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Impftempo sinkt, neue Corona-Variante im Kommen

Sorgen wegen Delta: „Gibt böses Erwachen“ - aber „schöne Preise für Impfbereite“ sollen helfen

  • Markus Zwigl
    VonMarkus Zwigl
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Die besonders ansteckende Delta-Variante des Coronavirus breitet sich immer weiter aus, und zugleich sinkt das Impftempo deutlich: Auch wenn die Lage insgesamt noch entspannt ist, sind Experten und Fachpolitiker deshalb besorgt. Immer mehr fordern nun „kreativere Impfangebote“.

Es ist eingetreten, was Expertinnen und Experten befürchtet hatten: Während der Anteil der ansteckenderen Delta-Variante wächst, hat sich der Sinkflug der Corona-Zahlen abgebremst. Erstmals seit Anfang Juni steigt die Sieben-Tage-Inzidenz wieder - wenn auch nur gering. Auch der R-Wert liegt den zweiten Tag in Folge über 1 (Stand 8. Juli 0 Uhr) - so hoch lag er mehr als zwei Monate lang nicht mehr.

Auch wenn es sich bei den gemeldeten Werten um gewöhnliche Schwankungen handeln könnte oder um den bei niedriger Inzidenz stärkeren Einfluss einzelner, größerer Ausbrüche: Eine genauere Betrachtung der Entwicklung der Delta-Fälle deutet durchaus darauf hin, dass die Zahlen nun tatsächlich weiter steigen werden. Das war unter anderem in Großbritannien im Mai beobachtet worden. „Man kann jetzt schon den Schluss ziehen, dass diese Variante dazu beiträgt, dass sich wieder mehr Menschen anstecken. Denn es ist für das Virus ein Leichtes, von einer Person zur nächsten zu springen“, erklärte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk.

Experten fürchten Trendumkehr

Viele Fachleute befürchten mit zunehmender Delta-Verbreitung trotz steigender Impfquoten eine Trendumkehr. Dabei sinkt das Impftempo in Deutschland aktuell deutlich. Politiker und Experten fordern deshalb, man müsse neue, attraktive Anreize setzen.

„Da ist etwas mehr Kreativität bei den lokalen Behörden gefragt“, sagte Susanne Johna, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Menschen müssten direkt angesprochen werden und „nicht warten, bis sie ins Impfzentrum oder zum Hausarzt kommen.“ Die Barrieren seien noch zu groß. „Entscheidend ist doch, dass wir nun auch all diejenigen erreichen, die bisher - aus welchen Gründen auch immer - noch zögern oder überzeugt werden wollen.“

Fahrrad, Fremdsprachenkurs: Verlosung unter Impfbereiten

Saar-Ministerpräsident Tobias Hans sprach sich für zusätzliche Anreize aus. „Man könnte an eine Verlosung denken, bei der unter den Impfbereiten beispielsweise ein Fahrrad, ein Fremdsprachenkurs oder ein anderer schöner Preis ausgegeben wird“, sagte der CDU-Politiker. Mobile Impfteams und Sonderaktionen seien gerade in sozialen Brennpunkten nötig.

In den vergangenen zwei Wochen ist die Zahl der Impfungen pro Tag in Deutschland laut RKI deutlich zurückgegangen. So seien in der vergangenen Woche bis einschließlich Sonntag durchschnittlich 710.100 Dosen pro Tag verabreicht worden, heißt es im RKI-Situationsbericht vom Mittwochabend. In der Vorwoche seien es 800.500 Dosen pro Tag gewesen. In der Woche davor waren es im Schnitt mehr als 820.000 Dosen pro Tag.

Die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides rief zur Beschleunigung der Impfkampagnen auf. Die EU werde zwar ihr Ziel erreichen, bis Ende Juli genug Impfstoffe für 70 Prozent der Erwachsenen zu haben. Doch weil Virusvarianten „die Übertragbarkeit erhöht“ hätten, brauche man „mehr als 70 Prozent, um sicher zu sein“

RKI: Hohe Impfquote könnte vierte Welle verhindern

Nach RKI-Berechnungen sollten mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren vollständig geimpft sein. „Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte vierte Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich“, heißt es in einem RKI-Papier vom Montag. Dennoch müsse sich die Bevölkerung weiter an die grundlegenden Hygienemaßnahmen halten. Möglicherweise sei es auch notwendig, bei ansteigenden Infektionszahlen Kontakte “zu einem gewissen Grad“ zu reduzieren, heißt es in der RKI-Analyse.

