Strauß gegen die „politischen Pygmäen“

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Soeben ist die erste umfassende Biografie über Franz Josef Strauß erschienen. Wir drucken Auszüge. Heute Teil zwei: der polemische Strauß, der gegen Freund und Feind holzte.  dw

Vorabdruck: „franz josef Strauss. Herrscher und Rebell“ (Teil 2)

Soeben ist die erste umfassende Biografie über Franz Josef Strauß erschienen. Wir drucken Auszüge. Heute Teil zwei: der polemische Strauß, der gegen Freund und Feind holzte.  dw

von horst möller

Es begann mit einem Strauß-typischen Eklat und einer ebenso üblichen Indiskretion: In Sonthofen hielt er bei einer Klausur der CSU-Landesgruppe am 19. November 1974 eine eineinviertelstündige ebenso emotionale wie im Stil hemdsärmelige Rede darüber, wie die künftige Oppositionspolitik auszusehen habe. Einen ausformulierten Text hatte Strauß nicht, nicht einmal Stichworte, aber viel Material, wie er seinem Persönlichen Referenten Friedrich Voss vorher sagte. Wie ihm ein Mitarbeiter berichtete, habe Strauß eine „rhetorisch brillante Analyse der politischen Situation geliefert“, seine „kämpferische Rede habe die Mitglieder der Landesgruppe neu motiviert und als Gemeinschaft noch stärker zusammengeführt“. Strauß selbst war mit „der Resonanz auf seine Rede recht zufrieden“: Integration durch Konfrontation bildete stets eines seiner parteipolitischen Erfolgsrezepte. Es folgte, anders als in historischen Darstellungen zu lesen ist, eine intensive Diskussion. Doch führte das Protokoll nur die Wortmeldungen auf, nicht den Inhalt der Beiträge. Wie so oft klafften die interne und die externe Beurteilung auseinander. Zwar war die Rede nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, doch der auf Tonband aufgenommene Text wurde wie andere Reden der Tagung auch als Anlage dem Protokoll beigefügt und allen Mitgliedern der CSU-Landesgruppe ins Postfach gelegt, ohne dass man an besondere Vorkehrungen für die Geheimhaltung dachte. So ist es leicht erklärlich, dass der völlig unredigierte Text prompt beim Spiegel landete, der ihn dann allerdings relativ spät, am 10. März und am 24. März 1975, für zwei Anti-Strauß-Artikel nutzte. (...) Strauß hatte die Rede frei gehalten und offensichtlich improvisiert, er wechselte häufig die Themen, bescheinigte dem CDU-„Parteifreund“ Walther Leisler Kiep „dämliches Geschwätz“, mehreren CDU-Spitzenpolitikern wie Rainer Barzel „Gardinendiplomatie“, der CDU insgesamt eine Krankheit, die er schon seit acht Jahren kenne und die sich kundtue in „selbstmörderischen Äußerungen nur aus Gründen interner Feindseligkeit und interner Rivalität oder neidhammelhafter Haltung“. Die Unionsparteien insgesamt kritisierte er wegen ihrer „miserablen inneren Struktur“ und machte im Übrigen organisatorische Vorschläge, wie künftige dissonante Äußerungen ihrer Spitzenpolitiker vermieden werden könnten. Gegen die FDP fuhr er doppelt schweres Geschütz auf: „Die Charakterlosigkeit der FDP verbunden mit ihrem Selbsterhaltungstrieb ist eine der zuverlässig berechenbaren Komponenten.“ Doch ging er noch weiter und überschritt nun eindeutig die Grenze von der Polemik zur Diffamierung, wenn er die rhetorische Frage stellte, „wie viele Sympathisanten der Baader-Meinhof-Verbrecher in der SPD- und FDP-Fraktion in Bonn drinsitzen. Es ist ein ganzer Haufen …“ (...)

