pool“ zu schaffen, einen Ansprechpartner für die Szene einzusetzen und ein Street-Art-Festival auszurichten.

Das Kulturreferat stellte klar, dass das geforderte Maßnahmenpaket echter Street Art nicht ganz gerecht wird. Diese setze sich mit dem Raum und dem sozialen Umfeld auseinander, in dem sie entsteht, deswegen müssten die Künstler die Flächen zwingend mit auswählen können. Ein vorgegebener Pool sei da nicht zielführend – und wegen verschiedener Zuständigkeiten in der Verwaltung auch kaum realisierbar. Das Baureferat stelle Graffiti-Sprayern bereits 30 Unterführungen und Brückenpfeiler „zur Verschönerung“ zur Verfügung. Das Referat verlangt allerdings vorher Skizzen. Auf derlei Zensur lassen sich „Street Artists“ nicht ein. Auch ein Festival lehnten viele Vertreter des Genres ab, weil dabei „der künstlerische Anspruch und Aspekt“ verloren gehe.

Besser sei deswegen, man bemühe sich um einzelne Projekte mit internationalen Künstlern und versuche, die lokale Szene über Workshops einzubinden. Die 80 000 Euro sollen ausschließlich dafür ausgegeben werden. Auch könne man darüber nachdenken, Street-Art-Werke im Lenbachhaus oder der Villa Stuck zu präsentieren.

Grünen-Fraktionschef Florian Roth zeigte sich zufrieden, wollte die Idee mit dem Festival aber „weiter diskutieren“. Monika Renner (SPD) betonte, sie könne akzeptieren, dass die Stadt hier Geld ausgibt, „weil es sich um Kunst handelt, die sich im dekorativen Bereich befindet und kein Sozialprotest ist“ – dabei ist Street Art doch gerade auch das. Christa Stock (FDP) freute sich, dass so künftig auch Kindergärten verschönert werden könnten.

Sebastian Pohl vom Verein „Positive Propaganda“ holt seit einigen Jahren Street-Artists an die Isar, zuletzt den US-Amerikaner Mark Jenkins. Er begrüßte die einstimmige Ratsentscheidung. Allerdings betonte er, 80 000 Euro seien kein üppiger Betrag. Man müsse Flug und Hotel der Künstler zahlen, Versicherung, Hebebühne und vieles mehr. „Auch ein Gehalt“, betont er, denn Künstler dieses Kalibers müsse man ködern.

Wie weit die Bereitschaft der Stadt geht, sich das zu leisten, sieht man an Pohls aktuellem Projekt: Er will im Juni das Künstler-Duo „Cyrcle.“ aus Los Angeles nach München holen. Dafür plant er 60 000 Euro ein. Bemalen sollen „Cyrcle.“ drei Wände an der Bergmannstraße im Westend. „Die städtische Wohnbaugesellschaft GWG, der die Häuser gehören, hat sich sehr offen gezeigt“, sagt Pohl. „Finanziell beteiligen will sie sich nicht.“ Johannes Löhr

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