Mit Stopselhut über den Schliersee

Die Schlierseer Trachtler putzen sich am Sonntag besonders raus. Dann feiern sie ihren „Alt-Schlierseer-Kirchtag“. Der findet zum 30. Mal statt – ein kleines Jubiläum. Seinen Ursprung hat das Spektakel aber viel früher: im 18. Jahrhundert.

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Die Schlierseer Trachtler putzen sich am Sonntag besonders raus. Dann feiern sie ihren „Alt-Schlierseer-Kirchtag“. Der findet zum 30. Mal statt – ein kleines Jubiläum. Seinen Ursprung hat das Spektakel aber viel früher: im 18. Jahrhundert.

von maria martin

Schliersee – Offiziell heißt er Alt-Schlierseer-Kirchtag. Andere sagen „kloane Kirta“. An jedem ersten Sonntag im August feiern die Mitglieder des Schlierseer Trachtenvereins diesen Tag mit einer Fahrt über den See und einem festlichen Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Sixtus, dem Kirchenpatron der Pfarrkirche in Schliersee (Kreis Miesbach). Am kommenden Sonntag gibt’s ein kleines Jubiläum. Dann findet die „kloane Kirta“ zum 30. Mal statt.

„Wir machen keinen Kitsch und keinen Kommerz“, sagt die Vorsitzende der Alt-Schlierseer Trachtengruppe, Monika Altmann. „Brauchtum ist wertvoll. Wir wollen es für die nächste Generation bewahren.“

Die Fahrt über den See mit den traditionellen Booten aus Lärchenholz, den so genannten Plätten, hat ihren Ursprung im 18. Jahrhundert. Das belegen alte Stiche. Befestigte Uferwege gab es damals nicht. Und so war eine Querung über das Wasser der kürzeste Weg für die Bevölkerung aus Fischhausen, am Kirchtag in Schliersee teilnehmen zu können.

Mit Blumen und Girlanden geschmückt, werden die Boote am Sonntag zum Einsteigen bereitstehen. Dank der hochgezogenen Spitze, die eine Plätte so unverwechselbar macht, können sie weit ans Ufer gezogen werden, so dass die Mitfahrer trockenen Fußes ein- und aussteigen können. Deren Festkleidung, Frack, Dirndl und Mieder, ist jedes Jahr wieder herrlich anzuschauen. Besonders schön glitzern die „Kronen“-Gebilde, die das Haar der jungen Mädchen zieren.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Festkleidung in Schliersee getragen, weiß Altmann. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Vergessenheit geraten, wurde sie anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Marktgemeinde Schliersee im Jahr 1979 von den Heimat- und Trachtenfreunden wieder zum Leben erweckt. Der Genre-Maler Lorenzo Quaglio (1793 bis 1869) hat die historischen Trachten aus den vergangenen Jahrhunderten im Bild festgehalten. So konnte ihre ursprünglichen Form nachgeschneidert werden. „Mit sehr viel Liebe zu stilvollem Detail“, ergänzt Monika Altmann. Zu sehen ist das etwa am traditionellen „Stopselhut“ mit einem „Wachel“ aus Blumen und Vogelfedern.

Von kräftigen Männerarmen werden die Boote ins Wasser geschoben, erfahrene Ruderer steuern die Plätten über den See. Ähnlich den Gondoliere in Venedig stehen sie am hinteren Ende des Bootes und bewegen die Ruder in der Form eines Achters. Gut eine Stunde dauert die Überfahrt. Blasmusik und Böllerschüsse empfingen die „Fischhausener“ im vergangenen Jahr auf dem Steg am Kurhaus in Schliersee. Heuer wird es genauso sein. Dass die Männer, die aus den Booten steigen, barfuß sind, darf nicht wundern. Die „Loferl“, also Strümpfe, reichen nur bis zum Knöchel. „Da konnten die Fischer früher schneller ins Wasser“, sagt Altmann. Schuhe zog man nur zur Kirche an.

Dort führt der Weg der Trachtler auch am Sonntag hin. In einem langen Festzug marschieren die Trachtler zur Sankt Sixtuskirche. Bischof Otto von Freising hat hier im Jahre 1141 ein Kloster gegründet. 1493 wurde daraus ein Kollegiatsstift. Und heute gilt die Kirche nach umfassender Renovierung als eine der schönsten Oberbayerns.

Nach dem Festgottesdienst marschieren die Trachtengruppen zum Bauerntheater „Terofal“, jener Laienbühne, die, 1892 gegründet, einen Ehrenplatz in der deutschen Theatergeschichte einnimmt. Stürmisch gefeiert wurden die Auftritte der Terofal-Schauspieler sogar in der Metropolitan Opera in New York, wohin eine Wintertournee 1895/96 geführt hatte.

Noch etwas wird sein wie in jedem Jahr: Bis in den Abend hinein essen und tanzen die Festgäste gemeinsam. „Wir möchten unsere Traditionen bewahren“, sagt Altmann, „so dass sich die nachfolgenden Generationen daran erfreuen können.“

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