Die Reaktionen von Strauß hatten auch einen persönlichen Hintergrund. Der Terrorismus stellte eine unmittelbare Bedrohung an Leib und Leben für Spitzenpolitiker dar. Das galt in besonderem Maße für Franz Josef Strauß, der seit Langem eine bevorzugte Zielscheibe des linksintellektuellen Umfelds der Terroristen war. (...) Die Familie Strauß lebte mit dieser ständigen Unsicherheit, die drei Kinder mussten nicht nur mit Polizeibewachung zur Schule, sondern wurden zeitweilig regelrecht aus der Strauß-Wohnung „ausgelagert“ und bei Freunden untergebracht. Nach 1972 blieb die Wohnung unterhalb der im 14. Stock gelegenen Hochhauswohnung der Familie Strauß am Sendlinger Listseeweg aus Sicherheitsgründen frei, die Aufgänge im Treppenhaus wurden vergittert. Der Lift wurde zusätzlich gesichert, und auf dem Flur hielten Polizisten Wache. 1977 wurde festgestellt, dass die Terroristin Verena Becker – deren Beteiligung am Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 bis heute nicht wirklich geklärt ist – im gegenüberliegenden Hochhaus auf der gleichen Höhe eine konspirative Wohnung gemietet hatte. Die Familie Strauß musste daraufhin geradezu fluchtartig in das noch nicht ganz fertige Haus in der Hirsch-Gereuth-Straße umziehen, da ihre Hochhauswohnung kein Panzerglas hatte. Man hatte Aufzeichnungen von Becker über die Gewohnheiten von Strauß gefunden, der regelmäßig noch zum Kühlschrank ging, wenn er spät nach Hause kam. Offenbar planten die Terroristen, den CSU-Vorsitzenden von der gegenüberliegenden Wohnung aus zu erschießen. Jedenfalls waren im Höchstfall 16 Sicherheitskräfte pro Schicht rund um die Uhr im Einsatz, um die Familie Strauß zu schützen. Strauß selbst trug immer eine Pistole bei sich. (...)

Obwohl also die in diesem Zusammenhang gefallenen scharfen Äußerungen Reaktionen auf reale Probleme waren, handelte es sich doch insgesamt bei der Sonthofener Rede um eine der tatsächlich eher seltenen Strauß-Reden, in denen er in einzelnen Passagen wild um sich schlug und jedes Maß vermissen ließ. Diese Form der weit über das Ziel hinausschießenden Bierzeltrhetorik überdeckte den großen Redner Strauß und seine ganz außerordentlichen Kapazitäten als überzeugungsstarker Argumentierer mit weitem Blick und enormer Faktenkenntnis. (...)

Der Streit zwischen CSU und CDU brach voll aus, nachdem der Wahlerfolg von 1976 als Niederlage erschien und die Union von einer langen Dauer ihrer Oppositionsrolle ausgehen musste. Hier lag der rationale Beweggrund für die nun wenige Wochen nach der Wahl schlagartig revitalisierten Überlegungen zur bundesweiten Ausdehnung der CSU. Damit stellte sich zunächst die Frage: Sollte die CSU angesichts einer solchen Perspektive im neu gewählten Bundestag die seit 1949 bestehende, durch Franz Josef Strauß und Fritz Schäffer herbeigeführte Fraktionsgemeinschaft beider Parteien erneuern? Für die Mehrheit beider Unionsparteien galt das als Selbstverständlichkeit, nicht aber für die CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Friedrich Zimmermann, die eine neue parteipolitische Strategie suchten, um aus der Rolle der Daueropposition herauszukommen. Während Strauß bis dahin solche Vorstellungen zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht forciert hatte, packte ihn in der tiefen Frustration die Ungeduld, die sich schon in Sonthofen eruptiv Luft gemacht hatte – eine Ungeduld, in der er sich mehr als einmal verfing. Wenige Tage nach der Bundestagswahl vom 3. Oktober 1976 trat die Landesgruppe zusammen. Strauß stellte fest, es müssten für die Beratung in einer gemeinsamen Unionskommission zunächst Bedingungen für die Fortsetzung der Fraktionsgemeinschaft ausgehandelt werden, die „vierte Partei“ sei aber für diese Kommission kein Beratungsgegenstand. In der Sitzung vom 15. November übernahm er dann selbst den Vorsitz, Richard Stücklen schlug – offenbar nach Absprache mit Strauß – Friedrich Zimmermann für die Nachfolge im Vorsitz der CSU-Landesgruppe vor. Strauß hatte Stücklen in der Vergangenheit wohl für zu moderat gehalten und ihn auch in der Kanzlerkandidatendebatte nicht eindeutig auf der eigenen Linie gesehen. Zimmermann wurde mit 43 von 49 Stimmen gewählt. Die Bombe wurde dann auf einer Klausurtagung der CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth gezündet: Am 19. November 1976 entschied sie mit 30 gegen 18 Stimmen bei einer Enthaltung und einer ungültigen Stimme, die Fraktionsgemeinschaft der CSU mit der CDU im Bundestag nicht fortzusetzen. (...)

