BAYERN & SEINE GESCHICHTEN

Strahlende Forschung

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Ministerpräsident Wilhelm Hoegner mit dem ersten (nur schwach radioaktiven) Brennstab. Er wurde damals aus den USA geliefert.                                                                                                                        Foto: Archiv

Das Atom-Ei wird 60 – Gefeiert wurde damals mit „Vorfluterbrühe“

Der älteste „Patient“ war eine römische Gottheit. Die bronzene Merkur-Figur aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus stammte aus einer Ausgrabung aus dem unterfränkischen Landkreis Miltenberg und landete 2009 im Forschungsreaktor Garching. Sie wurde dort mittels Neutronen-Tomografie untersucht. Die Forscher fanden heraus: Merkur ist hohl und seine Beine wurden nachträglich angesetzt – Indizien für eine antike Massenproduktion.

Der Forschungsreaktor FRM II in Garching wird von der Technischen Universität München (TUM) betrieben und dient als Neutronenquelle. Hier wird Grundlagenforschung betrieben. Der knapp 435 Millionen Euro teure FRM II war im Juni 2004 eröffnet worden und ersetzte den FRM I. Benannt nach seiner 30 Meter hohen Kuppel war das Atom-Ei am 31. Oktober 1957 als erster Atomreaktor der Bundesrepublik Deutschland in Betrieb gegangen. Der Physiker Heinz Maier-Leibnitz hatte den Bau angeregt und wurde erster wissenschaftlicher Leiter; nach ihm ist auch der FRM II benannt. „Am Atom-Ei sind die Grundlagen dafür gelegt worden, dass Europa bei der Forschung mit Neutronen heute führend ist“, sagt Prof. Winfried Petry, wissenschaftlicher Direktor des FRM II. Garching sei eine der wichtigsten Neutronenquellen in Europa.

Das Atom-Ei, heute unter Denkmalschutz, prägte Garching. Zum Richtfest im Januar 1957 wurde den Ehrengästen, darunter Bayerns damaliger Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD), ein Atom-Menü serviert: eine „Vorfluterbrühe mit Kerneinlage“ (Leberknödelsuppe), „Neutronenschlegel“ (Kalbfleisch) mit Rahmsoße, ein Stück „Fettisotop“ (Nachspeise) und „radioaktives Kühlwasser“ (Bier) gegen den Durst.

Der neue Reaktor war nicht zuletzt umstritten, weil er mit hoch angereichertem Uran betrieben wird. Gegner kritisieren, es handele sich um atomwaffentaugliches Material. Petry sagt hingegen: „Wir setzen hoch angereichertes Uran ein, das aber eben nicht atomwaffenfähig ist. In der Form, in der es bei uns vorkommt, ist eine solche Anwendung ausgeschlossen.“ Die Neutronenquelle dient zum Großteil der Grundlagenforschung. Physiker kamen hier einer neuen Form magnetischer Ordnung auf die Spur. Sie biete bei der Datenverarbeitung Chancen zu einer noch dichteren Informationsspeicherung. „Wir machen Grundlagenforschung mit großer Nähe zur Anwendung“, sagt Petry. Etwa ein Drittel der Kapazität des FRM II wird von Medizin und Industrie genutzt. Die Analysemöglichkeiten kommen in Luft- und Raumfahrt, Umwelttechnik, Chemie oder wie im Fall des römischen Merkurs in Archäologie oder Kunstgeschichte zum Einsatz. Mit Neutronen lassen sich Materialien besser durchleuchten als mit Röntgenstrahlen. Automobilhersteller prüfen hier Motoren. Batterien werden getestet. „Wir machen die Chemie der Batterien im Betrieb sichtbar. Das ist der Schlüssel zur ihrer Verbesserung“, sagt Petry. Der FRM II betreibt auch die weltweit stärkste Positronenquelle. Positronen – Antiteilchen von Elektronen – werden direkt aus der Gammastrahlung der Neutronenquelle erzeugt und für Grundlagenexperimente sowie in der Materialforschung eingesetzt. „Wir spielen Einstein. Aus Energie, aus Gammastrahlung, machen wir Materie und Antimaterie: Elektronen und Positronen“, sagt Petry.

Laut TUM ist das Reaktorgebäude wie kaum ein anderes gegen Blitzschlag, Hochwasser, Erdbeben und Explosionen gesichert. Er sei der einzige Forschungsreaktor weltweit, der mit seiner 1,80 Meter dicken Stahlbetonhaut auch Flugzeugabstürze abfangen könne – eine Auflage wegen des nahen Flughafens.

Nach ursprünglichen Auflagen des Bundesumweltministeriums sollte der Reaktor bis 2010 auf weniger angereichertes Uran umgerüstet werden. Doch dann wurde die Verwendung um acht Jahre verlängert – da laut TUM kein alternativer Brennstoff vorlag. Benno Zierer von den Freien Wählern im Landtag vermutet, die Anlage werde wohl auch nach 2018 mit hoch angereichertem Uran betrieben. „Die Bevölkerung ist von Anfang an für dumm verkauft worden.“ Wissenschaftler Petry hingegen versichert, man arbeite hart am Umstieg. sabine dobel

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