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Sozialpädagogen dringend gesucht

Allein dieses Jahr werden rund 3000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland ankommen. Die meisten sind schwer traumatisiert, sie müssten intensiv betreut werden.

Doch die Flüchtlingszahlen sind zu rasant gestiegen. Es fehlt an allem: an Sozialpädagogen, an Dolmetschern, an Unterkünften.

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Allein dieses Jahr werden rund 3000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland ankommen. Die meisten sind schwer traumatisiert, sie müssten intensiv betreut werden. Doch die Flüchtlingszahlen sind zu rasant gestiegen. Es fehlt an allem: an Sozialpädagogen, an Dolmetschern, an Unterkünften.

Von Katrin Woitsch

München – Als Erjon (Name geändert) in dem Land ankommt, in dem seine Träume spielen, ist von ihnen nichts mehr übrig geblieben. Alles, was er nicht in seiner Heimat Sierra Leone zurückgelassen hat, ist auf den 5000 Kilometern nach Deutschland verloren gegangen. Seine Hoffnung. Sein Selbstvertrauen. Seine Zuversicht. Erjon ist 17. Er hat seine Familie verlassen, um Profi-Fußballer zu werden. In Sierra Leone hat ihm ein Mann gesagt, das wäre in Deutschland einfach – so wie er Fußball spiele. Er würde so viel Geld verdienen, dass seine Familie in Westafrika nicht mehr in Hunger und Armut leben müsse. Er wäre berühmt und ein Held.

Dieser Mann brachte Hoffnung, als die Familie gerade alle Hoffnung verloren hatte. Als Erjon jede Nacht mit Alpträumen aufwachte. Erst wenige Wochen zuvor musste er mit ansehen, wie sein Vater ermordet wurde. Er musste hilflos daneben stehen. Diese Chance, Profi-Fußballer zu werden, war für Erjon eine Chance, etwas wieder gut zu machen. Für seine Familie zu sorgen. Das, so fand er, war er seinem Vater schuldig.

Dieser zielstrebige, ehrgeizige 17-Jährige ist nie in Deutschland angekommen. Es war ein anderer Erjon, der in München einen Asylantrag stellte. Ein schwer traumatisierter und depressiver Jugendlicher. Erjon ist Opfer von Menschenhändlern geworden. Er wurde auf dem Weg nach Deutschland missbraucht und misshandelt. Er hat es noch nicht geschafft, die ganze Geschichte zu erzählen. Christina Heydenreich, die die Münchner Wohngruppe betreut, in der Erjon seit März lebt, kennt nur wenige Details. Sie reichen, um zu wissen, dass Erjon Furchtbares erlebt hat.

Erjon ist einer von hunderten jugendlichen Flüchtlingen, die ohne ihre Familien nach Deutschland geflüchtet sind und traumatisiert hier ankommen. Allein im September haben 665 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bayern einen Asylantrag gestellt – das waren in einem Monat 200 mehr als im gesamten Vorjahr. Es fehlen Unterkünfte – und es fehlen Betreuer. Die meisten Wohngruppen sind voll, die Wartelisten sind lang. Die Jugendämter sind für die dezentrale Unterbringung der minderjährigen Flüchtlinge zuständig. Aber sie kommen nicht hinterher.

Anfang des Jahres wurden in ganz Bayern Inobhutnahmeeinrichtungen für jugendliche Flüchtlinge geplant. 75 Plätze in München, 50 in Nürnberg, 25 in Augsburg, je 25 in Niederbayern und der Oberpfalz. Diese Plätze reichen nicht annähernd aus. Noch immer sind in zwei Gebäuden der Münchner Bayernkaserne jugendliche Flüchtlinge untergebracht. „Es ist unser großes Ziel, dass sie nicht in die Erstaufnahmeeinrichtungen müssen“, sagt Birke Siebenbürger von Münchner Beratungszentrum Refugio.

Aber es gibt viel zu wenige Clearinghäuser, in denen die Flüchtlinge erst einmal unterkommen können, wenn sie von der Polizei in Bayern aufgegriffen werden. Und es gibt zu wenig Sozialpädagogen, die sie hier betreuen können. „Wir bräuchten dringend Verstärkung“, sagt Christiane Heydenreich. „Der Markt ist seit einigen Monaten vollkommen leergefegt. Es sind zu viele Aufgaben für zu wenige Sozialpädagogen.“

Das Betreuungssystem für unbegleitete Minderjährige ist nicht für diesen enormen Flüchtlingszustrom gemacht. Es wären mehr Unterkünfte nötig, in denen Jugendliche in kleinen Wohngruppen zusammenleben können. Es wären viel mehr Dolmetscher nötig, um den Jugendlichen in den ersten Monaten zu helfen. Und es wären viel mehr Therapeuten nötig, die mit ihnen ihre traumatischen Erlebnisse aufarbeiten. Refugio nimmt in München zweimal jährlich Anmeldungen für therapeutische Hilfe entgegen. Im Oktober waren es 95 Anmeldungen. „Wir konnten nur die 40 dringendsten Fälle annehmen“, sagt Birke Siebenbürger.

In einem halben Jahr wird die Situation vielleicht noch dramatischer sein. Therapien brauchen Zeit. Und es braucht Zeit, eine fremde Sprache zu lernen, einen Schulabschluss zu machen und eine Ausbildungsstelle zu finden. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen dahin zu bringen, dass sie auf eigenen Füßen stehen können“, sagt Betreuerin Christina Heydenreich. So motiviert die jugendlichen Flüchtlinge auch sind, die meisten von ihnen brauchen mindestens zwei Jahre in den betreuten Wohngruppen, bevor sie ihr neues Leben in Deutschland beginnen können.

Erjon lebt seit März in Heydenreichs Wohngruppe. Er spricht inzwischen ein wenig Deutsch, hat sich mit seinem Zimmernachbarn angefreundet, er hat sogar wieder begonnen, Fußball zu spielen. In einem Münchner Verein. Von einer Profi-Karriere träumt er nicht mehr. Ab und zu kann er mit seiner Mutter telefonieren. Monatelang hat er immer einfach aufgelegt, wenn sie ihn am Telefon nach seiner Fußballkarriere fragte. Er hat sich geschämt, hatte das Gefühl, seine Familie im Stich gelassen zu haben.

Neulich hat er es geschafft, seiner Mutter zu sagen, dass er kein Profi-Fußballer werden wird. Stattdessen will er einen Schulabschluss machen und dann eine Ausbildung. Es ist ein neuer Traum, den er versucht zu träumen. Aber ein realistischer.

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