Skispringer Markus Eisenbichler ohne Druck vor der Heim-WM: „Alles, was kommt, ist Zugabe“

Fokussiert auf das Ziel: Markus Eisenbichler hat bei der Heim-Weltmeisterschaft in Oberstdorf gleich drei Titel zu verteidigen.
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Fokussiert auf das Ziel: Markus Eisenbichler hat bei der Heim-Weltmeisterschaft in Oberstdorf gleich drei Titel zu verteidigen.
  • Thomas Neumeier
    vonThomas Neumeier
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Als vierfacher Weltmeister im Skispringen ist Markus Eisenbichler natürlich eines der großen Aushängeschilder der Bundespolizeisportschule in Bad Endorf. Aber nicht nur aufgrund seiner sportlichen Leistungen in den vergangenen Jahren findet der 29-Jährige Beachtung.

Bad Endorf/Rosenheim– Der Siegsdorfer Skispringer Markus Eisenbichler ist nicht nur wegen seiner großartigen sportlichen Erfolge eines der großen Aushängeschilder der Bundespolizeisportschule in Bad Endorf. Eisenbichler ist heimatverbunden und bodenständig, aber auch meinungsstark und ein kritischer Geist. Dazu ist der Chiemgauer – er gehört dem TSV Siegsdorf an – eine Kämpfernatur: 2012 nach einem Unfall an der Schanze nahe am Karriereende, sprang der „Eisei“ in den letzten Jahren zu Bestleistungen und in die Weltspitze. „Ich habe so viele Tiefschläge einstecken müssen. Aber wenn man der richtige Typ ist, kommt man da stärker raus“, beschrieb er seinen Werdegang. Im exklusiven Gespräch mit der OVB-Sportredaktion spricht Eisenbichler über die ersten Sprünge in der Vorbereitung, die Heim-WM und seine Trainings- und Berufsmöglichkeiten bei der Bundespolizei.

Der erste Lehrgang ist absolviert – Ihr Eindruck?

Markus Eisenbichler: Wir waren in Oberhof, natürlich auch unter speziellen Bedingungen im Hotel. Jeder hatte ein Einzelzimmer.

Nix war‘s also mit dem Erfolgszimmer Geiger/Eisenbichler?

Eisenbichler: Nein, das ist nicht gegangen. Man konnte sich aber dennoch gut austauschen, in der Lobby mal ratschen. Es ist halt nicht so wie normal, aber es geht auch. Und im Vordergrund steht ja sowieso das Training. Wir haben die ersten Sprünge gemacht und es ist ganz gut gelaufen.

Markus Eisenbichler und Karl Geiger: Gold und Silber bei der WM 2019

Sie sind zufrieden?

Eisenbichler: Ja, ich bin zufrieden. Ich bin gut reingekommen und habe die Form, die ich zum Schluss des Winters hatte, gut rübertransportieren können. Das freut mich, weil ich jetzt ein ganz gutes Grundkonzept habe und damit gut weiter arbeiten kann.

Wie war denn der erste Schanzenkontakt?

Eisenbichler: Ganz ehrlich: Ich war schon ein bisserl nervös. Man nimmt sich ja vor, erst einmal einen sicheren Sprung zu machen und auszutesten, wie es geht. Immerhin sind wir doch drei Monate lang nicht mehr gesprungen. Das ist für uns eine lange Zeit, ansonsten sind es immer nur eineinhalb Monate Pause. Der erste Sprung war nicht so gut, das ist aber meistens so. Dann legt sich die Nervosität und man freut sich auf jeden einzelnen Sprung.

Ein Schritt, der sich gelohnt hat: Markus Eisenbichler in Trainingsklamotten vor dem Dienstwagen.

Karl Geiger hat während der Corona-Pause in der Garage trainiert. Wie war‘s denn bei Ihnen?

Eisenbichler: Bei mir war es ähnlich. Von meiner Bundespolizeisportschule in Bad Endorf konnte ich mir ein paar Gewichte ausleihen und habe daheim auf dem Hof viel trainiert. Weil das Wetter schön war, habe ich auch anderen Sport machen können. Ich bin viel Rad gefahren, konnte Klettern und Berggehen. Außer, dass ich nicht in meine normale Trainingsstätte nach Bad Endorf konnte, habe ich ganz normal trainieren können. Zeitweise war es auch ganz schön, weil alles ein bisschen entschleunigt war. Drei Monate am Stück war ich eigentlich noch nie daheim.

Mittlerweile können Sie wieder in Bad Endorf trainieren. Wie wichtig ist das für Sie?

Eisenbichler: Sehr wichtig, weil ich dort quasi mein eigenes und sehr gutes Bundespolizei-Skisprung-Trainerteam mit Christian Heim und „Jacky“ Wucher habe, die sich rund um die Uhr um mich kümmern können. Wir haben auch an der Sportschule eine eigene Physiotherapie dort, wenn ich irgendwelche Wehwehchen habe, dazu noch die ärztliche Abteilung, wenn mir etwas fehlt. Die Trainingsbedingungen sind optimal und professionell. Es ist qualitativ besser, viel angenehmer und macht einfach Spaß.

In einem Interview bei den Kollegen vom Traunsteiner Tagblatt haben Sie erwähnt, dass Sie letzten Sommer zu viel gemacht hätten. Wie legen Sie die Vorbereitung diesmal an?

Eisenbichler: Die drei Monate habe ich jetzt schon genutzt, um hart und körperlich gut zu trainieren, damit ich die Substanz habe. Im Sommer werde ich aber schauen, dass ich nicht immer „mehr, mehr, mehr“ mache. Ich will qualitativ hochwertiger trainieren und etwas mehr Entspannungszeit einbauen, damit mir das nicht auf den Kopf fällt und mir dann zum Herbst hin das Gas ausgeht. Da braucht man einen guten Plan, und der wird jetzt ausgearbeitet.

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Arbeiten Sie eigentlich mit einem Mentaltrainer?

Eisenbichler: Nein, ich bin auch nicht so der Typ dafür. Einmal pro Woche mache ich eine Yoga-Stunde und schaue, dass ich da besser in meinen Körper reinfühle. Das funktioniert ganz gut. Und wenn ich dann doch mal Stress habe oder mich irgendwelche Probleme fuchsen, dann gehe ich zu „Jacky“ und „Heimi“ (die beiden Bundespolizei-Trainer Wucher und Heim, d. Red.), bei denen bin ich top aufgehoben.

Genauer Blick: Markus Eisenbichler gespannt vor einem Sprung.

Wie wichtig ist der Kopf beim Skispringen?

Eisenbichler: Leider ziemlich wichtig. Umso weniger Gedanken man verschwendet, umso besser läuft es. Wenn man das rübertransportieren kann, was man im Hallentraining, im Kraftraum und auf der Schanze gemacht hat und nicht lange nachdenken muss, dann läuft es eigentlich am besten. Wenn man aber zuviel eingreifen will, dann ist das eher Figurenturnen – und das funktioniert halt beim Skispringen nicht.

Als Weltmeister in den Winter gegangen, zum Auftakt Letzter und dann mühsam herangekämpft bis auf Rang zwei in Lillehammer. Beim Blick auf die letzte Saison war der Kopf aber schon sehr gefordert, oder?

Eisenbichler: Ja, natürlich. Ich hatte mir das sicher anders vorgestellt. Wenn man ein bisserl leer in die Saison reingeht, dann macht man Fehler und handelt sich dadurch Verletzungen ein, die einen auch wieder zurückwerfen. Das war einfach ein Strudel, der ins Negative gegangen ist. Ich habe versucht, mich wieder raus zu kämpfen. Die Tournee war eh noch okay. Zum Höhepunkt, der Skiflug-WM, war ich eigentlich wieder gut in Form. Das wäre mein persönliches Highlight gewesen. Die ist aber dann ausgefallen.

Markus Eisenbichler springt deutschen Skiflug-Rekord

Bei der Heim-WM in Oberstdorf haben Sie einige WM-Titel zu verteidigen. Wie gehen Sie dieses Ziel an?

Eigentlich ganz entspannt. Ich habe schon fünf WM-Medaillen, die kann mir keiner mehr nehmen. Wenn noch welche dazukommen, dann wäre ich natürlich glücklich darüber. Dass die WM in Oberstdorf ist, spielt mir schon in die Karten: Vor heimischem Publikum ist es doppelt schön, dazu kenne ich die Schanze in- und auswendig – und die liegt mir ziemlich gut. Deswegen freue ich mich darauf, dass ich in meiner Karriere auch eine Heim-WM erleben darf, und verspüre überhaupt keinen Druck. Alles, was kommt, ist Zugabe!

Bei der WM liegt der Fokus auf Ihnen. Wie können Sie sich bei so einem Event mal ablenken?

Eisenbichler: Wir gehen das ganz entspannt an, als ob es ein normaler Weltcup wäre. Wir hocken uns abends zusammen, ratschen einfach ein bisschen oder schafkopfen. Wir machen das, was wir immer machen und denken nicht darüber nach, dass das jetzt eine WM oder Olympia ist. Denn wenn man unbedingt was drauflegen mag, dann geht das meistens in die Hosen.

Da hilft Ihnen auch Ihre Bodenständigkeit!

Eisenbichler: Ja, natürlich. Es ist mir auch sehr wichtig, dass man das beibehält. Aber das ist bei uns im gesamten Team so. Da meint keiner, dass er der Ober-Brutale ist. Wir verstehen uns untereinander ganz gut.

Es sei denn, einer zieht die anderen beim Schafkopfen so richtig ab...

Eisenbichler: (lacht) Richtig, ja. Meistens macht das der Karl!

Geiger, Wellinger, Eisenbichler: Drei potenzielle Siegspringer

Wie gut tut es in so einer Situation, dass es mit Karl Geiger, Andi Wellinger und Ihnen gleich drei potenzielle Siegspringer im Team gibt?

Eisenbichler: Das ist für uns extrem angenehm, weil nicht der ganze Druck auf einen lastet. Wenn einer mal ein bisschen schwächelt, dann ist ein anderer da. Das hat uns die letzten Jahre auch ausgemacht, als Severin Freund ausgefallen ist. Dann haben der Andi und ich die Fahne hochgehalten. Das haben wir die letzten Jahre über ganz gut gemacht und sind im Winter dafür belohnt worden mit dem Gesamtsieg in der Teamwertung. Das ist für unsere Trainer und alle die mithelfen, die Physiotherapeuten oder die Anzugschneiderin, extrem wichtig, dass wir ein starkes, stabiles Team sind.

Mittlerweile kann der vierfache Weltmeister wieder in Bad Endorf trainieren. Hier wird Eisenbichler von Bundespolizei-Trainer Jacky Wucher beäugt.

Wie schafft man es, über die Jahre hinweg gierig auf Titel zu sein?

Eisenbichler: Das liegt einfach im Sportler-Sein. Wenn man Leistungssportler ist, dann will man immer gewinnen oder sein Bestes geben. Wenn man das nicht hat, dann wird man nie erfolgreich werden. Mit einer Larifari-Einstellung kommt man nicht nach oben.

Mit Pius Paschke und Constantin Schmid stehen auch zwei Inngauer im Team. Wie sehen Sie die Entwicklung der beiden?

Medaillensammler: Mit Karl Geiger ist Eisenbichler bei Wettbewerben im Zimmer.

Eisenbichler: Extrem gut. Der Constantin hat letztes Jahr seinen ersten Podestplatz gehabt, was in so einem jungen Alter extrem gut ist. Der Pius war eigentlich schon abgeschrieben. Dass er noch einmal so einen Sprung macht, finde ich richtig gut. Ich war mit 25 oder 26 in einer ähnlichen Situation. Er wird ja jetzt 30 und das finde ich super, wenn so einer nicht aufgibt. Das hat mich schon schwer beeindruckt.

Eisenbichler will den Skisprung-Nachwuchs unterstützen

Sie haben gesagt, dass Sie sich nach der Karriere vorstellen könnten, weiterhin für die Bundespolizei zu arbeiten. Als was?

Eisenbichler: Fest steht noch nichts, aber mein Ziel ist es, in Bad Endorf an der Bundespolizeisportschule zu bleiben. Das ist kein normaler Job, sondern wie eine Familie – und das taugt mir! Viele ehemalige Sportler, mit denen ich die Ausbildung gemacht habe, arbeiten dort. Ich möchte junge Athleten unterstützen.

Als Trainer?

Eisenbichler: Es ist mein Wunsch, das mal auszuprobieren und die Athleten zu unterstützen, die nachkommen. Ein paar Sachen kann ich denen schon mitgeben. Bei mir ist es auch mal gut und mal schlecht gelaufen. Und es ist gut, denen zu erklären, dass es nicht nur bergauf geht, sondern auch mal Rückschläge gibt.

Wenn Sie bei der Bundespolizei Dienst haben – werden Sie da auch schon mal erkannt?

Eisenbichler: Selten. Vielleicht mal am Flughafen, wenn die Leute etwas länger an der Box stehen. Aber wir haben ja auch Uniform an – und da rechnet dann kein normaler Mensch damit, dass ich jetzt da Dienst mache. Das finde ich auch ganz schön, wenn ich mal meiner ganz normalen Arbeit nachgehen kann.

Und es macht Spaß?

Eisenbichler: Ja. Ich finde es extrem gut, dass ich das gemacht habe. Ich bin ja erst mit 24 zur Bundespolizei gegangen. Es war doch ein Schritt, aber er hat sich mehr als gelohnt!

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