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Ein strahlendes Zeichen gegen den Hass

Eine Serie ausländerfeindlicher Ausschreitungen sorgt Anfang der 90er-Jahre für Schrecken in Deutschland. Vier Freunde lehnen sich auf und wollen mit einem stillen Protest in München ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen. Sie mobilisieren 400 000 Menschen – die Geburtsstunde der Lichterkette.

Lichterkette vor 25 Jahren

VON Aleksandra Bakmaz

Die Bilder gingen um die Welt: 400 000 Menschen stehen am 6. Dezember 1992 mit Kerzen, Laternen und Fackeln Seite an Seite auf den Straßen rund um die Münchner Innenstadt und protestieren. Prominente wie Senta Berger neben Klosterschwestern, Rentner neben Studenten, Kinder mit ihren Eltern. Ihr Ziel: ein Zeichen gegen Ausländerhass.

Es ist die Zeit der Balkankriege, Hunderttausende Menschen fliehen aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. Asylunterkünfte werden angezündet, Menschen sterben. Im September 1991 sorgen im sächsischen Hoyerswerda rassistische Übergriffe auf ehemalige DDR-Vertragsarbeiter und eine Flüchtlingsunterkunft für Schrecken. Rechte Randalierer belagern die Häuser, es fliegen Steine und Brandsätze, Einwohner kommen zum Zuschauen. Sie applaudieren, „Ausländer raus“-Rufe ertönen. Die Polizei hat die Lage nicht im Griff, nach sieben Tagen verlassen Arbeiter und Flüchtlinge unter dem Jubel von Rechten in Bussen die Stadt.

Bundesweit Schlagzeiten machen auch Krawalle in Rostock-Lichtenhagen (Mecklenburg-Vorpommern). Rechte belagern im August 1992 tagelang ein Asylbewerberheim. Wenig später werfen Neonazis im schleswig-holsteinischen Mölln Molotowcocktails auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser, drei Menschen sterben.

„Es war ein Klima der offenen Ressentiments gegen Ausländer“, beschreibt Peter Probst die Lage. Er ist Vorstand im Verein Lichterkette, der aus der Protestaktion in München erwuchs und in dem sich Menschen ehrenamtlich bis heute für ein friedliches Miteinander einsetzen. Als Mitorganisator stand Probst selbst an jenem Abend vor 25 Jahren auf der Straße. Die Idee für die Protestaktion sei aber von vier Freunden gekommen – darunter Giovanni di Lorenzo, heute Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, und der Filmproduzent und Vorstand der Babelsberg-Studios, Christoph Fisser. Nach dem Schneeballsystem seien dann immer mehr Freunde an Bord geholt worden. Leute aus der Filmbranche, Journalisten, Künstler und immer mehr ganz normale Bürger. Alle habe eines geeint: „Wir waren immer verzweifelter, wir wollten nicht in einem Land leben, in dem es permanente Angriffe auf Ausländer gibt.“

Zwei, drei Monate habe die Vorbereitung gedauert. Mit 100 000 Menschen hätten die Initiatoren damals gerechnet, was die Stadt schon als unrealistisch belächelt habe, sagt Probst. Die weitaus größere Teilnehmerzahl sei überwältigend gewesen, „ein großes Wunder“, findet Probst. Die vielen Menschen hätten den Verkehr der Stadt für Stunden lahmgelegt. „Es war ein stiller Protest, ohne Ausschreitungen. Da sind Menschen auf die Straße gegangen, die davor und auch danach nie auf einer Demonstration waren.“ Bewusst habe man sich danach gegen eine Wiederholung entschieden. „Wir können uns bis heute nicht erklären, was da genau passiert ist.“

Dank der großen Beteiligung sei die Aktion international wahrgenommen worden – Auftakt für ähnliche Aktionen im ganzen Land. „Deutschland bekannte sich damit zu einem klaren Nein gegen Ausländerfeindlichkeit“, ist sich Probst sicher. Die Lage habe sich nach der medienwirksamen Protestaktion wieder etwas entspannt.

Heute nimmt die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten wieder zu. Im vergangenen Jahr zählte das Bundesamt für Verfassungsschutz 1600 solcher Delikte. Vor der Flüchtlingskrise im Jahr 2013 war es mit rund 800 nur die Hälfte. Im Vergleich zu Anfang der Neunzigerjahre würden heute mehr Menschen ihre Haltung in den sozialen Netzwerken, aber auch mit vielen Initiativen kundtun, sagt Probst. Die hauptsächlich durch Spenden finanzierte Lichterkette setzt heute mehr auf Taten als auf Zeichen.

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