Mit Hut und Stenz um die Welt

  • schließen
  • Weitere
    schließen
Auf Wanderschaft: Zimmermannsgeselle Raphael Kliem (rechts) arbeitet gerade in Bamberg an der Sanierung des Baudenkmals Riegelhof mit. Er ist seit einem halben Jahr auf der Walz. Foto: Armer/Dpa

Jahrelang unterwegs – um zu arbeiten. Wanderjahre der Handwerksgesellen sind mit Strapazen verbunden und sorgen für reichlich Lebenserfahrung. Der alte Brauch lebt nun wieder auf.

Die Tradition der Wandergesellen

Wonsees – Raphael Kliem hat schon hinter Mülltonnen geschlafen und reist meist per Anhalter. Er ist Wandergeselle. Seit vergangenem August ist der 19-Jährige auf der Walz. So heißen die Wanderjahre der Handwerksgesellen. Kliem hat eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht und ist gleich danach losgezogen – mit fünf Euro in der Tasche. „Ich wollte was erleben und ungebunden sein“, sagt er. Sein „Export“, ein erfahrener Wandergeselle, hat ihn von Zuh ause abgeholt. Zur Initiation hat er Kliem einen Zimmermannsnagel durchs Ohrläppchen geschlagen für den Ohrring, den die Wandergesellen bereits seit Jahrhunderten tragen.

Ursprünglich kommt Raphael Kliem aus Hessen. Im vergangenen halben Jahr hat er in Zimmermannsbetrieben in Sachsen-Anhalt und im Schweizer Kanton Graubünden gearbeitet. Derzeit ist er bei der Zimmerei und Dachdeckerfirma Donath im oberfränkischen Wonsees im Landkreis Kulmbach beschäftigt.

Er hilft bei den Sanierungen der Wallfahrtskirche St. Salvator in Hollfeld und des Baudenkmals Riegelhof in Bamberg. Auf den Baustellen der Firma Donath sieht man häufiger Arbeiter in Wanderkluft. Bereits seit ihrer Gründung 1993 stellt die Firma gerne Wandergesellen ein. Dieses Jahr sind es sechs, so viele wie noch nie.

Anja Soppa, eine der beiden Geschäftsführer der Firma Donath, sagt: „Die Wandertradition belebt das Handwerk.“ Die Wandergesellen seien höflich, fleißig, sympathisch, offen und zuverlässig. Übernachten dürfen sie in Soppas Wohnhaus. Zu Abend gegessen wird oft gemeinsam mit der Familie.

Die Walz folgt ihren ganz eigenen Traditionen, sie hat auch ihr eigenes Vokabular. Kliem gehört zu den Rolandbrüdern. In Deutschland gibt es insgesamt sieben solcher Handwerkervereinigungen, nur zwei davon nehmen Frauen auf. Sie veranstalten regelmäßige Treffen, bei denen Kliem zufolge „geheime Sachen“ besprochen werden. Mitnehmen auf seiner Walz durfte Kliem nur so viel, wie in seinen Charlottenburger passt. So heißt das Reisebündel der Wandergesellen. Erlaubt sind ein paar Kleidungsstücke, Schlafsack und kleinere Utensilien. Neben dem Wanderstock, Stenz genannt, gehören Hut und Zimmermannskluft zwingend dazu. Ein Smartphone ist streng verboten.

Bei seinem Auszug musste Kliem über das Ortsschild klettern. An seinen Heimatort darf er drei Jahre lang nicht zurückkehren. Tut er es doch, wird ihm seine „Ehrbarkeit“ abgenommen. So heißt das blaue Band der Rolandbrüder, das wie ein Schlips an Kliems Kragen hängt. Es ist ein Symbol für Zuverlässigkeit, Vertrauen und Beständigkeit – eines der wichtigsten Kleidungsstücke für die Wandergesellen. Sie legen es nie ab.

Die Gesellenwanderschaft und die damit verbundenen Bräuche gehen teilweise bis auf das Hochmittelalter zurück. Im Jahr 2014 wurde die Walz in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Seit den 1980er-Jahren hat die Zahl der Wandergesellen deutlich zugenommen. „Im Moment sind es etwa 500 bis 600 aus verschiedenen Handwerksberufen“, sagt Norbert Hauer, der Vorsitzende der Rolandbrüder. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

Einem Sprecher des Landesinnungsverbands des Bayerischen Zimmererhandwerks zufolge sind die Wanderjahre heute aus professioneller Sicht unnötig. „Zur Zeit der Zünfte war das Pflicht. Wenn jemand Meister werden wollte, musste er auf Wanderschaft gehen, um seinen fachlichen Horizont zu erweitern.“ Das Reisen werde heute ersetzt durch einen hohen Ausbildungsstandard sowie zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten durch Fachmedien und Tagungen. „Die Walz dient heute hauptsächlich der Persönlichkeitsbildung“, betont der Sprecher.

Für den Wandergesellen Kliem fängt das Abenteuer gerade erst an. Zweieinhalb Jahre hat er noch vor sich. Er träumt vom Ausland, von Kanada im Winter, von Afrika, Australien und Neuseeland. „Ich habe mir vorgenommen, die ganze Welt zu sehen“, sagt er. Einfach wird es nicht, denn bereits in den Niederlanden kennen die Menschen die Walz nicht. Von da an wird es schwieriger, Mitfahrgelegenheiten und Arbeit zu finden. Doch Kliem ist zuversichtlich. Er sagt: „Handwerker aus Deutschland haben weltweit einen guten Ruf.“ Und nun arbeitet er erst einmal in Oberfranken.  lby

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare