Die Stimme der Schwächsten

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50 000 Schicksale – Claus Fussek bekommt täglich dutzende Hilferufe aus ganz Deutschland. Foto: marcus schlaf

Claus Fussek kämpft seit vier Jahrzehnten für ein Thema, bei dem es eigentlich keine Gegner geben dürfte: für menschenwürdige Pflege. Heute wird Deutschlands bekanntester Pflegekritiker 65. An Ruhestand, sagt er, ist nicht zu denken. Denn sein Ziel hat er noch lange nicht erreicht.

Claus Fussek wird 65

Von Katrin Woitsch

München – Dutzende Briefe jeden Tag. Manche sind am Computer geschrieben, manche mit der Hand. Alle aus Verzweiflung. Aber Claus Fussek spricht nicht von Briefen, erst recht nicht von Fällen. Für ihn sind es Schicksale, die er seit 40 Jahren aus Umschlägen zieht. „Hätte ich als junger Mann geahnt, welche Dimension dieser Kampf annimmt, hätte ich einen vhs-Kurs zum Thema Organisation belegt“, sagt er und schmunzelt.

Sein Büro im Münchner Glockenbachviertel reicht eigentlich schon lange nicht mehr aus, um die vielen Hilferufe aus ganz Deutschland zu ordnen. Die wandhohen Regale sind voll mit bunten Ordnern. 50 000 Schicksale. Auf dem Fensterbrett türmen sich weitere Mappen. Auf seinem Schreibtisch hat Fussek zwischen Briefen und Heftern gerade noch Platz für seine Kaffeetasse mit dem Logo seines Lieblingsvereins, dem TSV 1860 München. Er hat sein eigenes System entwickelt, findet sofort, wonach er sucht. Und die Geschichten, die ihm besonders nah gegangen sind, trägt er sowieso mit sich herum. Er kann sie nicht vergessen.

Zum Beispiel war da dieser 94-Jährige, der ihm aus einem Münchner Pflegeheim schrieb. 1998 war das. Ein Jahr, nachdem er einen großen Pflegeskandal öffentlich gemacht hatte und weit über Bayern hinaus bekannt wurde. Fussek besuchte den Mann damals. Noch heute kommen ihm die Tränen, wenn er von der Begegnung berichtet. „Es stank unglaublich in dem Zimmer“, erzählt er. Das Essenstablett für den Mann war auf der Toilette abgestellt. „Er sagte mir damals, er wünschte, er wäre dement und würde das alles nicht mehr mitkriegen“, erzählt Fussek. Dann zog er seinen Ärmel hoch, auf seinem Arm war eine KZ-Häftlingsnummer eintätowiert. „Ich dachte, ich hätte das Schlimmste in meinem Leben hinter mir“, sagte er. Es war eine der wenigen Situationen in Claus Fusseks Leben, in der ihm die Worte fehlten.

Begegnungen wie diese treiben ihn an. Ihretwegen stellt er sich die Frage nicht, ob er jetzt, mit 65, ein klein wenig kürzer treten könnte. Nicht, so lange er E-Mails bekommt, in denen Angehörige ihn fragen, wie oft ihre Väter oder Mütter in Pflegeheimen auf die Toilette müssen dürfen. „Ich kann mich an diese Geschichten nicht gewöhnen“, sagt er. Und: „Ich kann die Hoffnungen, die die Menschen in mich setzen, nicht enttäuschen.“ Der Kampf, den Claus Fussek für ein menschenwürdigeres Pflegesystem führt, ist alternativlos. Er hat sein Leben geprägt.

„Jeder hat seine Lebensaufgabe“, sagt er. Seine hat er sich nicht gesucht. Es scheint viel mehr so, als ob sie ihn gesucht hätte. Als junger Mann spielte Fussek mehr mit dem Gedanken, Priester zu werden, als sich mit dem Altwerden zu befassen. Er studierte Sozialpädagogik. Sein Schlüsselerlebnis hatte er während eines Praktikums bei einer Initiative, die sich um kriegsverletzte Kinder kümmerte. Durch die Arbeit mit Menschen mit Behinderung merkte er, dass es viele schlechte Heime gibt. Seitdem ist er die Stimme der Schwächsten – und eine Art Seelsorger für deren Angehörige.

Die 40 Jahre des Kämpfens sind an Claus Fussek nicht spurlos vorbeigegangen. „Ich bin deutlicher geworden. Aber auch verzweifelter.“ Manchmal könne er seine eigenen Argumente nicht mehr hören, sagt er. Dann denkt er an seinen Freund, den verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Er hatte Fussek immer ermutigt, weiterzumachen. Fussek hat ein Bild von ihm neben seinen Schreibtisch gehängt. Es gibt ihm die Kraft, die er täglich braucht.

Die Vision des 65-Jährigen ist noch dieselbe wie 1978, als er den Beratungs- und Vermittlungsdienst „Vereinigung Integrationsförderung“ mitgründete: „Die guten Pflegekräfte müssten sich verbünden. Sie müssten den Mut haben, nicht mehr über die Zustände in vielen Heimen zu schweigen.“ Doch diesem Ziel ist er in den vergangenen Jahrzehnten kein Stück näher gekommen, sagt er. „Manchmal glaube ich, eher steigt Sechzig in die erste Liga auf, bevor sich in der Pflege etwas ändert.“

Fast jeden Abend geht Claus Fussek joggen. Um den Kopf freizukriegen. Aber zu Hause beantwortet er noch bis spät in die Nacht E-Mails. Meistens verfolgen ihn die Geschichten, die er gelesen hat, bis in den Schlaf. Claus Fussek ist ein Mann, der viel zu sagen hat und es auch tut. Schonungslos. Und immer wieder, wenn es nötig ist. Aber eine Frage gibt es, die er nur mit einem schlichten, aber klaren „Ja“ beantwortet. Die Frage, ob er Angst davor hat, alt zu werden.

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