Wurde der Trennungsbeschluss von Franz Josef Strauß selbst inszeniert? Bisher bevorzugte er gegenüber der Schwesterpartei eher die Strategie des kalkulierten Konflikts innerhalb des gemeinsamen Lagers, sein Donnergrollen verzog sich nach dem Gewitter normalerweise ziemlich schnell. Wollte er nun mit der zusätzlichen Speerspitze Zimmermann die Stellung der CSU innerhalb der Union oder gegen die CDU stärken? Am ersten Tag der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth am 18. November 1976 fragte der Abgeordnete Franz Handlos (der später aus der CSU austrat und zu den Begründern der Republikaner gehörte) wie schon bei mehreren früheren Sitzungen vor der Bundestagswahl erneut nach der Gründung einer „vierten Partei“. Franz Josef Strauß habe sich, wie Richard Stücklen berichtet, zunächst in dieser Frage nicht weiter engagiert. Bei der Fortsetzung der Sitzung am nächsten Tag stellte Richard Stücklen, der sich bis dahin weder dafür noch dagegen ausgesprochen hatte, die Frage: Würde die Partei einen solchen Trennungsbeschluss verkraften? Strauß gab sie – offenbar nach vorheriger Absprache – an den als Gast anwesenden und vorher eingeweihten Generalsekretär Gerold Tandler weiter. Er kannte die CSU wie seine Westentasche und genoss insbesondere nach der Organisation des erfolgreichen Landtagswahlkampfs von 1974 erhebliches Ansehen in seiner Partei. Nach übereinstimmender Schilderung Zimmermanns, Stücklens und Althammers antwortete Tandler: „Gar kein Problem.“ Gerold Tandler selbst betont jedoch, er habe hinzugefügt, „wenn eine solche Entscheidung in der Partei richtig vermittelt wird“. (...)

Helmut Kohl reagierte entsprechend frostig. Er hielt den Trennungsbeschluss nicht allein für einen schweren politischen Fehler, sondern fühlte sich auch persönlich sehr verletzt. Kohls Ankündigung, sein Amt als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz aufzugeben, war unter der Voraussetzung erfolgt, Vorsitzender der gesamten Unionsfraktion im Bundestag zu werden und nicht nur einer CDU-Fraktion. Nun aber würde er den Weg nach Bonn unter falschen Voraussetzungen gehen müssen, da ein Rückzug nicht mehr möglich war. Also nahm Kohl den Kampf auf, und wie sich schnell zeigen sollte, mobilisierte er die stärkeren Bataillone. Strauß wehte nun nicht allein der Bonner Wind kräftig ins Gesicht, sondern auch der innerparteilich-bayerische. Insbesondere die CSU-Mandatsträger in Gemeinden, Landkreisen, Bezirken und im Landtag gingen öffentlich gegen den Trennungsbeschluss von Kreuth in die Offensive. Vor allem in Schwaben und Mittelfranken war die Gefahr für die CSU groß, dass sich nennenswerte Teile im Fall einer Etablierung der CDU in Bayern von der CSU trennen würden. Lang gediente und verdienstvolle CSU-Funktionsträger ließen den Parteivorsitzenden wissen, sie seien wie vom Blitz getroffen. (...)

Nicht nur Strauß selbst, auch Generalsekretär Tandler hatte die Stimmung in der CSU falsch eingeschätzt. Und einmal mehr zeigte sich: Die CSU war alles andere als eine Gefolgschaftspartei, die ihrem Vorsitzenden, so sehr er sonst auch bewundert wurde, blindlings folgte. Dieser selbstbewusste Charakter der CSU manifestierte sich vehement auf der in München stattfindenden Konferenz aller CSU-Kreisvorsitzenden, bei denen es sich überwiegend um Landtagsabgeordnete handelte: Der Trennungsbeschluss von Wildbad Kreuth überlebte diese Konferenz nicht. (...)