Das RKI betonte: „Die Ergebnisse zeigen, dass unter den getroffenen Annahmen, insbesondere einer zunehmenden Dominanz der Delta­Variante, die Impfkampagne mit hoher Intensität weitergeführt werden sollte.“ Bislang hatte RKI-Chef Lothar Wieler davon gesprochen, dass - ausgehend von der bisher vorherrschenden Alpha-Variante - mindestens 80 Prozent der Bevölkerung durch Impfung oder durchgemachte Infektion immun sein sollten, um schwere Verläufe und Todesfälle zum großen Teil zu verhindern.

Inzwischen haben dem Bundesgesundheitsministerium zufolge über 47 Millionen Menschen oder 57,6 Prozent der gesamten Bevölkerung mindestens eine erste Impfung erhalten. Vollständig mit der meist nötigen zweiten Spritze geimpft sind 33,9 Millionen Bürger oder 40,8 Prozent aller Einwohner.

Delta-Anteil dominiert nun auch in Deutschland

Die Sorge ist vor allem deshalb groß, weil die zuerst in Indien aufgetretene Delta-Variante sich rasant ausbreitet. Sie dominiere mittlerweile mit einem Anteil von über 60 Prozent. Es wird aber nur ein Teil der positiven Corona-Proben auf Varianten hin untersucht. Hinzu kommt das Risiko einer Untererfassung der Fälle: Mehr als 40 Prozent aller Infizierten wissen nach einer Studie der Universitätsmedizin Mainz nichts von ihrer Ansteckung.

“Wenn wir jetzt klug sind, sollten wir nicht wieder denken: Das wird schon von alleine“, mahnte Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. „Denn das hatten wir schon mal.“ Man sehe jetzt Menschengruppen, die feierten ohne Schutz, ob beim Fußball oder privat. „Das ist aber einfach keine gute Idee mit dieser Variante. Noch können wir es bei den geringen Inzidenzen durch milde Maßnahmen schaffen. Wenn wir nichts tun, geht uns das Ding durch die Decke. Also muss man sagen: Leute, handelt jetzt. Verhaltet euch so schlau wie möglich.“ Die Delta-Variante sei wahrscheinlich nicht weniger krankmachend.

Wegen Delta: Lockdown in Australien

„Man darf diesem Virus einfach keine Sekunde über den Weg trauen und es für harmloser halten als die Alpha-Variante. Sonst gibt es möglicherweise ein böses Erwachen.“ In Australien habe es gereicht, dass ein Mitglied einer Flugzeug-Crew in einer Shoppingmall ohne Maskenpflicht an anderen vorbeigegangen sei. In Metropole Sydney heißt es deshalb seit 26. Juni wieder: Verlassen Sie Ihr Haus nicht. Und auch in Tokio wurde wieder der Notstand ausgerufen.

Saar-Ministerpräsident Tobias Hans zeigte sich unterdessen überzeugt, dass die Schutzmaßnahmen nur so lange aufrechterhalten werden könnten, wie sie dazu dienten, eine Überforderung des Gesundheitssystems zu verhindern. „Wenn wir allen ein Impfangebot gemacht haben, die Impfung wirksam ist gegen die vorherrschenden Virusvarianten und die Belegungszahlen in den Krankenhäusern auf niedrigem Niveau verharren, müssen wir unsere Corona-Maßnahmen schrittweise zurücknehmen.“ Alles andere wäre nach seiner Überzeugung verfassungsrechtlich nicht haltbar.

Helfen Impfstoffe gegen Delta überhaupt?

Wissenschaftler gehen allerdings davon aus, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die Weitergabe des Virus mit der Zeit und insbesondere bei der Delta-Variante nachlässt. Wiederum sehen deutsche Experten aber auch die Bekanntgabe des Gesundheitsministeriums im Impf-Vorzeigeland Israel mit Vorsicht, dass die Wirksamkeit der Pfizer/Biontech-Impfung bei der Verhinderung einer Infektion auf 64 Prozent gesunken sei.

In Deutschland selbst gibt es noch wenig Erfahrung damit, was die Delta-Variante für Krankenhäuser bedeuten könnte. „Wir haben noch nicht genügend Daten, um wirklich klar zu sagen, wie gefährlich oder ungefährlich (...) sie ist“, hatte RKI-Chef Lothar Wieler kürzlich gesagt - und von ersten Hinweisen auf eine höhere Rate von Krankenhausbehandlungen gesprochen als bei der bislang dominierenden Alpha-Variante. Nach RKI-Angaben trifft Delta bislang eher Menschen unter 60. Ihr Risiko für schwere Verläufe gilt als deutlich geringer verglichen mit Hochaltrigen.

Rubriklistenbild: © pixabay

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