Tod im Spaßbad – Prozess eingestellt

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Ein zehnjähriger Bub ertrinkt nach minutenlangem Überlebenskampf mitten in einem belebten Hallenbad. Niemand bemerkt das Drama. Während die Justiz versucht, die Schuldfrage zu klären, betont der Verband der Schwimmmeister: Permanente Kontrollgänge der Bademeister sind unverzichtbar.

zehnJähriger ertrinkt mitten unter den Badegästen

von Tanja Brinkmann und Josef Ametsbichler

Oberammergau/Garmisch-Partenkirchen – Es sollte der spontane Ausklang eines gemeinsamen Sommerausflugs werden. Doch der Besuch im Erlebnisbad „Wellenberg“ in Oberammergau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) gerät für eine Fußball-Nachwuchsmannschaft aus Langeringen (Kreis Augsburg) zum Drama: Kurz vor 17 Uhr an dem Julisamstag 2016 zieht eine Schwimmerin einen Zehnjährigen aus der Gruppe leblos aus dem Wasser. Zwei Tage später stirbt der Bub im Krankenhaus.

Dem Unglück folgte nun die juristische Aufarbeitung. Denn den Tod des Buben begleiten Umstände, die die Frage nach der Verantwortung aufwerfen: Die Aufnahmen der Überwachungskameras des Bades zeigen, wie das Kind, das nur schlecht schwimmen konnte, nur gut einen Meter vom Beckenrand entfernt fünf Minuten lang ums Überleben kämpft. Unbemerkt von Gästen, Betreuern und der Badeaufsicht. Immer wieder stößt sich der Viertklässler im tiefen Wasser mit den Füßen vom Beckenboden ab, schnappt nach Luft, geht wieder unter. Als ihn die Kräfte verlassen, sinkt er wie ein Stein zum Beckenboden. Dort liegt er acht Minuten lang. Erst dann bemerkt ein anderes Kind den leblosen Körper und alarmiert seine Mutter, die ihn aus dem Wasser zieht. Die Reanimierungsversuche der Bademeister kommen zu spät.

Wegen fahrlässiger Tötung standen die beiden Bademeister, die an dem Tag im „Wellenberg“ im Dienst waren, vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen. Der Vorwurf: Sie seien ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen. Doch der Richter stellte den Prozess gestern wegen geringer Schuld gegen eine Zahlung von 3000 beziehungsweise 2400 Euro ein. Den Bademeistern (42 und 58) sei nicht mehr vorzuwerfen als den drei Betreuern des Fußballvereins, die im Außenbereich des Bades waren, als das Unglück in der Halle passierte. Das Verfahren gegen zwei von ihnen hatte der Richter bereits nach dem ersten Verhandlungstag Anfang August gegen eine Geldauflage von 1500 Euro eingestellt. Nur ein Betreuer, dem der Bub vor einer Rafting-Tour am selben Tag unter Tränen gestanden hatte, dass er nur schlecht schwimmen könne, musste 3000 Euro Auflage bezahlen.

Die Entscheidungen fielen wohl auch deshalb so milde aus, weil die Notsituation des Viertklässlers auf den Überwachungsmonitoren und selbst aus der Nähe schwer zu erkennen war. „So einen Todeskampf kann man fast nicht vom Spielen unterscheiden“, erklärt Robert Kratzenberg, Verbandschef der bayerischen Schwimmmeister. Manchmal verrate nur die Mimik des Badenden, ob es um Spaß oder das Überleben gehe. Ihn überrascht es deshalb nicht, dass von den über 600 Gästen, die zu der Zeit in dem Erlebnisbad waren, keiner rechtzeitig auf die Not des Buben aufmerksam wurde.

Dennoch ist Kratzenberg überzeugt, dass bereits bei der Organisation der Badeaufsicht Defizite vorlagen. Eine Dienstanweisung, die permanente Kontrollgänge der Bademeister an den Becken vorgibt, lag nur mündlich vor. Während des Unglücks befanden sich beide Bademeister wegen anderer Vorfälle in der verglasten Aufseherkabine mit den Überwachungsmonitoren. Dabei müsse, so Kratzenberg, jedes Becken alle drei bis vier Minuten aus der Nähe beobachtet werden, um bei Ertrinkenden rechtzeitig eingreifen zu können. Zwei Bademeister seien zu wenig für das 40 000 Quadratmeter große Areal mit acht Wasserflächen.

Der Betreiber, die Gemeinde Oberammergau, hat bereits reagiert. Inzwischen sind drei Bademeister, zu Stoßzeiten sogar vier, im „Wellenberg“ im Einsatz. Eine schriftliche Dienstanweisung für sie ist laut Bürgermeister in Arbeit. Der Betriebsleiter des Bades hat kürzlich wegen der großen Verantwortungslast gekündigt. Weder gegen ihn noch gegen die Gemeinde laufen strafrechtliche Ermittlungen. Die Mutter des gestorbenen Buben denkt nun offenbar über eine Zivilklage nach.

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