„In Sozialeinrichtungen blüht das Mobbing“

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Experten-Interview Seit 20 Jahren: Otto Berg berät ehrenamtlich Menschen, die im Job von ihren Chefs und den Kollegen schikaniert werden

München – Ausgegrenzt, fertiggemacht, entlassen: Mobbing im Job trifft immer mehr Menschen. Vor kurzem erst hat unsere Zeitung über ein Opfer berichtet. „Kaum war der Artikel erschienen, schon klingelte bei uns das Telefon Sturm – sogar eine Frau aus Barcelona rief an“, erzählt Otto Berg, Initiator der „Mobbing-Beratung“ in München. Die Initiative wird heuer 20 Jahre alt. Was sich seither verändert hat? „Das Mobbing wird immer brutaler.“

-Herr Berg, was ist heute anders als früher?

Früher haben vor allem die Kollegen gemobbt: Haben sich einen Außenseiter gesucht – einen, der eigenbrötlerisch ist, nie auf ein Bier mitgeht – und den haben sie schikaniert. Heute sind es vor allem die Chefs, die ihre Mitarbeiter massiv unter Druck setzen. So sehr, dass die oft psychisch krank werden.

-Ob Kollegen oder Chefs: Es fühlt sich immer furchtbar an, als Versager abgestempelt zu werden.

Stimmt. Aber wenn die Kollegen einem das Leben schwermachen, kann der Chef vermittelnd eingreifen. Wenn er aber selbst der Haupt-Intrigant ist, dann weiß der Arbeitnehmer oft nicht, an wen er sich in seiner Not wenden soll.

-Woran liegt es, dass die Chefs so viel mobben?

Es gibt typische Strukturen: Der alte Chef geht, der neue – junge – Chef kommt. Er will beweisen, dass er es drauf hat, dass er den Laden wieder auf Kurs bringt. Viele der neuen Vorgesetzten kommen ihrer Fürsorgepflicht nicht nach ...

-Und mobben die alten Mitarbeiter raus?

Genau. Angeblich sind sie zu teuer. Oder zu langsam. Oder zu unflexibel. Oder, oder, oder. Der Kreativität sind da leider keine Grenzen gesetzt.

-Wo ist es am allerschlimmsten?

Im öffentlichen Dienst – und in Sozialeinrichtungen. Da blüht das Mobbing! Die versuchen die Leute möglichst billig loszuwerden. Die Methoden sind hanebüchen. Verleumdung oder Rufmord sind noch das geringste Übel.

-Und in den großen Firmen läuft es gut?

Ich würde sagen: Besser als im öffentlichen Dienst oder bei Sozialeinrichtungen. In vielen Unternehmen werden Führungskräfte auf ihre neuen Aufgaben vernünftig vorbereitet – in Kursen oder Schulungen. Das kostet Geld. Aber am Ende zahlt es sich aus.

-Was raten Sie Opfern von Mobbing?

Führt ein Mobbing-Tagebuch, in dem Ihr alles dokumentiert – mit Tag und Uhrzeit. Droht Eurem Arbeitgeber nicht gleich mit dem Anwalt, sucht erst das Gespräch. Zur Not mit dem Chef vom Chef!

-Und wenn das alles nichts bringt?

Dann geht man den juristischen Weg. Ich habe das selbst erlebt. Ich war jahrelang bei einer Bausparkasse in leitender Position tätig. Dann bekam ich eine Augenkrankheit, musste oft ins Krankenhaus, 34 Operationen. Irgendwann wurde ich beurlaubt und später entlassen. Ein jüngerer Kollege stand schon in den Startlöchern. Vor Gericht bekam ich Recht. Und entschied mich für eine Abfindung – nicht mehr für den alten Job.

Interview: Barbara Nazarewska

Die Mobbing-Beratung

erreichen Sie dienstags, 15 bis 18 Uhr, und donnerstags, 9 bis 12 Uhr unter der Nummer: (089) 60 60 00 70.

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