In diesen die CSU aufwühlenden Tagen geriet der CSU-Vorsitzende Strauß also gleich von mehreren Seiten unter starken Druck – nicht wie gewohnt durch Spiegel und Stern, sondern aus der eigenen und der Schwesterpartei. Die Frustration, die gewonnene Wahl nicht in die Regierungsführung ummünzen zu können, längerfristige Querelen über den angemessenen Stil und Inhalt der Opposition, Dissens mit dem CDU-Vorsitzenden über die richtige Strategie, vor allem gegenüber der FDP, sicher auch die Rivalität gegenüber diesem aus der rheinland-pfälzischen Landespolitik schnell aufgestiegenen viel jüngeren Vorsitzendenkollegen – all dies provozierte Franz Josef Strauß zu einer seiner ausfallendsten Reden, buchstäblich eine Hinterzimmerrede, der berüchtigten Rede im Lokal „Wienerwald“ seines Freundes Friedrich Jahn, dem „Hendl-König“. Der von seinem Sohn Franz Georg begleitete Strauß sprach vor einigen Dutzend Angehörigen der Jungen Union, die in mehreren Bezirken den Proteststurm initiiert hatten, wieder einmal frei und redete sich den gesammelten Frust von der Seele. Doch traf sein verbaler Rundumschlag dieses Mal kaum den politischen Gegner, sondern die „Parteifreunde“ von CDU und CSU, natürlich vor allem die Gegner des Trennungsbeschlusses in der CSU-Landesgruppe wie Richard Jaeger, allen voran jedoch Helmut Kohl. Da wollten CSU-Kreisvorsitzende ihn, Strauß, darüber belehren, dass man einen Parteitag benötige, um über die Fraktionsgemeinschaft zu entscheiden! Lächerlich, hatte er doch selbst die Fraktionsgemeinschaft vor 27 Jahren mit Fritz Schäffer vorgeschlagen und durchgesetzt – und zwar ohne Parteitagsbeschluss! (...) Der sozialpolitische Arbeitskreis von „Tipfelhuberhausen“ wolle beurteilen, ob es richtig sei, was die Landesgruppe entscheide: „Lernen’S doch endlich mal wieder die Kleiderordnung zu erkennen, Größenordnungen zu unterscheiden.“ Und die anwesenden Mitglieder der Jungen Union, die wohl zur innerparteilichen Opposition gehörten!? Die lagen schließlich noch in den Windeln, als er, Strauß, schon große Politik machte. Strauß, der im Vorjahr als erster deutscher Politiker überhaupt, einer von drei Europäern, in Peking vom „Großen Vorsitzenden“ Mao Tse-tung empfangen worden war – vor jedem deutschen Bundeskanzler, vor Helmut Schmidt! Strauß, der auch als „einfacher“ Abgeordneter weltweit von jedem Staatsmann der Welt empfangen wurde, beginnend mit dem jeweiligen amerikanischen Präsidenten – der sollte sich jetzt rechtfertigen vor den Hinterzimmer-Politikern, vor diesen „politischen Pygmäen“ in der CDU, diesen „Reclamausgaben von Politikern“, zu denen er der Klarheit halber auch gleich etliche CSU-Parteifreunde zählte. (...) Und was glaubt denn der Kohl? Dass er sich mit Genscher einigen könne? Da würde er, Strauß, sich schneller mit Helmut Schmidt verständigen – mit dem würde er überhaupt ganz schnell einig! Dieser politische Weg, auf ein Einlenken der FDP zu hoffen, überhaupt auf Verständigung mit der Regierung zu setzen, nicht aber auf Kampf, sei ein Irrweg: Der Kohl würde nie Kanzler, der könnte mit 90 seine Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat. Dem fehlten doch alle Voraussetzungen! Wo war denn die Empörung der jungen Leute der CSU, als Biedenkopf im Alleingang Kohl als Kanzlerkandidat der Union ausgerufen habe: „Hat denn die CSU und haben denn ihre jungen Leute jeden Mumm verloren? Kriechen sie denn nur noch hinter der CDU drein?“ In diesem Stil ging die Schimpfkanonade weiter, die alles andere als eine Rede war. (...) Es gehört zu den schwer lösbaren Rätseln, warum der überragend gebildete Strauß, der weitblickende rationale Stratege und scharfsinnige Analytiker so aus der Rolle fiel. So viele Gründe man auch für seine Frustration anführen kann, so überstrapaziert er nach einem Jahr zermürbenden Wahlkampfs auch war, so recht überzeugen sie alle nicht: Die Lust an der Provokation allein kann es nicht gewesen sein, die bayerische Neigung zur derben Unterhaltsamkeit, zum „Derblecken“, reicht kaum als Erklärung. Die den Bayern zugeschriebene, zuweilen anarchische Neigung vielleicht, oder etwa der Alkohol? Unter den weit über Tausend Reden von Franz Josef Strauß ist jedenfalls kaum eine dieser Art, selbst die Sonthofener Rede ist nur begrenzt vergleichbar, enthält sie doch längere sachbezogene bzw. argumentative Abschnitte. Unleugbar also: Auch diese irrationale Facette gehörte zur Persönlichkeit von Franz Josef Strauß – „ein Mensch mit seinem Widerspruch“.

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